Meinung

Karl Lauterbach: Ich habe meine Liebsten selbst geimpft

Nachweislich dreimal war Karl Lauterbach in den zurückliegenden Tagen nicht in der Lage, seiner Funktion als informierender Gesundheitsminister nachzukommen. Offiziell hat er die Grippe. Der Illustrierten "Bunte" gab er ein Exklusiv-Interview.
Karl Lauterbach: Ich habe meine Liebsten selbst geimpftQuelle: Gettyimages.ru

von Bernhard Loyen

Am 1. Februar informierte die Redaktion der Talksendung Maischberger darüber, dass der eingeplante Gast, Gesundheitsminister Karl Lauterbach, nicht teilnehmen kann:

Über einen weiteren Tweet erfuhren interessierte Bürger am 2. Februar, dass der Minister auch bei einer anberaumten Sitzung des Gesundheitsausschusses nicht anwesend war:

Im Rahmen der aktuellen Ausgabe der Sendung Panorama in der ARD erfuhren die Zuschauer, dass die Redaktion um ein Statement des Gesundheitsministers zum Thema der "einrichtungsbezogenen Impfpflicht" bat. Die Antwort aus dem BMG lautete, dass Lauterbach "nicht zur Verfügung" stehe. Müssen die Deutschen sich Sorgen um ihren Gesundheitsminister machen?

Für die aktuelle Februar-Ausgabe der Illustrierten Bunte strotzte der Minister noch vor Kraft, trotz seines "14- bis 16-Stunden-Arbeitstages" (eine Information aus dem Bunte-Interview).

Die Bunte ist ein Produkt aus dem Hause Burda Medien. Seit dem 1. September 2019 hat das Hauptstadtbüro der Burda Magazine Holding eine neue Leitung und die "spielt eine zentrale Rolle bei der strategischen Positionierung des Verlages in der deutschen Hauptstadt". Der Leiter heißt Daniel Funke. Es ist eigentlich vollkommen unerheblich und hat nicht zu interessieren, mit wem dieser Mann liiert ist. Nun handelt es sich beim Ehepartner Funkes aber um den ehemaligen Gesundheitsminister Jens Spahn. Die "strategische Positionierung" darf also wörtlich genommen werden.

Den Lesern der Bunten wird Lauterbach im "Exklusiv-Interview" als "Talkshow-König" und "glaubwürdiger Experte im Kampf gegen das Virus" vorgestellt. Bezug nehmend auf die jüngsten Ereignisse erfolgt eine ungeahnt passende Eröffnungsfrage: "Im Gegensatz zu anderen Politikern haben Sie sich noch nicht infiziert. Ist es Ihr Ehrgeiz, dem Coronavirus zu entwischen?"

Bevor in Lauterbachs privateste Gedankenwelt eingetaucht wird: Ich erfuhr von der Pressestelle des Bundesgesundheitsministeriums, wie es um die aktuelle Gesundheit des Ministers steht. Auf die schriftliche Anfrage, ob die mediale Verkündung, die Gewissheit über den "grippalen Infekt" daraus resultiert, dass der Minister aufgrund entsprechender Symptomatik einen PCR-Test hatte durchführen lassen müssen, erhielt ich folgende Antwort (wiedergegeben wie im Original):

"… vielen Dank für Ihre E-Mail. Sowohl der Minister als auch seine engen MitarbeiterInnen werden seit längerem täglich getestet. Eine Corona-Erkrankung des Ministers liegt nicht vor. Die Diagnose-Stellung wurde ärztlicherseits vorgenommen. Mit freundlichen Grüßen."

Das beeindruckt. Hunderttausende Menschen und mehr werden in diesem Lande aktuell symptomfrei oder meist mit milden Verläufen aufgrund der politischen Notwendigkeit der Maßnahmen positiv auf das Coronavirus getestet, aber Lauterbach hat die Grippe. Betrachtet man die aktuell veröffentliche Statistik des RKI für Influenza-Meldungen, also Grippe-Infektionen in einem Land mit weiterhin stabilen 83,2 Millionen Bürgern, lernt der interessierte Bürger, dass diese in Kalenderwoche 3 des Jahres 2022 bei beeindruckenden 259 Fällen lag. Nicht 259.000, nein 259. Nun denn, soll es als Phänomen der Stunde zur Kenntnis genommen werden.

Was Lauterbach den Lesern der Bunten mitzuteilen hat, ausgehend von der forcierten Fragestellung durch Bunte-Redakteur Manfred Otzelberger, ist im Heft in der Rubrik Politik/Wirtschaft vorzufinden. Die Bunte ist für Unwissende seit Jahrzehnten verlässlicher Lieferant von Halbwahrheiten, gewürfelten Informationen und Nebensächlichkeiten aus der Welt der Reichen, ehemals Vermögenden und sogenannten Prominenten der A- bis D-Liga.

