Meinung

"Ob der angepasste Impfstoff sicher ist" scheint für BioNTech-Chef Şahin eine eher sekundäre Frage

Uğur Şahin äußert sich zuversichtlich über einen Sommer mit milden Virus-Varianten. Für den Herbst zeigt sich der BioNTech-Chef jedoch unzufrieden, vor allem hinsichtlich neuer Impfstoff-Bestellungen. Bei klinischen Studien gehe es nicht so sehr darum, ob "der angepasste Impfstoff sicher ist". Auffrischungsimpfungen werden nötig sein.
"Ob der angepasste Impfstoff sicher ist" scheint für BioNTech-Chef Şahin eine eher sekundäre FrageQuelle: www.globallookpress.com © Andreas Arnold

von Bernhard Loyen

Der Mitbegründer, -inhaber und Chef des Mainzer Unternehmens BioNTech Uğur Şahin zeigt sich aktuell in einem längeren Interview mit dem Handelsblatt beim Thema künftiger Absatzmärkte mehr als zufrieden. Die mRNA-Technologie, die sich "bei Corona-Impfstoffen bewährt" hätte, stelle für Şahin eine "der idealen Arzneimitteltechnologien für die Onkologie" (der medizinischen Disziplin, die sich insbesondere mit der Behandlung von Krebserkrankungen befasst) dar. BioNTech habe demnach "rund 20 Onkologie-Programme in der Entwicklung". Ziel sei es, in den nächsten drei bis fünf Jahren "die ersten Produkte in der Krebstherapie auf den Markt zu bringen".

Warum im Bereich der Onkologie-Produktentwicklung drei bis fünf Jahre benötigt werden, für den aktuellen Comirnaty-Impfstoff aus dem Hause BioNTech jedoch nur wenige Monate, wollte das immerhin dreiköpfige Interviewer-Team leider nicht erläutert bekommen. Aber dazu später noch mehr, ganz zum Schluss des Artikels.

Zum Thema Prognosen hinsichtlich kommender Krisenentwicklungen in Coronazeiten zeigt sich Şahin vorsichtiger und nur bedingt euphorisch. Sollte es in Deutschland zu einer Welle der Omikron-Variante BA.5 im Sommer kommen, würde sie laut seiner Einschätzung "kleiner sein als bei den vorherigen Omikron-Virusvarianten BA.1 und BA.2.", angesichts der Tatsache, dass in Afrika die BA.5-Welle "nicht die Dynamik entfaltet hat". Es folgt eine wirklich überraschende Erläuterung zu den Rahmenbedingungen der Modifizierung des aktuellen Comirnaty-Impfstoffs. Şahin erklärt wörtlich:

"Die Anpassung der mRNA-Sequenz erfolgt zügig innerhalb weniger Tage. Unsere Produktionsanlagen können wir so umstellen, dass erste Impfstoffe binnen drei Monaten verfügbar sind. Wir könnten also schnell reagieren."

Auch auf diese Antwort folgt keine unmittelbare Gegenfrage. Im Januar dieses Jahres wurden ähnliche Zeitangaben seitens des BioNTech-Chefs abgegeben. Die Marktzulassung eines auf die Omikron-Variante modifizierten Wirkstoffs verzögert sich jedoch durch jüngst verlautbarte Mitteilungen des Unternehmens nun aktuell bis zum Herbst. Kommende Impfstoffmodifikationen stellen für Şahin nichtsdestotrotz kein "Nadelöhr" mehr dar, dies sei "ein Routineprozess, den wir Hunderte Male gemacht haben". 

Die folgende Äußerung von Şahin könnte man sehr gelinde ausgedrückt als irritierend bezeichnen, sie nimmt nämlich Bezug auf die immer häufiger berichteten Wahrnehmungen stetig steigender Zahlen von Impfnebenwirkungen in Teilen der Bevölkerung. Seitens der Politiker und der Medien werden sie aktuell zunehmend anerkannt, akzeptiert und als "Post-Vac-Syndrom" betitelt. Das Syndrom beschreibt andauernde und vor allem belastende Symptome nach einer Coronaimpfung, wie zum Beispiel Kopfschmerzen, Ermüdung, Schwindel, Herzrasen bis hin zu neurologischen Ausfällen, wie Gesichtslähmungen oder Muskelverspannungen an den Händen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung beschrieb diese Realitäten hinter einer Bezahlschranke am 8. Juni mit dem Titel "Post-Vac-Syndrom: Wenn die Corona-Impfung krank macht".

Für Aufsehen sorgte die Twitter-Reaktion des Bundesgesundheitsministers Lauterbach auf die Publikation eines Spiegel-Artikels vom 12. Juni zum gleichen Thema:

"Guter Artikel. Post-Vac-Syndrom muss besser untersucht werden. Wir empfehlen die Impfung gegen COVID und gegen Post-COVID. Der Nutzen übersteigt das Risiko in jeder Altersgruppe. Trotzdem ist Post-Vac kein Tabuthema und muss erforscht und behandelt werden."

