Meinung

Merkel-Verehrung à la Süddeutsche Zeitung – oder: Wenn die Kanzlerin empfängt ...

Die Süddeutsche Zeitung führt ein letztes Interview mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, und es gerät zum drögen Symbol des Zustands, in dem sie nicht nur die politische, sondern auch die mediale Landschaft hinterlässt. Kein Widerspruch, nirgends. Früher war so nur der Bayerische Rundfunk.
Merkel-Verehrung à la Süddeutsche Zeitung – oder: Wenn die Kanzlerin empfängt ...Quelle: www.globallookpress.com © Stefan Sauer

von Dagmar Henn

Man muss sie tatsächlich googeln, die drei Journalisten der Süddeutschen Zeitung, die Angela Merkel befragten; nur, um sich zu vergewissern, dass das doch keine Jungspunde sind, die ihr Leben lang nichts anderes kannten als Merkel-Kanzlerschaft. Nein, es ist eine hochkarätige Runde, mit dem gegenwärtigen Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung und einem Vertreter der Verlegerfamilie Fried, allesamt in den 1960ern geboren. Und dennoch schreiben sie einen Satz wie:

"Wenn die Kanzlerin in ihrem Arbeitszimmer ein Stockwerk höher empfängt, gießt sie normalerweise selbst den Kaffee für Gäste ein, diesmal stehen kleine Kännchen zur Selbstbedienung an jedem Platz."

Für einen solchen Satz wäre die gesamte Redaktion meiner Schülerzeitung vor Scham im Boden versunken. Wie machte man sich in Bayern früher lustig über die Interviews, die der BR mit bayerischen Ministerpräsidenten geführt hatte. "Trifft es zu, Herr Ministerpräsident, dass Sie …" "Sie wollen ja …" Diese devote Haltung, der jedes Nachfassen, jedes Aufgreifen von Widersprüchlichkeiten fremd ist, die in völligem Einverständnis nur Hilfestellung beim Absondern von Presseerklärungen leistet, das war einmal das Musterbild für Antijournalismus, das, was man nie tun, das abschreckende Beispiel, wie man nie werden wollte.

Und Merkel, Kohls Mädchen, das für ihn zwei Funktionen erfüllt hatte, zum einen, einen höheren Frauenanteil, zum anderen, eine demokratische Beteiligung des frisch einverleibten Ostens zu simulieren, eine Person bar jeglicher rhetorischer und intellektueller Strahlkraft, deren gewaltige Intrigenkompetenz es ihr erlaubte, die gesamte innerparteiliche Konkurrenz wegzubeißen, bis ihr als Kollateralschaden der Agenda 2010 das Kanzleramt in den Schoß fiel und sie anfangen konnte, das Politische in der Politik durch calvinistisches Pastorengeschwätz zu ersetzen?

Die drei Interviewer leiden nicht unter diesem Zustand, sie haben sich bestens darin eingerichtet. Was sie schon in ihrer Beschreibung zu Beginn erkennen lassen, gleich nach der Glorifizierung kanzlerischer Demut: Die zu hellen Scheinwerfer, die Madame mit einer Verhörsituation assoziiert, werden selbstverständlich gedämpft. Hier wird nicht verhört. Hier wird verehrt.

Nur scharfe Gegenstände rutschen auf Teflon nicht ab. Merkels Teflonbeschichtung ist dick. "Die Union hat bei der Bundestagswahl ein miserables Ergebnis geholt. Welchen Anteil haben Sie daran?" lautet eine der Fragen zu Beginn. Und die Antwort ist erwartbar glatt: "Das Ergebnis war nicht gut, das ist klar. CDU und CSU sind gerade dabei, es auch mit Blick auf Lehren für die Zukunft aufzuarbeiten. Ich glaube, dass sie das sehr gut machen werden." Da müsste jetzt nachgehakt werden, mit Schärfe. Immerhin hat Merkel stets Management by Champignon betrieben – die Mitarbeiter im Dunkeln lassen, mit Mist bewerfen und jeden Kopf, der herausgesteckt wird, zurechtstutzen. Darin war ja schon ihr Vorbild Helmut Kohl nicht schlecht. Merkel hat ihm allerdings voraus, nicht nur eine Partei, sondern gleich die gesamte deutsche Politik in ein inhaltliches Vakuum geführt zu haben.

Die Einebnung der CDU, die letztlich ein gewaltiger Ruck nach rechts ist, weil es der Arbeitnehmerflügel, die Kleinunternehmer und die ländlichen Regionen sind, die in der Partei abgemeldet wurden, sodass nur der Einfluss der Großkonzerne übrigblieb, fließt nur in die Frage, ob sie, Merkel, die CDU ausreichend auf die Zeit nach ihrer Kanzlerschaft vorbereitet habe. Personen wie Merkel agieren aber grundsätzlich nach dem Prinzip "Nach mir die Sintflut."

