Meinung

Mord an Dugina – Die westliche Zivilgesellschaft schweigt

Die Zivilgesellschaft sei wichtig, betonen die westlichen Vertreter und verweisen auf ein Geflecht aus Dutzenden Nichtregierungsorganisationen, die unabhängig handeln könnten. Aber tun sie das? Verdammen sie, was sie verdammen müssten, auch wenn ihre Regierung das nicht tut?
Mord an Dugina – Die westliche Zivilgesellschaft schweigtQuelle: Sputnik © Ramil Sitdikov

Von Sergei Strokan

Allem Anschein nach war es ein terroristischer Akt: die schockierende Ermordung von Darja Dugina in Moskau, einer der klügsten und begabtesten Vertreterinnen der ersten Generation, die im bereits unabhängigen Russland das Licht der Welt erblickte, die sich erhob und in der ganzen Welt von sich hören ließ. Dieser Mord hat uns schockiert, doch kein Echo in den Zitadellen der globalen Demokratie hervorgerufen.

Als wäre nichts geschehen.

Selbstverständlich wäre es töricht zu erwarten, dass das State Department oder das Foreign Office plötzlich ihr Bedauern oder ihre Besorgnis zum Ausdruck bringen würden. Die Verstorbene stand auf Sanktionslisten und galt als eine der größten Feindinnen des Westens. Warum sollte man von diesem Mord, auch wenn es wie ein Terroranschlag aussieht, laut sprechen und ihn als einen Terroranschlag bezeichnen, wenn dabei dein Feind getötet wurde?

Besser ist es zu schweigen. Ansonsten müsste man nämlich Fragen beantworten, die der Westen, der einen Krieg der Sanktionen führt und die Ukraine als Rammbock benutzt, nicht hören will.

So oder so, aber im Gegensatz zur westlichen Beamtenschaft des State Department, des Weißen Hauses, des Foreign Office und der Downing Street gibt es auch eine "westliche Zivilgesellschaft". Das sind die Nichtregierungsorganisationen, die Menschenrechtsaktivisten, die im Schweiße ihres Angesichts arbeiten und fast jeden Tag über Morde, Verfolgungen, Angriffe auf die Demokratie und die Unterdrückung der Menschenrechte erst in Myanmar, dann in Afghanistan und schließlich in Russland berichten. Wo denn sonst?

Außerdem gibt es Expertengruppen, internationale Gewerkschaften von Journalisten und alle Arten von Weltpresseverbänden.

Ihre Vertreter positionieren sich seit jeher als Ritter der Demokratie, die ihre Mission als unerschütterliche Hüter der demokratischen Ideale sehen. Sie zeigten stolz ihre Bereitschaft, uns zu erklären, dass es nicht immer notwendig ist, der Obrigkeit zu huldigen, und sie sind stolz auf das Recht, das ihnen nur eine reife Demokratie zugestehen könne.

Denn kein autoritäres Regime könne das tun, wo jeder doch gezwungen ist, der herrschenden Stimme zu folgen, wo jeder festgenagelt werden kann.

Allerdings schweigen die internationalen Organisationen für Menschenrechte – wie alle anderen auch.

Vielleicht wird am Wochenende nicht gearbeitet?

Obwohl, es ist offensichtlich, das Wochenende hätte unterbrochen werden müssen.

Auf der anderen Seite ist das Schweigen ein Zeichen der Zustimmung.

So scheint es, dass sie alle auf einmal die Distanz verloren haben, die es ihnen einst erlaubte, sich auf die Brust zu klopfen und über die eigene Unabhängigkeit zu sprechen. Nach dem Beginn der militärischen Operation in der Ukraine genießt namentlich die Ukraine in ihren Augen die Unschuldsvermutung, während der Status des Schuldigen an allem Unglück Russland zuerkannt wurde. In diesem Zusammenhang wird das Geschehen in der Welt durch das Prisma dieses Ansatzes wahrgenommen.

So wurde der Kampf für Demokratie und Menschenrechte zu einem Mechanismus und Instrument zur Bekämpfung Russlands. Es überrascht nicht, dass die wenigen Veröffentlichungen über die Tragödie in Moskau nicht den geringsten Wunsch erkennen lassen, das Geschehen zu verstehen. Dafür aber fungiert das Etikett "Putins Propagandisten" – und der Berater von Selenskij, Michail Podoljak, wird mit den Worten zitiert, die Ukraine habe damit absolut nichts zu tun.

Schließlich ist in der Darstellung von Michail Podoljak nicht die Ukraine, sondern Russland ein "terroristischer Staat".

Und im Westen gibt es niemanden, der dies hinterfragen würde. Die Explosion hat die Institutionen, die selbständig hätten denken müssen, in Stücke gerissen. Womöglich stehen sie aber auch nur unter Schock. Vielleicht wachen sie auf, kommen zur Vernunft und brechen noch durch?

Sergej Strokan. Dichter, Journalist, Moderator von Talkshows in staatlichen Fernsehsendern. Er wurde in der Ukraine in der Stadt Nowomoskowsk in der Region Dnepropetrowsk geboren. Im Jahr 1982 schloss er sein Studium am Institut für Asien- und Afrikastudien der Staatlichen Universität Moskau als Orientalist-Philologe ab. Er arbeitete in der Asien-Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften, dann als Sonderkorrespondent für die Wochenzeitung Moscow News und auch als Leiter der Abteilung für auswärtige Angelegenheiten der sozialen und politischen Zeitschrift Itogi. Derzeit ist er Kolumnist bei der Zeitung Kommersant.

Übersetzt aus dem Russischen

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