Erneut ohne Nachfrage der Handelsblatt-Interviewer verpuffte Şahins Äußerung auf die Frage, ob BioNTech bis zum Herbst "rechtzeitig" einen auf Omikron zugeschnittenen Wirkstoff produzieren könne, da die "Politik hofft, im Herbst einen Impfstoff anbieten zu können":

"Wir führen seit Jahren klinische Studien mit individualisierten Krebsimpfstoffen durch, das bedeutet eine Impfstoffanpassung für jeden einzelnen Patienten. Was bisher am meisten Zeit in Anspruch genommen hat, sind die zusätzlichen klinischen Studien.

In denen ging es nicht so sehr um die Frage, ob der angepasste Impfstoff sicher ist, sondern ob ein mono- oder ein bivalenter Impfstoff bessere Immunantworten induziert. Diese Entscheidung wird hoffentlich Ende des Monats getroffen werden."

Die Frage, "ob der angepasste Impfstoff sicher ist", war und ist also für den Pharma-Produzenten eher sekundär, von nicht so herausragender Notwendigkeit? Dagegen beziehen sich die angesprochenen mono- oder bivalenten Eigenschaften nur auf die Frage, ob ein modifizierter Impfstoff die Fähigkeit besitzt, nur gegen eine oder gegen mehrere Erregervarianten schützen zu können. Eine tiefergehende Frage zum Thema, wie Erfahrungen mit "individualisierten Krebsimpfstoffen" mit den aktuellen Problemen von Herstellung und Wirkung von neuartigen mRNA-COVID-Wirkstoffen zusammenhängen, wäre sicherlich für viele Leser von größerem Interesse gewesen.

Auf die Frage, wie eine "optimale Strategie" aussähe, mit der sich "die Staaten und die EU, ... ihre Kunden" auf den kommenden Herbst vorbereiten sollten, antwortete der BioNTech-Chef, er sei unzufrieden hinsichtlich einer fehlenden "international abgestimmten Strategie als Grundlage", die das Unternehmen aber für die "Massenproduktion von Impfstoffen" unbedingt benötige:

"Das heißt, wir müssen früh genug wissen, auf welche Variante – also zum Beispiel BA.2 oder BA.4/5 – wir die Corona-Impfstoffe anpassen und für die bevorstehende Infektionssaison produzieren sollen."

Diese geforderte Strategie solle sich, so Şahin, an "wissenschaftlichen und möglichst aktuellen epidemiologischen Daten orientieren", um noch zu ergänzen:

"Wir müssen das Rad nicht neu erfinden. Es gibt ein etabliertes System, das wir von der Anpassung von Influenza-Impfstoffen kennen."

Influenza und Corona im Vergleich? Warum ist solch ein Vergleich zulässig bei Impfstofftypen, jedoch nicht hinsichtlich der virologischen Erreger? Und woran hapert es dann seit Monaten – bezogen auf die "erhofften" Bestellungen und die Produktion von Omikron-Wirkstoffen – gegenüber dem mittlerweile nur noch bedingt wirkenden Delta-Vakzin? Fragen über Fragen, die leider vonseiten des Trios beim  Handelsblatt nicht gestellt wurden. Weitere Erkenntnisse von Herrn Şahin im Interview lauten:

"Eine Impfung wie auch eine durchgemachte Infektion schützen bei dieser Virusart nur temporär. Das Virus verändert sich ständig, die Infektiosität nimmt zu, und es gibt keine Anzeichen dafür, dass dieser Prozess langsamer wird. Wir werden mit großer Wahrscheinlichkeit auch künftig Impfstoffe brauchen."

Die Bürger mögen sich schon einmal darauf einstellen, dass "wir, ähnlich wie bei der Influenza, immer wieder Auffrischungsimpfungen mit veränderten Vakzinen" brauchen werden. Zur Erinnerung: eine Influenza-Impfung soll im Allgemeinen für 6 bis 12 Monate schützen. Innerhalb einer Grippesaison ist daher also keine Auffrischimpfung notwendig. Deutschland erreichte 2019 eine Influenza-Impfquote von 39 Prozent. Daher bezieht sich wohl der Informationswert auf die Aussage "mit veränderten Vakzinen". Zu den Zeitabläufen zwischen den angekündigten regelmäßigen Impfungen blitzt immerhin ein Funke Ehrlichkeit bei Şahin auf:

"Die Intervalle hängen von mehreren Faktoren ab, daher möchte ich jetzt nicht spekulieren."

Es folgte dann ein längerer Part über den zukünftigen, schon anvisierten Milliardenmarkt der mRNA Krebs-Medikamente, wobei auch hier immer wieder erkenntnisbereichernde Statements vom BioNTech-Chef eingestreut werden. Eindeutige Zahlen hinsichtlich schwindender Effizienz des aktuell einzigen COVID-Impfstoffs von BioNTech resultieren vielleicht auch aus folgendem Realitätssinn:

"Heute wissen wir viel mehr über die Mechanismen des Immunsystems, über die Erkrankung selbst und sind mit den Technologien viel weiter. Es ist unheimlich dichtes Wissen vorhanden. Wir können früher und besser einschätzen, was nicht funktionieren wird. So können wir die Wahrscheinlichkeit für den Erfolg neuer Arzneien und Therapien erhöhen."

