Meinung

Der Krieg der schlechten Nachrichten

Ein Gespenst geht um in Deutschland. Es ist das Gespenst des Pessimismus, der Angst, das Gespenst des Alarmismus und der Panik. Die psychologischen Folgen dürften gravierend sein, und die Tatsache, dass sie bisher nur peripher eindeutig in Erscheinung treten, macht die Sache nicht besser.
Der Krieg der schlechten NachrichtenQuelle: www.globallookpress.com © Tanja Ahrend

von Tom J. Wellbrock

Jahrelang wurde uns erzählt, dass wir im besten Deutschland aller Zeiten leben, dass es uns gut gehe und alles in bester Ordnung sei. Das stimmte zwar nur bezogen auf eine kleine, auserkorene Gruppe von Menschen, doch die Erzählung verfehlte ihre Wirkung dennoch nicht. Irgendwas musste ja dran sein an dieser Einschätzung, und wenn sie nur oft genug wiederholt wird, glaubt es irgendwann vielleicht sogar der Flaschen sammelnde Hartz-IV-Empfänger, der aufpassen muss, dass ihm diese Einnahme nicht von seinen monatlichen Leistungen abgezogen wird.

Doch die Ära des besten Deutschlands aller Zeiten ist vorbei. Jetzt heißt es, dass wir alle ärmer werden, dass wir uns einschränken müssen, womöglich die Heizung auf staatliche Anweisung ein paar Grad nach unten geregelt werden muss. Es ist für die "gute Sache", für den Frieden oder besser noch für den Krieg, der gewonnen werden kann und muss.

Doch selbst die Aussicht auf einen gewonnenen Krieg wird von den Verantwortlichen mit versteinerter Miene ausgesprochen, freudlos, ohne Begeisterung. Nun sollten Kriege grundsätzlich niemanden begeistern, sie sind schrecklich, fordern unzählige Opfer und schaffen Landschaften der Verwüstung. Aber wenn er denn schon sein muss – und unsere Verantwortungsträger lassen daran keinen Zweifel zu –, dann muss er eben gewonnen werden. Wenn man in die Gesichter der "Durchhalteparolierenden" sieht, ist jedoch auch dieser Sieg, wann immer er denn in welcher Form eintreten mag, keine Erfolgsmeldung. Vielleicht, weil sie selbst nicht daran glauben. Oder weil ihnen klar ist, dass dieser Sieg im besten Fall ein Etappensieg wäre – auf dem Weg zu etwas Größerem, womöglich einem Regime Change in Moskau. Würde der ausreichen, um der verantwortlichen Politik ein Lächeln zu entlocken?

Für die Menschen im Land sind die permanent wiederholten schlechten Nachrichten eine Tortur. Seit dem Ausbruch der Corona-Politik werden sie gegängelt, unter Druck gesetzt, erpresst, psychisch und finanziell extrem belastet. Datenlos tatenlos mussten sie auf ihren Sofas hocken, getrennt essen, sich voneinander distanzieren, distanzieren, distanzieren. Und weil Lauterbach nicht den ganzen Sommer mit Däumchen drehen verbringen will, steht auch die Corona-Erholung auf dünnem Eis, das mit jedem Tag hoher Temperaturen schmilzt. Schon vor dem Herbst, so verkündet Lauterbach mit ausgestrecktem Arm, wird es wieder so richtig gefährlich.

Der Krieg in der Ukraine, in dessen Zusammenhang die Hardliner frohlocken, er werde richtig lange dauern, verlangt von den Deutschen Solidarität bei gleichzeitiger Bereitschaft, auf alles Mögliche zu verzichten und für den Rest haufenweise mehr Euros auf den Tisch zu legen. Auf Jahre des Verzichts werden die Deutschen eingestimmt, und wer ein bisschen genauer hinschaut, fragt sich verwundert: "Wieso muss ich verzichten für Ukrainer, die ich nicht kenne und für einen Schauspieler, in dessen Drehbuch nur die Forderung nach Waffen steht? Was unterscheidet diesen Krieg von den unzähligen anderen auf der Welt?"

Eine Antwort auf seine Frage erhält der ratlose Bürger nicht. Stattdessen muss er lernen, dass wir uns im dauerhaften Krisenmodus befinden. Es scheint nicht mehr zu gehen ohne Bedrohungen, Angsterzeugung, Repressionen und dem erhobenen Zeigefinger. Wohin man auch blickt, was man auch liest oder hört, überall streckt sich uns die schlechte Nachricht entgegen. Wer für das Gute steht, muss mit dem Schlechten leben, denn wir sind in einem Kampf – gegen Viren, Russen, schlecht gelaunte Klimagötter und die Diffamierung von Transfrauen, besonders wenn sie im Bundestag sitzen.

Wie weit wird es gehen?

Doch das wird nicht ewig funktionieren. Zwar sind die Deutschen durchaus bereit, den Ansagen von Autoritäten zu folgen, – das zeigt schon allein die Geschichte –, aber die Leidensfähigkeit bezüglich der schlechten Nachrichten wird irgendwann an einen Kipppunkt kommen. Fast täglich kommen neue Hiobsbotschaften hinzu, der gemeine Deutsche muss feststellen, dass sein Wohlstand, seine finanziellen Mittel für den Konsum und für seinen Job, der ja indirekt auch Geld kostet, etwa durch Fahrten zum Arbeitsplatz, immer begrenzter werden. Das löst psychologische Prozesse aus, die in eine fatale Richtung gehen.

Der Versuch, all die Krisen und die daraus folgenden Konsequenzen als so etwas wie Naturereignisse zu beschreiben, mag eine Weile gut gehen, doch früher oder später werden die Menschen merken, dass es hier um bewusst herbeigeführte Entscheidungen geht, die uns immer tiefer in die Dunkelheit führen. Und sie werden spüren, dass sie die Figuren eines Spielfeldes sind, auf dem sie keine wichtige Rolle spielen, sondern lediglich hin- und hergeschoben werden, wie es gerade notwendig erscheint.

Die Leidensfähigkeit der Deutschen mag groß sein. Sie sind gewillt, ihren politischen Verantwortungsträgern zu folgen, wahrscheinlich mehr als andere Völker. Doch die regierende Politik spielt ein riskantes Spiel. Sie hofft darauf, dass es so weitergeht, dass jede neue schlechte Nachricht, jede weitere Aussicht auf Verzicht und Knappheit und jede Ankündigung weiterer Einschnitte schon hingenommen wird, weil die Deutschen eben so sind.

Doch womöglich haben auch die Deutschen Grenzen, die besser nicht überschritten werden sollten. Und wenn das passiert, kommen Probleme ganz anderen Ausmaßes auf die Politik zu.

Tom J. Wellbrock ist Autor und Texter. Er betreibt den Blog Neulandrebellen.

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