
Collagen über Jahrhunderte deutsch-russischen Verstehen-Lernens (I)

Von Rainer Rupp
Es gibt ihn noch in Deutschland, den deutsch-russischen Kulturaustausch. Dafür musste man aber kurz vor Weihnachten ganz weit weg von Berlin gen Westen fahren, ins saarländische Beckingen im französisch-deutsch-luxemburgischen Dreiländereck. Dort gab es in der lokalen "Kulturwerkstatt" eine bis auf den letzten Platz ausgebuchte deutsch-russische Feier, bei der weder der Hunger nach Kultur und intellektuellem Austausch noch der nach Spezialitäten der russischen Küche zu kurz kam. Begleitet war die Veranstaltung von Live-Chorgesang und Tänzen aus Russland zur Freude und Erbauung der Mitglieder der "Gesellschaft für deutsch-russische Freundschaft" und deren geladenen Gäste.
Von besonders intellektuellem Genuss war der Vortrag unter dem Titel "Die Wahrnehmungen des Anderen – Betrachtungen von Deutschen und Russen im Spiegel der Literatur im Laufe der Jahrhunderte", der auf einer "Collage" von Dr. Thomas Hohnerlein basierte. Diese mehrteilige Artikelserie führt den geneigten RT-Leser mit vielen literarischen Auszügen durch die Jahrhunderte deutsch-russischen Kennenlernens, was aktuell den deutschen und EU-Eliten so verachtenswert erscheint.

Laut der bemerkenswerten Ausarbeitung von Dr. Hohnerlein wissen schriftliche Dokumente und die Literatur im umfassenden Sinne schon vor vielen Jahrhunderten über recht intensive, wiederkehrende und anhaltende Kontakte zwischen Deutschland und Russland und ihren Kulturen zu berichten.
Die "Rus" und die "Russen" sind schon in den mittelhochdeutschen Epen und in den Werken der deutschen Dichter des Mittelalters nichts Seltenes. So werden sie schon gemeinsam mit den Griechen und den "wilden Petschenegen" unter den Kriegern des Königs Etzel im Nibelungenlied erwähnt.
Erste dokumentierte Kontakte Ende des 15. Jahrhunderts
Auf Überlieferungen über die ferne Rus' stoßen wir schon bei Walther von der Vogelweide, Hartmann von Aue, bei Tannhäuser oder Ulrich von Lichtenstein. Und bei Oswald von Wolkenstein (1377-1445), einem deutschen Dichter aus dem Val Gardena in Südtirol, der nach den Vorbildern der Reisepoesie erzogen war, der die "russischen" Lande besuchte und die "russische" Sprache kannte. Immer wieder gibt es in den alten Schriften Bezüge zu Russland oder den Russen:
"Ich han gewandelt manig her, gen Preussen, Reussen, über mer. Es wär noch vil ze sagen ... was ich in jungen tagen, geabenteuert han, mit cristan, Reussen, haiden"
Und von einem Schiffbruch, den er gemeinsam mit einem Russen – einem Seemann oder gleichfalls Kaufmann? – auf dem Schwarzen Meer während einer Reise nach Trapezunt in der heutigen Türkei erlitt, weiß er zu berichten:
"die swarze se lert mich ain fass begreiffen, do mir zerprach mit ungemach mein wargan\n, ein kauffman was ich, doch genas ich und kam hin, ich und ain Reuss."
Anhand des folgenden Beispiels, das als literarisch nur im weiteren Sinne zu betrachten ist, soll deutlich werden, dass es insbesondere der Handel des aufkommenden Bürgertums, sprich die wachsende Kaufmannschaft war, die nach den bislang überwiegend militärischen Berührungen zwischen den Völkern –den Feldzügen der Kreuzritter nach Litauen und der Rus, einzelnen Erkundungsreisen bis "in ein ander lant, daz war Russenia genant" – nun vermehrt den ökonomischen und damit auch den kulturellen Austausch beförderte.