Der Mann ruht mit seinen Erkenntnissen offenbar in sich selbst, da die zurückliegenden Monate ihm gezeigt haben, dass seine Auftragsbücher immer voll bleiben, das Vertrauen vonseiten der Politiker und gutgläubiger Menschen weltweit noch vorhanden sind. So kann "die Wahrscheinlichkeit für den Erfolg neuer Arzneien und Therapien" in der Entwicklung mit Ruhe von außen begleitet werden, oder – wie es der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu stellvertretend für sein Land und weltweiter Impfkampagnen im Januar 2021 etwas salopp formulierte:

"Israel ist 'das Weltlabor für Immunität'."

Biotechnologie bleibe "ein sehr schwieriges Geschäft", sagt Şahin. Aber nicht etwa bezogen auf "die Wahrscheinlichkeit für den Erfolg neuer Arzneien und Therapien", sondern die Konkurrenz hätte deutlich zugenommen, "nicht nur in den USA". Die Angst eines urplötzlichen Milliardärs vor bald wieder schwindenden Absatzmärkten? Für dieses Problem gibt es ja den Kollegen Bourla vom US-Partner Pfizer, der weiterhin sehr guten, persönlichen Kontakt auch nach Brüssel und speziell zu Ursula von der Leyen pflegt. Das Interview-Trio fragt dann, die Pandemie hätte doch "Milliarden in die Kasse von BioNTech gebracht, wofür werden Sie die ausgeben?"

Neben Investitionen zum Beispiel in "BioNTainer", also Spezial-Container aus dem Hause BioNTech, die benötigt werden, um künftige Impfstoffproduktionen bloß nicht aus den eigenen Händen und Laboren geben zu müssen. Und um damit laut Pressemitteilung "Pläne für Produktion und Entwicklung von mRNA-Impfstoffen in Afrika" voranzubringen, erläutert Uğur Şahin im weiteren Interview seine persönliche Transhumanismus-Zukunfts-Gedankenwelt: 

"Ich finde die Frage sehr spannend, ob es gelingen kann, Zellen im Körper zu verjüngen und neu zu programmieren. Das ist eine riesige Herausforderung, die aber im Reagenzglas schon möglich ist."

Diese Überlegungen dienen zum Glück natürlich nur der Vision, "Krankheiten erst gar nicht entstehen zu lassen oder bei folgenschweren Verletzungen, zum Beispiel einem Herzinfarkt oder einem Hirnschlag, eine Regeneration zu beschleunigen". Abschließend folgt die besonders für die Stadtkämmerer von Mainz wichtige Information, dass BioNTech auch künftig "ein eigenständiges Unternehmen bleiben" werde. Im November 2021 meldete der SWR, dass die Stadt Mainz nach Schätzungen Gewerbesteuerzahlungen von BioNTech in einer Höhe von rund einer Milliarde Euro erhalten wird.

Das Unternehmen sei angetreten, um Produkte auf den Markt zu bringen, "um das Leben von Menschen weiter zu verbessern". Auch da hätte man sich von einem investigativen Interview-Trio erwünscht, dass sie bei Herrn Şahin ein paar Sätze herauskitzeln über das nachweisliche Leiden derjenigen Menschen, die durch ein BioNTech-Produkt ihr Leben nicht noch weiter "verbessert" bekamen. Aber leider Fehlanzeige.

Şahin hegt übrigens keinerlei Absichten, Aktien-Anteile zu verkaufen. Ganz zum Schluss des Interviews kommt wieder die Unzufriedenheit von Uğur Şahin zum Vorschein. Im Vergleich "zur Corona-Impfstoff-Entwicklung geht es in der Krebstherapie quälend langsam voran", übergibt das Handelsblatt-Trio den Beschwerde-Ball wieder an Şahin. Das sei leider so, übernimmt der CEO das freundliche Zuspiel. Die Entwicklung neuer Medikamente "muss schneller werden, keine Frage". Ohne Rücksicht auf die "Wahrscheinlichkeit für den Erfolg neuer Arzneien und Therapien, Herr Şahin?" So möchte man eigentlich spontan fragen, nicht so das Handelsblatt. Wie das verbessert werden könnte, lautet daher dort die Frage. Die Idee von Herrn Şahin, sein Vorschlag lautet:

"Im Grunde könnte man die Erkenntnisse aus der Corona-Impfstoffentwicklung auf den Onkologie-Bereich übertragen und damit die Entwicklung von Krebsmitteln erheblich beschleunigen."

Gott bewahre, werden da viele Post-Vac-Syndrom-Leidende denken, ganz im Gegensatz zu den innerlich jubilierenden BioNTech-Aktionären.

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