Daher schmeichelt sich der Redakteur erst mal an den Medienprofi Lauterbach heran. Ob er sich wundere, derzeit der populärste deutsche Politiker zu sein, obwohl er ja auch "der Überbringer von schlechten Nachrichten" sei, will Otzelberger wissen. Die Antwort: "Rankings ändern sich, das ist nicht so wichtig. Wichtig ist, dass wir erfolgreich im Kampf gegen die Pandemie sind. Dafür arbeite ich mit meinem Team sehr hart. 14 bis manchmal sogar 16 Stunden sind nicht selten."

Sein Leben gilt aktuell nur dem Wohlbefinden der Bürger. Zur Einstiegsfrage des Interviews Lauterbachs Ehrgeiz betreffend, "dem Coronavirus zu entwischen", bemerkte er: "Nein, mein Ziel ist der Schutz der Bevölkerung, nicht in erster Linie mein eigener, der mir aber wichtig ist. Ich will die Opferzahlen reduzieren, das treibt mich an."

Noch im gleichen Atemzug lenkt der Medienprofi Lauterbach das Gespräch auf das ihm eigentliche Ziel des Interviews, die Werbung fürs Impfen. Der Minister weiß, er könne aufgrund der vielen täglichen Kontakte "einer Infektion auf Dauer gar nicht entgehen":

"Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Erkrankung bei mir als geboostertem Menschen eher harmlos verläuft, ist aber eher hoch. So werbe ich auch für Boosterimpfungen."

Erstes Häkchen – Impfwerbung. Die Bunte hakt nochmals nach, wie er sich seine Beliebtheit erklären könnte.

Es sei die "Stimmung des Volks" gewesen, die ihn zum Minister gemacht habe. Einen eigenen Hashtag wie #WirwollenKarl habe kein außer ihm gehabt. Das liege daran, dass er "seit 24 Jahren in der Gesundheitspolitik" tätig sei, auch schon zuvor die grüne Gesundheitsministerin Andrea Fischer beraten habe. Der Spiegel hatte im Jahre 2000 getitelt: "Fischer ist ein Skandal". Eine Schlagzeile aus dem Jahre 2001 lautete: "BSE-Desaster brach Andrea Fischer das Genick". Hatte sie Beraterprobleme? Lauterbach weiter zu seiner aktuellen Beliebtheit: "Und die Talkshow-Auftritte haben sicher auch dazu beigetragen."

Der berührendste Moment in der Corona-Krise sei gewesen, als er persönlich seine 86-jährige Mutter geimpft habe. Diese könne nicht verstehen, dass man die Chance einer Impfung "nicht ergreift", und halte diese für "einen Segen". Es folgt das zweite Häkchen – der deutsche Impfstofflieferant der Stunde. Lauterbach weiß, was Bunte-Käufer lesen wollen:

"Ich habe ihr Foto dann Uğur Şahin geschickt, dessen Impfstoff von BioNTech wir verwandt haben. Dessen Frau Özlem Türeci meinte, dass meine Mutter mir sehr ähnlich sieht."

Das dritte Häkchen folgt unmittelbar auf die Steilvorlage der Bunten: "Sie haben selbst mitgeholfen an der Impffront", denn noch befinden wir uns ja im Krieg (Zitat Emmanuel Macron) gegen das Killervirus, das sollte auch der Bunte-Konsument bitte nicht aus dem Auge verlieren. Lauterbach souverän in der Antwort:

"Ja, ich habe Freunde und Familie geimpft, allen voran meine Tochter, weil sie das wollte. Aber ich bin auch in Brennpunkte gegangen, wir haben aus dem Bus heraus geimpft. Ein Politiker, der nicht in die Praxis geht, obwohl er es kann, macht was falsch. Dafür darf man sich nicht zu fein sein."

Was er mit Brennpunkten meinte, wurde leider nicht nachgefragt. Das Frontbild wird aber noch erweitert beziehungsweise präzisiert, das Schlachtfeld emotionalisierend dargestellt. Gänsehautmomente:

"Ich bin auch auf Intensivstationen gewesen und erinnere mich zum Beispiel gut an einen ungeimpften 29-Jährigen, dessen Lunge schon so geschädigt war, dass er keine Lebenschance mehr hatte. Er rang mit dem Tod, sein Gesicht vergesse ich nie."

Nächstes Häkchen – ungeimpft, jung, Todesnähe. Die Leser werden nie erfahren, warum die Lunge des Mannes geschädigt war. Was schon einmal in Erinnerung bleibt: "Sein Gesicht vergesse ich nie." Dann die Erläuterung. Nächstes Häkchen – Folgeschäden. Die Frage: "Sie sehen die Opfer der Pandemie vor dem geistigen Auge?" Lauterbach, als souveräner Frontberichterstatter:

"Ja, 70 Prozent dieser sehr schlimmen Fälle, mit der Corona-typischen Form von Lungenentzündung, die wir mit" – Achtung, wichtig, ein Fachbegriff für Seriosität und Fachkenntnis – "ECMO behandeln, sterben. Die anderen 30 Prozent gehen am Rollator in ihr Leben zurück – wenn überhaupt. Mit einer Impfung wäre das vermeidbar. Deshalb werbe ich so für die Impfpflicht."