Eine gewaltige Rolle in den Beziehungen zwischen deutschen und russischen Kaufleuten spielten die Spezialdolmetscher, die den einzelnen Hansestädten – Lübeck, Tallinn, Riga, Malbork, Kaliningrad bis nach Nowgorod – zur Verfügung standen. Auf diese Art war allerdings die Verständigung ein aufwendiges Verfahren, und es sollte sich – ähnlich wie im Handel zwischen Venedig und den oberdeutschen Städten, wie z.B. Nürnberg und Augsburg – als nützlich erweisen, dass es vermutlich Kaufleute waren, die zur Selbsthilfe griffen und ihre alltägliche berufliche Praxis in Form mehrsprachiger Wörterbücher dokumentierten.
Was im Falle des oberdeutsch-venezianischen Austausches ein Adam von Rottweil mit seinem deutsch-venezianischen Wörterbuch von 1477 leistete, fand, wenn man so will, einen Nachahmer in einem Deutschen, der Russisch lernen wollte und sehr wahrscheinlich auch in Russland weilte, und seinem "Russischbuch", das vermutlich vom Ende des 15. Jahrhunderts stammt. Es könnte laut linguistischen Studien im Gebiet Nowgorod entstanden oder aber mithilfe eines Russen aus Nordwestrussland zusammengestellt worden sein.
Die Vertreter vieler ausländischer Handelsgesellschaften, die im 16. und 17. Jahrhundert in Russland tätig waren, trachteten wiederholt danach, über Moskau einen Handelsweg gen Osten einzurichten. Der Herzog von Holstein, Friedrich III., erhielt vom russischen Zaren 1633 die Genehmigung, Waren aus Persien über das Kaspische Meer entlang der Wolga und Oka nach Moskau zu bringen und von dort auf dem Landweg gen Westen. Diese Gesandtschaft wurde bekanntlich hervorragend vom Sekretär der Delegation, dem hochgebildeten Historiographen Olearius beschrieben, dessen ausführliche Schrift "Reisebeschreibungen" mit zuweilen sehr ablehnenden Charakterisierungen der russischen Menschen bis heute zu den bemerkenswertesten Büchern über Russland gehört, das vielfach in fremde Sprachen übersetzt wurde und einen Ehrenplatz auch in russischen Bibliotheken fand.
Bei Olearius stößt man auch auf den Namen Paul Fleming, und hier beginnt es in der Tat literarisch im engeren Sinne zu werden. Fleming, der alles, was ihm und seinen Begleitern auf der Reise begegnete, mit unversiegbarer Neugier, Begeisterung und Wissbegierde aufnahm, widmete der Reise ein ganzes Buch mit Sonetten, Sendschreiben und Oden. Er gilt als größter deutscher Dichter des 17. Jahrhunderts und als direkter Vorläufer der klassischen deutschen Dichtung, der Epoche von Goethe und Schiller. Wir haben es also nicht nur mit dem größten deutschen Poeten seines Jahrhunderts zu tun, sondern auch mit einem Russland-Reisenden, und mit dessen Reiseeindrücken sind die besten Früchte seines poetischen Schaffens verknüpft. Flemings Poesie entspringt dem eigenen Erlebten.
Verliebt in die einfachen russischen Menschen
Fleming hielt sich während der Gesandtschaft im Jahre 1634 für längere Zeit in Nowgorod auf. Er hatte sich vermutlich vor dem Hintergrund der Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges entschlossen, sein Heimatland für immer oder zumindest für lange Zeit zu verlassen. Nach Überschreiten der Grenze zum russischen Reich war er gleich von ganz anderen Bildern beeindruckt. Sehr bald erhielt Fleming die Möglichkeit, das russische Leben ganz aus der Nähe kennenzulernen und sich an die Besonderheiten dieser Lebensweise zu gewöhnen.
