Weltwirtschaftskrise: Volle Kraft voraus

Der Finanzsektor bebt weiter und der größte Vermögenstransfer in der Geschichte ist im Anmarsch. Die Zivilgesellschaft hat keinen Einfluss darauf, wie die Inflation gehandhabt wird. Zentralbanken waren nie Thema politischer Parolen. Und das ist das Problem.

Von Elem Raznochintsky

Noch im August fand das Jackson Hole Economic Policy Symposium in Kansas City im US-Bundesstaat Missouri statt. Dieses mehrtägige Treffen wurde von der dortigen Filiale der US Federal Reserve, also der US-amerikanischen Zentralbank, organisiert.

Hohe Gäste waren geladen und es gab einiges zu besprechen. Der Präsident der Federal Reserve Jerome Powell war auch anwesend und äußerte sich. Seit der Corona-Krise, aber nun, seit dem Beginn der militärischen Sonderoperation in der Ukraine mit all den über Russland verhängten Sanktionen hängt die Öffentlichkeit und der "freie Markt" im Westen ganz besonders an jedem Wort, das Powell von sich gibt. Mittlerweile werden seine öffentlich gemachten Äußerungen als mit am einflussreichsten für die Weiterentwicklung der internationalen Märkte bewertet.

Zum andauernden Inflationsproblem der USA lautete Powells Machtwort folgendermaßen:

"Um die Inflation zu senken, wird wahrscheinlich eine anhaltende Periode eines unter dem Trend liegenden Wachstums erforderlich sein. Höhere Zinssätze, ein langsameres Wachstum und ein schwächerer Arbeitsmarkt werden zwar die Inflation senken, aber sie werden auch den Haushalten und Unternehmen Schmerzen bereiten. Dies sind die unglücklichen Kosten der Inflationsbekämpfung. Gelingt es jedoch nicht, die Preisstabilität wiederherzustellen, würde dies weitaus größere Schmerzen verursachen."

Wenn man sich jedoch die übrigen Gäste dieses Symposiums anschaut und deren Reaktion auf Powells Empfehlung bewertet, zeigt sich, dass dieser Ansatz von allen Zentralbanken der liberal-demokratischen Länder des Westens angewandt wird.

Zu den enthusiastischen Befürwortern gehören unter anderem der Chef der französischen Zentralbank François Villeroy de Galhau, der lettische Zentralbankgouverneur Mārtiņš Kazāks, aber auch das EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel. Alle genannten Akteure waren sich einig, dass durchgreifende erhebliche politische Maßnahmen getroffen werden müssen, darunter eine weitere Erhöhung der Zinssätze.

Die komplette Veranstaltung ist wichtig für zumindest eine Erkenntnis: Der jetzige Eskalationskurs ist gewollt, steht fest und wird zu Ende gebracht.

Es gibt in jedem westlichen Land eine nur kleine Anzahl politischer Parteien, die sich in ihrem Programm vorgenommen haben, Ansprüche auf monetäre Politik zu erheben. Das Handeln der eigenen nationalen Zentralbanken galt nie als direkter Interessenpunkt der einfachen Wähler und wurde seit hundert Jahren auf eine elitäre, nicht gewählte Finanzclique outgesourct, die zwar kollegiale, aber nicht verpflichtende Beziehungen zu den gewählten Volksvertretern pflegen.

Auf die EU bezogen hat der manifestierte Volkswillen keine Relevanz hinsichtlich einer direkten Beeinflussung der EZB. Das ist ein weiterer Hinweis auf die schiere Ausweglosigkeit der kommenden Ereignisse.

Finanzblasen allenthalben

Die hoch lukrative, aber auch spekulative US-dominierte Finanzdomäne der Derivate ist extrem aufgebläht und wird sicherlich nicht rechtzeitig vor dem Zusammenbruch des klassischen aktuellen Weltfinanzsystems entlastet werden. Die Geldmengen, die in diesen von Banken fiebrig geschaffenen Finanzprodukten verankert sind, erscheinen enorm. Allein die ersten acht Banken auf dieser Liste, allesamt US-Finanzeinrichtungen, hantieren mit Derivaten im Wert von 192 Billionen US-Dollar. Eine unvorstellbare Summe.

Derivate sind Anlagen, die von Finanzinstrumenten abgeleitet werden oder aus mehreren Anlagen bestehen, die über ein gewisses Verfallsdatum, eine vertraglich bestimmte Laufzeit verfügen. Der Basiswert eines Derivats kann sich schnell ändern und die Dynamik im Markt ist hoch. Die Frage wird sehr bald sein, wer am Ende mit leeren Händen dasteht. Der aktuelle Umlauf und Umfang des Derivaten-Marktes ist größer als vor der Finanzkrise 2008.

