
Terroranschlag von Chorly: Ausgeführt mit Bauteilen aus Deutschland?

Von Astrid Sigena
Noch ist ein Großteil der Opfer des Terroranschlags von Chorly nicht identifiziert, in den Krankenhäusern wird noch immer um das Leben und die Heilung der Verletzten gerungen. Während in den deutschen Medien zum Brandanschlag auf friedlich Silvester feiernde Zivilisten weitgehend geschwiegen wird, geht man in Russland an die Aufarbeitung des Verbrechens. Im russischsprachigen Segment der Plattform Telegram finden sich Hinweise, deutsche Bauteile könnten in den Todesdrohnen von Chorly Verwendung gefunden haben. Unter anderem schreiben WarDonbass, ColonelCassad, Win-Win und Ukraina.ru darüber; teilweise mit dem Wunsch nach Vergeltung. Von offizieller Seite gibt es noch keine Bestätigung, sodass dies zunächst eine unbewiesene Behauptung bleiben muss. Es gibt allerdings tatsächlich Hinweise, dass Bauteile einer bestimmten deutschen Firma eine wichtige Rolle im ukrainischen Drohnen-Krieg spielen.

Verwiesen wird in den Meldungen immer wieder auf eine Herkunft der Bauteile aus einem in Gilching bei München angesiedelten Industriepark. Der Name Gilching lässt natürlich bei allen, die sich ein wenig mit der deutschen Drohnenproduktion beschäftigen, die Ohren klingeln. Denn Gilching ist der Firmensitz von Quantum Systems, einem der bedeutendsten deutschen Drohnenhersteller überhaupt. Quantum Systems selbst stellt zwar lediglich Aufklärungsdrohnen her, bildet jedoch zusammen mit der ukrainischen Rüstungsfirma "Frontline Robotics" ein Joint Venture namens "Quantum Frontline Industries", das "multifunktionale Drohnen" produziert. Quantum Systems gewährleistet bei diesem Unterfangen unter anderem die Infrastruktur. Außerdem gibt es da noch Stark Defence, ein in Berlin ansässiges Drohnenunternehmen, das die Kamikazedrohne "Virtus" im Angebot hat und aus der Mutterfirma Quantum Systems erwachsen ist. Die Ausgliederung von Stark Defence aus Quantum Systems war notwendig geworden, weil einige Investoren die Produktion von Kampfdrohnen ablehnten. Sowohl Quantum Systems als auch Stark Defence wenden ihre Drohnen im Ukrainekrieg an, teilweise sogar in einem gemeinsamen Wirkungsverbund auf identischer Softwarebasis, sodass die Daten der Aufklärungsdrohne sofort an die bereits in der Luft befindliche Kamikazedrohne geliefert werden. Starks Produktionsstandort im Großraum München ist geheim, aber es liegt natürlich nahe, Gilching in die engere Auswahl zu nehmen.
In den russischsprachigen sozialen Medien wird immer wieder ein Foto derselben Drohnenkomponente gezeigt, die in Chorly aufgefunden worden sein soll. Trotz der Lädierungen durch Explosion und Aufprall ist auf dem kastenförmigen, verkabelten Bauteil eine deutsche Aufschrift noch gut zu erkennen. Man sieht beispielsweise eine deutsche Warnung vor Hochspannung, das deutsche Wort "Bereich" sowie die Bezeichnung "IIS Zündung Ignition". Auch das Firmenlogo "3W" sowie der Firmenname "3W Professional GmbH" sind erkennbar. Allerdings führt diese Spur weg von Gilching, denn diese Firma, die Antriebslösungen für Modellflugzeuge anbietet, hat ihren Sitz im hessischen Hanau. Auch Motoren für UAVs, also für Drohnen, sind in ihrem Angebot. Einem mit dem Sender SWR geführten Interview des Geschäftsführers Kai Weinhold zufolge ist die Bestückung von Drohnen mit Zweitaktmotoren mittlerweile sogar das Hauptgeschäft des Unternehmens. Weinhold spricht in dem Interview vom Juli 2025 jedoch von Drohnen für zivile Zwecke.
Deutsche Bauteile in Hisbollah-Drohne
Allerdings ist seine Firma in den vergangenen Jahren immer wieder ins Gerede gekommen, weil Bauteile von 3W in militärisch genutzten Drohnen in Krisengebieten gefunden worden waren. Zuletzt war dies 2024 der Fall, als in einer über Israel abgeschossenen Drohne der Hisbollah ein Motor von 3W entdeckt worden war. Der Weg der 3W-Motoren in die jeweiligen Kampfzonen ging über Zwischenhändler, sodass die Firmenleitung ihre Hände weiterhin in Unschuld wäscht. Man sei "erschüttert darüber, dass möglicherweise einer unserer Motoren in einer Drohne verbaut wurde, um von einer terroristischen Organisation für ihre kriminellen Zwecke missbraucht zu werden", antwortete 2024 die Geschäftsleitung einer Welt-Anfrage. Man verkaufe die 3W-Motoren nicht an Embargo-Länder und halte sich an alle Exportgesetze und Vorschriften. Insofern könne man nicht nachvollziehen, wie das Bauteil an die Hisbollah gelangt sei. Den Weiterverkauf der 3W-Motoren könne man leider nicht kontrollieren.