Und wie sein Vorbild, der römische Dichter Ovid, während seiner Verbannung in das skythische Südrussland, so will auch Fleming in neuer Umgebung das Neue besingen: "Ich wolt, als wie ich vor bei meiner Muld und Saalen, um euren Obi tun, in den begrünten Talen, der Neeper wohnhaft sein und eures Landes Zier auf mein und euer Art den Wäldern singen für." (In heutigem Deutsch heißt das in etwa: "Ich wünschte, ich könnte wieder wie früher bei meiner Mulde [Fluss in Sachsen] und Saale, mit eurem Obst in den grünen Tälern des Dnjepr [Fluss in der Ukraine] wohnen und die Zierde eures Landes auf meine und eure Art den Wäldern vorsingen.")
Der nachfolgende Auszug entstammt laut Dr. Hohnerlein einem Gedicht Flemings über das Leben der Nowgoroder Bauern, in dem er deren unkomplizierte Lebensweise ausbreitet, ihren Lebenskreis von der Wiege über die Heirat bis zum Begräbnis, ihre Sitten und Bräuche, ihre Betätigungen, ihre Sorgen und naiven Freuden. Das Werk selbst sei sehr stark idealisierend und stimme mit den realen Bedingungen vor Ort in jener Zeit nicht überein. Der vor dem Krieg in Deutschland geflüchtete Fleming sucht das Positive im neuen Land, und dies mit großer Begeisterung und ernsthafter Zuneigung:
"Zeuch in die Mitternacht [eine Metapher für "Zieh in das Unbekannte"], in das entlegene Land, das mancher tadelt mehr, als das ihm ist bekant! Tu', was dir noch vergünnt der Frühling deiner Jahre! Laß sagen, was man will! Erfahre du das Wahre! Dem traut man, was man sieht. Und hoffe diß darbei, daß in der Barbarei auch was zu finden sei, das nicht barbarisch ist! Wolan, ich bin vergnüget. Es hat mich nicht gereut, das ich mich her verfüget... Ich muß die Leute preisen, die so wie diese sind."
Deutsche als Minister in russischen Regierungskabinetten
Ende des 17. Jahrhunderts kommt es in Russland zu einer einschneidenden Zäsur: Im Jahre 1696 übernimmt der damalige Zar und spätere Kaiser Peter I. die Alleinregentschaft. Hier zitiert Dr. Hohnerlein den Philosophen und Publizisten Hauke Ritz, der in seinem jüngst erschienen Buch "Vom Niedergang des Westens zur Neuerfindung Europas" schreibt:
"Zwischen der Zeit Peter des Großen ... bis zur Amtszeit Bismarcks am Ende des 19. Jahrhunderts bestand sogar eine Deutsch-Russische Allianz, die sich durch einen engen Handels- und Kulturaustausch, militärische Allianzen sowie die Auswanderung von Hunderttausenden von Deutschen nach Russland manifestierte. In dieser Zeit hat Russland einen großen Teil seiner Modernisierung in Kooperation mit deutschen Wissenschaftlern, Kaufleuten, Handwerkern und Diplomaten erfahren. In vielen russischen Regierungskabinetten arbeiteten Deutsche als Minister, dreimal waren Deutsche in Russland Kanzler und in Gestalt von Katharina der Großen sogar einmal Zarin."
Unter Berücksichtigung des Themas dieser Ausarbeitung sollen uns hier weniger die politischen und ökonomischen Errungenschaften der petrinischen Reformen interessieren als vielmehr die kulturellen und ideologischen Interessen, die nach Peters Plänen von der neugegründeten Akademie der Wissenschaften befriedigt werden sollten. Das nahezu analphabetische und unwissende moskowitische Russland verfügte laut dem Autor der Collagen "noch nicht über ausreichendes Lehrpersonal, und so musste man im Laufe des ganzen 18. Jahrhunderts zu diesem Zwecke Fachleute aus ganz Westeuropa, vornehmlich aus Deutschland heranziehen".
Deren Augenmerk richtete sich nicht zuletzt auch auf Fragen der Geschichte der russischen Sprache und der Literatur. Es sollte der Übergang vom episodenhaften, zuweilen spärlich dokumentierten, eher gelegentlichen Berühren der beiden Kulturen hin zu einem breiteren, vielfach von lebhaftem Interesse geprägten Durchdringen der beiden kulturellen Sphären werden, wie wir im nachfolgenden Teil II feststellen werden.
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