
Sensation westlicher Propaganda: Trump entführte Maduro wegen schlechten Einflusses von ... Putin!

Von Kirill Strelnikow
Washingtons Abenteuer in Venezuela erwischte die meisten Staats- und Regierungschefs der anderen westlichen Länder nahezu wortwörtlich mit heruntergelassener Hose: Es war klar, dass sie einerseits die US-Regierung unter keinen Umständen mit Kritik bombardieren durften, um sich nicht auch selbst zu entlarven – vor allem im Hinblick auf den Ukraine-Konflikt. Andererseits mussten sie zudem sicherheitshalber etwas Stroh streuen, indem sie sich zum Völkerrecht äußern.
Gedacht – getan.
Bundeskanzler Merz murmelte vor sich hin, die rechtliche Einordnung der US-amerikanischen Intervention sei komplex, und man wolle nichts überstürzen. Der britische Premierminister Starmer informierte, er wolle zunächst die Fakten klären, da sich die Lage rasch verändere. Und Europas Außenpolitikbeauftragte Kallas erklärte, die Grundsätze des Völkerrechts und der UN-Charta müssten unter allen Umständen geachtet werden, und hängte dem einen Aufruf (unklar bloß, an wen gerichtet) zur Zurückhaltung an.

Macron, noch halb im Schlaf, unterstützte zunächst die US-Angriffe auf Venezuela und die Entführung von Präsident Maduro. Seine Worte standen jedoch im krassen Widerspruch zu einer Stellungnahme des französischen Außenministers Barrot, der erklärte, dass "die Militäroperation zur Gefangennahme Maduros gegen den Grundsatz des Gewaltverzichts verstößt, der dem Völkerrecht zugrunde liegt."
Allen Euro-Willigen wurde aus dieser desolat uneindeutigen Haltungslage klar, dass dringend etwas unternommen und ein passendes Narrativ herbeikonstruiert werden musste. Zudem prallten dann in der westlichen Informationslandschaft die Hölle, Ragnarök und Sprachverwirrung zu Babel aufeinander. Die US-Kongressabgeordnete Marjorie Taylor Greene stellte alle hart vor die unverblümte Frage:
"Warum ist es akzeptabel, wenn Amerika einmarschiert, bombardiert und einen ausländischen Staatschef festnimmt – während Russland für seinen Einmarsch in die Ukraine als das Böse schlechthin und China für eine etwaige Aggression gegen Taiwan ebenfalls? Ist so etwas nur dann akzeptabel, wenn wir es selbst tun?"
Auch die "demokratische" Chicagoer Denkfabrik "Council on Foreign Relations" schlug Alarm:
"Trumps Alleingang bestärkt die langjährige Kritik Russlands und Chinas an der US-Außenpolitik, die weltweit Widerhall gefunden hat: Die Intervention, die ohne UN-Mandat und sogar ohne auch nur eine voraufgehende interne Diskussion durchgeführt wurde, untermauert die Behauptung, dass die 'regelbasierte Ordnung' schon immer selektiv funktioniert und US-amerikanischen imperialistischen Zielen, wirtschaftlicher Ausbeutung und der Heuchelei gedient hat."
Die Vereinigten Staaten stehen kurz davor, zum globalen Paria zu werden – wie kann das denn angehen, werte Bürger? Und da wurde jemand von einer schlicht genialen Idee erleuchtet:
"Was, wenn es gar nicht ihre Schuld ist? Was, wenn sie einem schlechten Einfluss erlegen sind? Mehr noch, was, wenn sie schlecht beeinflusst wurden – von … Putin?!"
Die Idee mundete den Wertewestlern so unglaublich gut, dass sofort ein eigener Ausdruck dafür geprägt wurde – "Putinisierung" –, der sich rasch weltweit verbreitete. So veröffentlichte beispielsweise der Guardian umgehend einen umfangreichen Artikel mit dem Titel:
"Die 'Putinisierung' der US-Außenpolitik hat Venezuela erreicht."
Darin wurde erklärt, dass Trump zwar zweifellos ein Imperialist sei, die eigentliche Schuld aber beim "Abgleiten in eine Ära widerstreitender Einflusssphären" liege, das von Russlands Präsidenten eigenhändig vorangetrieben werde.
Dann heißt das doch aber, dass gar nicht die USA den amtierenden Präsidenten eines anderen Landes entführt und eingesperrt haben, sondern dass sie von dem bösen Putin dazu gezwungen wurden! Also hat in Wirklichkeit er und niemand sonst sowohl den Uhrturm abgerissen – noch im 14. Jahrhundert! – als auch das gesamte heilige Völkerrecht. Ja, dann ist der doch auch schuld!