Zurück zu den verantwortlich klingenden Worten der westlichen Zentralbankchefs, die Zinssätze weiter erhöhen zu müssen. Stimmen der Vernunft erklangen von den Experten bei Bloomberg, die eine weitere Erhöhung der Zinssätze – besonders in der Eurozone – als riskant einschätzen. Bereits zu "normalen" Zeiten ist die Erhöhung der Zinssätze verbunden mit einer Preissteigerung für so ziemlich alle Finanzbewegungen und Dienstleistungen im Bankensystem. Seien es Kredite, Hypotheken, Ratenzahlungen aller Art. Dinge, die den einfachen Bürger als Allererstes und am allerhärtesten treffen werden. Eine Verlangsamung der allgemeinen Wirtschaftsleistung und steigende Arbeitslosigkeit sind weitere Symptome.

Die übliche und leichtsinnig bis tollkühn genutzte Strategie der Zentralbanken, die Erhöhung der Geldmenge, wie sie zuletzt exzessiv während der Corona-Krise praktiziert wurde, ist zurzeit ein finanzpolitisches Tabu. Zu offensichtlich würde der ohnehin vorsätzliche Kurs zur Sprengung des Finanzsystems enthüllt werden. Deswegen bleibt nur noch eine Erhöhung der Zinssätze.

Apropos 2008: Bloomberg mahnt, dass das Pandemiejahr 2020 den Rekordverlust an Kapital im Aktienmarkt in Höhe von 24 Billionen US-Dollar sehr knapp gebrochen hat. Indessen konnte das laufende Jahr 2022 diesen besorgniserregenden Trend mit einem Verlust von 36 Billionen US-Dollar noch einmal sichtlich überbieten.

Zu guter Letzt weisen die Kollegen von Bloomberg auf die überaus schlechte Bilanz der wichtigsten Zentralbanken der Welt hin: Ein Minus von 3,1 Billion US-Dollar. Gemeint sind die US Federal Reserve, die Europäische Zentralbank, die Bank of England und die Bank of Japan. Es handelt sich um einen präzedenzlosen Fehlbetrag in den vergangenen zwei Dekaden. Dass alle vier Zentralbanken denselben selbstzerstörerischen Kurs fahren und weiter fahren werden, spiegelt sich in den Äußerungen voller Selbstbeweihräucherung beim Jackson Hole Economic Policy Symposium in Kansas City wider.

Weiterhin gilt, dass das Kollaps-Szenario, über das wir noch Ende Januar 2022 berichtet haben, nichts an Dringlichkeit verloren hat.

Wie sieht es unterdessen bei Bitcoin und Gold aus?

Kürzlich hatten die beiden Finanzinstrumente Bitcoin und Gold einen halbwegs simultanen Preisanstieg, wohingegen sie sonst über das ganze Jahr hinweg eine sehr schwache Preiskorrelation hatten. Wenn der Wert 1,0 perfekte Synchronizität zwischen zwei Anlagen repräsentiert, bedeutet 0,0 und alles darunter ihre steigende Beziehungslosigkeit in der Preisbewegung. Wie die Forschungsplattform Kaiko errechnete, haben Gold und Bitcoin kürzlich einen Höchststand in Preiskorrelation von 0,36 erreicht – der signifikanteste seit knapp über einem Jahr.

Experten zufolge ist das zurückzuführen auf eine steigende Anzahl von Investoren, die versuchen, sich auf den kommenden Kollaps vorzubereiten, indem sie ihr Kapital aus alten Anlagen umlagern oder zumindest versuchen zu diversifizieren.

Die Preiskorrelation zwischen dem Aktien- und dem Kryptowährungsmarkt ist in seinen Bewegungen viel ähnlicher. In Anbetracht des weiter oben angeführten extremen Wertverlustes im Aktienmarkt im Jahr 2022 sei bezüglich Kryptowährungen weiterhin größte Vorsicht geboten.

Ob der Bitcoin gefährdete Kapitalanlagen mittelfristig von einer steilen Entwertung abschirmen kann, die im Rahmen der kommenden Weltwirtschaftskrise wüten wird, bleibt unklar.

Beide Anlagen – Gold und Bitcoin – gelten als Inflationsschutz, wobei Gold in dem Sinne eine weitaus längere Erfolgsgeschichte als Absicherung gegen Inflation innehat. Nicht ohne Grund ist auch die Geschichte der staatlich erlassenen Goldverbote in den USA, in Großbritannien oder Australien, die allesamt im 20. Jahrhundert eingeführt wurden, reich an bitteren Anekdoten für die dortigen Zivilgesellschaften. Um so härter der wirtschaftliche Kollaps war, umso tiefer war die darauffolgende Abhängigkeit der Bürger von staatlichen Systemen, die stets eine "neue Normalität" mit sich brachten.

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