Volle Punktzahl für Gesundheitsminister Lauterbach, mehr geht nicht in einer Antwort. Der schockierte Bunte-Leser lernt dank der Redaktion, dass ECMO "künstlich beatmen" bedeutet. Der Fragesteller spielt den Ball fließend zum nächsten Häkchen – Spaltung der Gesellschaft, nicht mit Karl. Die Frage lautet: "Aber schafft eine Impfpflicht nicht tiefe Gräben?" Die Antwort, je nach Blickwinkel frech bis weltfremd, mit Ansätzen Orwellscher Wortgewandtheit:

"Im Gegenteil. Ich glaube, dass die Impfpflicht die aktuellen Konflikte befrieden wird. Es gibt dann keinen Anlass mehr, auf die Straße zu gehen. Dann sind die Messen gesungen. Wir müssen unsere Freiheit zurückgewinnen. Und Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit."

Kommt Ihnen das eventuell bekannt vor? Die speziellere Variante vom 18. Januar 2022:

Es folgt dann die medial schon kolportierte Offerte an den Widerständler Joshua Kimmich, nächstes Häkchen – der Sorger und Erklärer. Das Lustige, oder auch Traurige, ist die Reihenfolge, die sich Lauterbach dabei vorstellt: "Ich biete ihm an, dass ich ihn selbst impfe und über alle Risiken aufkläre." Müsste es nicht heißen, ich kläre ihn über alle Risiken auf, und dann kann Kimmich mir immer noch sagen, ob und warum er sich gegebenenfalls weiterhin gegen die Impfung entscheidet? Die asymptomatische Omikron-Infektion der Politikerin Sahra Wagenknecht, mit dem Hinweis, dass sie ja ungeimpft sei, kommentiert der Minister:

"Schuster, bleib bei deinen Leisten, sagte mein Vater zu mir. Was sie empfiehlt, nur Menschen ab 60 zu impfen, hat wenig medizinisch Substanz."

Der Bunte-Redakteur hakte leider nicht dahingehend nach, ob Lauterbach in einer weiteren Antwort den Lesern erläutern könnte, warum dann immer mehr doppelt Geimpfte und gerade "Geboosterte", egal welchen Alters, sich in diesem Land aktuell jeden Tag tausendfach mit der Omikron-Variante infizieren. Die Details zum dramaturgisch brillanten Ende, dem eigentlichen Schwerpunkt- und Kernthema der Bunte – der Liebe – fasse ich nur zusammen. Lauterbach hatte der Bunten schon im März 2021 ein Interview gegeben. Der Aufmacher damals: "Zum kompletten Glück fehlt mir eine liebevolle Frau". Und nicht ein Ministerposten? Im Februar 2022 lautet der Status quo:

"Aber das ist im Moment gar kein Thema, meine karge Zeit gibt dafür nur wenig Zeit her. Aber ich war angenehm überrascht von der Resonanz damals. Es gab Briefe, die einen kleinen Karton füllen, das hat mich gefreut."

Mission abgeschlossen. Propaganda at its best. Auftrag der Polit-Pharma-Lobby erfüllt. Der Ehepartner des Vorgängers des amtierenden Gesundheitsministers wird als Leiter des Hauptstadtbüros einer Illustrierten vom zuständigen Ministerium angefragt (oder auch vielleicht umgekehrt), es kommt zum "Exklusiv-Interview", in dem alle relevanten Punkte der Regierungs-Impfkampagne thematisiert und angesprochen werden, und dies wird dramaturgisch gekrönt mit dem Schmankerl, dass die Gewinner dieser Gesellschaftskrise, das Ehepaar Şahin-Türeci – eventuell – noch im Besitz eines Fotos der Mutter des amtierenden Gesundheitsministers sind. Das kann man sich alles nicht ausdenken. Eins ist jedoch sicher: Es ist die bizarre Realität dieses Landes im Jahre 2022.

Mehr zum Thema - Woher kommt der Grauton im Impfstoff? Fragen an BioNTech-Chef Uğur Şahin 

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Information:

Sicherheit und Wirksamkeit der Corona-Impfstoffe sind umstrittene Themen. Zahlreiche Experten in Wissenschaft, Politik und Medien schätzen diese als sicher und effektiv ein, da sie das Risiko einer schweren COVID-19-Erkrankung weitgehend verhindern und die Vorteile einer Corona-Impfung die Risiken und Nebenwirkungen überwiegen. Langzeitnebenwirkungen der Impfungen sind generell nicht bekannt. Nebenwirkungen wie der ADE-Effekt (antibodydependent enhancement, auf Deutsch: infektionsverstärkende Antikörper) wurden bisher bei weltweit Milliarden verabreichter Impfstoff-Dosen nicht berichtet. Auch, dass Gensequenzen von beispielsweise mRNA-Vakzinen in die menschliche DNA eingebaut werden, gilt unter zahlreichen Experten als ausgeschlossen. Stellungnahmen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der bundesdeutschen Ständigen Impfkommission (STIKO) beim Robert Koch-Institut (RKI) lassen sich hier und hier nachlesen.

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