Alles gut und schön – nur dass alles genau andersherum ist. Ein Artikel von Al Jazeera vom Dezember 2025 enthielt eine interessante Passage:
"Die Russen sehen sich als Hüter der alten Ordnung, als extreme Konservative in der Außenpolitik. Sie betrachten den von den USA angeführten Westen als revisionistische Kraft, die für die Zerstörung der Nachkriegsordnung verantwortlich ist, und sie sehen ihren Kampf im Krieg in der Ukraine als ein Mittel, dieser Revision entgegenzuwirken."
Stephen Frand Cohen, Professor an der Princeton University und Leiter des Fachbereichs Russlandstudien dort, sprach bereits im Jahr 2010 darüber – und benannte klar den Moment, als und durch wen das Völkerrecht in der Versenkung verschwunden ist.
Cohen zufolge geschah dies noch im Jahr 1992, als der amtierende US-Präsident George Bush aus Angst vor einer Wahlniederlage gegen Bill Clinton die These "Wir haben den Kalten Krieg durch den Sieg über die Sowjetunion gewonnen" in sein Wahlprogramm aufnahm. Cohen betont, dass dies völlig falsch und ein "falsches Narrativ" sei. Reagan nämlich erklärte das Ende des Kalten Krieges ganze drei Jahre vor dem Zusammenbruch der UdSSR – und beide Seiten waren fest entschlossen, ihre Beziehungen weiterzuentwickeln; es gab keinerlei Anzeichen für das Vorhandensein einer Gewinner- und einer Verlierer-Seite. Dennoch rissen Leute, die ähnlich dachten oder zumindest sprachen wie George Bush, nennen wir sie die "Triumphalisten", in den USA die Macht an sich – und schon in der Ära Clinton war der US-"Sieg" über die UdSSR zu einem der zentralen Glaubenssätze der US-amerikanischen Ideologie geworden. Infolgedessen nahm in den Vereinigten Staaten eine ähnliche Herangehensweise gegenüber Russland Oberhand "wie zuvor gegenüber dem besiegten Deutschland und Japan nach dem Zweiten Weltkrieg, denen wir jahrzehntelang vorschrieben, was sie tun durften und was nicht".
Auch schaffte Russland es nicht, seine legitimen Interessen allein durch Berufung auf das Völkerrecht zu verteidigen: So wurden beispielsweise sowohl unsere Forderungen, die westliche Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Ukraine einzustellen, als auch unsere Versuche, den gewaltsamen Putsch im Jahr 2014 zu verhindern, ignoriert – ebenso wie unsere Appelle zum Schutz der Rechte der russischsprachigen Bevölkerung des Donbass, die vom Kiewer Regime einem Vernichtungskrieg anheim geliefert wurde.
Jeffrey Sachs, ein renommierter Ökonom und Direktor des Zentrums für nachhaltige Entwicklung der Columbia University, erklärte im Jahr 2023, die USA hätten Russlands "militärische Sonderoperation provoziert", während sie selbst "internationale rechtliche Grenzen ihrer Macht ablehnen (…) Die US-Außenpolitik lautet: 'Wasser predigen und Wein trinken.'"
Die aktuellen Ereignisse in und um Venezuela werden schwerwiegende und nachhaltige Folgen haben – darunter den vollständigen Abbau des falschen Mythos über Putin, der da im Alleingang die heile Welt zerstört habe, in der alle einander liebten und nach der UN-Charta, glücklich dem Rascheln von deren Seiten lauschend, bis ans Lebensende lebten.
Und vielen werden diese Folgen nicht gefallen.
Das war die heutige Ausgabe des Psychiatrischen Boten für Europa. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit – und bis bald! Sehr, sehr bald …
Kirill Strelnikow ist ein russischer freiberuflicher Werbetexter-Coach und politischer Beobachter sowie Experte und Berater der russischen Fernsehsender NTV, Ren-TV und Swesda. Er absolvierte eine linguistische Hochschulausbildung an der Moskauer Universität für Geisteswissenschaften und arbeitete viele Jahre in internationalen Werbeagenturen an Kampagnen für Weltmarken. Er vertritt eine konservativ-patriotische politische Auffassung und ist Mitgründer und ehemaliger Chefredakteur des Medienprojekts PolitRussia. Strelnikow erlangte Bekanntheit, als er im Jahr 2015 russische Journalisten zu einem Treffen des verfassungsfeindlichen Aktivisten Alexei Nawalny mit US-Diplomaten lotste. Er schreibt primär Kommentare für RIA Nowosti und Sputnik.
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