Die Hisbollah-Drohne ist jedoch kein Einzelfall. Bereits 2018 und in den Folgejahren waren Bauteile von 3W in Drohnen bei der jemenitischen Huthi-Bewegung aufgetaucht. Der Verbreitungsweg ging wohl über Griechenland nach Iran und von dort aus zu den Huthi. Und über einen tschechischen Zwischenhändler gelangten 3W-Motoren auch in die Drohnen prorussischer Kämpfer in der damaligen Ostukraine. Auch russische Aufklärungsdrohnen, die man in Polen und Litauen gefunden haben will, sollen 3W-Produkte genutzt haben. Da die Motoren von 3W Professional nicht in der EU-Verordnung als Dual-Use-Güter gelistet sind, muss die Firma die Ausfuhr nicht extra bei den deutschen Behörden beantragen. Insofern ist es tatsächlich schwer nachzuvollziehen, bei welchem Endverbraucher die Flugzeugmotoren dann landen.
Im Falle der Ukraine wären etwaige Restriktionen jedoch ohnehin weitgehend weggefallen. Seit 2022 liefert die BRD (von den Taurus-Marschflugkörpern abgesehen) fast alles dorthin, was schützen, aufklären oder schießen kann. Das dürfte auch für 3W Professional gelten. Tatsächlich gab es schon vor Chorly Hinweise darauf, dass von 3W stammende Motorenteile im gegenwärtigen Ukraine-Krieg eingesetzt werden. So war eine mit TNT-Sprengstoff versehene Drohne, die Ende Juli 2025 über der weißrussischen Hauptstadt Minsk abgestürzt war, Bildern der Ermittler zufolge mit Motoren der Firma 3W ausgestattet. Die weißrussischen Behörden machten ukrainische Einheiten für den Einsatz der Spreng-Drohne in Minsk verantwortlich, die ukrainische Seite dementierte.
Bereits im März 2025 war in einem Artikel von einer neuen ukrainischen Langstreckendrohne namens FP-1 die Rede, die – dem Drohnenexperten Denis Fedutinov zufolge – höchstwahrscheinlich mit einem Modellflugmotor des deutschen Unternehmens 3W ausgestattet ist. Diese Vermutung liege nahe, da dieses Unternehmen recht leistungsstarke Antriebe produziere (Motorleistung der Verbrennungsmotoren für ferngesteuerte Flugzeugmodelle: mindestens 30 PS). Auch hier also führt die Spur nach Hanau.
Immer mehr Lieferungen direkt in die Ukraine
Aber es lassen sich auch tatsächlich Belege dafür finden, dass 3W Professional in die Ukraine liefert. ImportGenius, eine Plattform für internationale Handelsdaten, weiß zu berichten, dass die Hanauer Firma bis zum Dezember 2025 insgesamt 439 Lieferungen von Verbrennungsmotoren beziehungsweise Flugzeugmotoren sowie weiterer Bauteile (Dichtungen usw.) an drei Kunden in der Ukraine geleistet hat, unter anderem an eine Kiewer Firma namens "Fire Point"/"Файєр Поінт" sowie an ein ebenfalls in Kiew ansässiges Unternehmen namens "Ramsay"/"Рамзай" – wobei zwischen 2024 und 2025 die Zahl der Lieferungen drastisch angestiegen ist (mittlerweile sind die meisten Daten bei ImportGenius gelöscht).
Die Handelsdatenplattform Volza nennt weitere Kunden von 3W in der Ukraine: Da wäre zum einem die Skaeton Aviation Manufacturing Co Llc Ukraine – womöglich eine Verwechslung mit der ukrainischen Drohnenfirma Skyeton? Zumindest haben beide Firmen, sowohl Skaeton als auch Skyeton, ihren Sitz in der Kiewer Smolna-Straße. Und Letztere, die Firma Skyeton, besitzt sogar eine Niederlassung im bayerischen Gilching. Daneben taucht wieder als alte Bekannte die Kiewer Firma "Рамзай" auf, dazu kommen die Firmen Tov Reindorf (in der Kiewer Lew-Tolstoi-Straße) und Glefa Limited Liability Company (16 Bknyazhiy Zaton Street Building). Wichtig in diesem Zusammenhang: Bei allen diesen 3W-Kunden erscheint der HSN-Code 8407, der Hubkolbenmotoren oder Verbrennungsmotoren bezeichnet. Daneben spielen wahlweise die HSN-Codes 8544 (elektronische Kabel), 9015 (Vermessungsgeräte), 9014 (Navigationsinstrumente), 8526 (Radargeräte), 8409 (Kolben, Kurbelwellen und andere für Verbrennungsmotoren geeignete Bauteile), 9025 (Messinstrumente wie Hydrometer und Thermometer), 8501 (Elektromotoren, Stromaggregate) sowie 8302 (Beschläge und Halterungen aus Metall) eine Rolle.
Es ist also durchaus möglich, ja sogar wahrscheinlich, dass die Drohnen, die ihre tödliche Fracht über den arglosen Silvesterparty-Gästen von Chorly abwarfen, von deutscher Technik angetrieben wurden. In Russland sorgt das für zunehmende Wut. In Deutschland – sofern der Terroranschlag von Chorly überhaupt als solcher wahrgenommen wird – herrscht dagegen weiterhin Gleichgültigkeit. Im Gegensatz zu den Vorfällen in der Vergangenheit wird die Firma 3W Professional mit einer Entrüstung vonseiten der deutschen Öffentlichkeit nicht zu rechnen haben. Sie kann also ihre florierenden ukrainischen Geschäfte weiterhin guten Mutes betreiben. Andere müssen dafür mit ihrem Blut und ihrem Leben bezahlen.
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