"Man hatte zuletzt den Eindruck, dass Sie ein distanziertes Verhältnis zu Ihrer Partei haben", näher kommen die Interviewer den Tatsachen nicht. Distanziert? Merkels Verhältnis zur CDU war immer funktional, die Partei war ihr Mittel zum Zweck. So wie ihr Verhältnis zur Demokratie.

Das zeigt sich beispielsweise in ihrer Antwort zum Thema Flüchtlinge. "In der Flüchtlingskrise zum Beispiel habe ich mit Thomas de Maizière und Thomas Strobl wirklich darum gerungen." Die Entscheidung fällt in der Parteispitze, der Rest darf noch abnicken. Eine demokratische Debatte verläuft anders.

Und natürlich zeigt sich die Nachfrageschwäche auch an dieser Stelle. Merkel sagt zu den Fluchtbewegungen: "Es war also eine große Herausforderung durch das kriminelle Geschäft der Schleuser und aufgrund der Umstände in Syrien oder Jordanien, um die wir uns in den Jahren zuvor nicht genug gekümmert hatten." Hier hätte nachgefragt werden müssen, ob nicht die Unterstützung der syrischen Opposition ein Fehler war. Schließlich sind die damit verbundenen Pläne längst gescheitert. Die Interviewte hat dafür sogar ein Tor geöffnet, mit der Aussage, die Fehler seien weit im Vorfeld des Herbstes 2015 gemacht worden. Aber da ist niemand, der hindurchzugehen vermochte.

Überhaupt wird so getan, als sei die Welt die gleiche. Nichts von dem, was Merkel angerichtet hat, kommt wirklich zur Sprache. Mit der Konfrontationspolitik gegen Russland geht man konform. Mit der transatlantischen Orientierung auch. Und die so folgenreiche Troika-Politik wird ebenfalls nicht angesprochen. Dafür aber befasst sich ein Drittel des Gesprächs in trauter Übereinstimmung mit dem Thema Klimaschutz. Wen interessiert schon Krieg und Frieden?

Und dann gibt es noch das Drittel zu Corona. Da überschlagen sich die Frager im Bemühen, Merkel rechts zu überholen. Nein, sie fragen ernsthaft: "Warum sind wir weniger streng mit Impfverweigerern?" Tatsächlich, bei diesem Thema sind sie endgültig beim "Wir" angekommen. Wir, die Journalisten und die Kanzlerin. Wir, die Volksgemeinschaft der Pandemie. Da wird kurz nach Grundrechtseinschränkungen gefragt, und Merkel antwortet, das muss so sein, und es ist gut. "Sie sind anerkannt als Krisenkanzlerin." Echt? Drei Bankenrettungen und ein europaweiter Kahlschlag der Sozialsysteme, eine massive Aufrüstung und permanente Konfrontation gen Osten, da wäre der Begriff "Krisenmacherin" eigentlich besser. Denn jeder dieser politischen Schritte hat einen krisenhaften Schaden hinterlassen, den irgendwer wird beseitigen müssen.

Selbst aus der Frage, ob in der Blazerfarbe eine politische Botschaft verborgen ist, hätte sich etwas machen lassen. Ich erinnere mich noch an die Bilder aus 2014, als sie zum Besuch bei Poroschenko in Kiew einen weißen Blazer trug, bei Begegnungen mit Putin einen schwarzen. Damals, nach dem Putsch in der Ukraine, wurde debattiert, ob die deutsche Unterstützung dieser braunen Maidan-Truppen eine hiesige Entscheidung war oder nur auf US-Anweisung erfolgte. Die Blazersignale Merkels stützten meine Sicht einer eigenständigen deutschen Entscheidung. Selbst, wenn Merkel von der CIA kontrolliert würde, so erstreckte diese Kontrolle sich doch niemals auf die Wahl des Kleidungsstücks. Das reichlich triviale Signal, Weiß für den "guten" Poroschenko und Schwarz für den "bösen" Putin, musste auf ihrem eigenen Mist gewachsen sein.

Das ganze geopolitische Schlamassel, das in Berlin angerührt wurde, mit diesen charmanten Verbündeten, die so gern SS-Truppen ehren, sei es in Litauen, sei es in der Ukraine, findet sich ohnehin nur als Frage, ob sie, Merkel, geglaubt habe, zu Putin ein "vertrauensvolles Verhältnis aufzubauen". Als ginge es um Personen und nicht um Interessen. Und Merkel klagt, sie habe sich bei der Amtsübernahme nicht vorstellen können, "dass er die Krim annektiert". Mal abgesehen davon, dass das mit der Krim weitaus legitimer das Etikett Wiedervereinigung tragen kann als der Anschluss der DDR an die BRD, fragt sich dann doch, ob sich Putin bei der Amtsübernahme vorstellen konnte, dass der Westen Appetit auf die Krim bekommt. Wenn man seine frühen Reden betrachtet, wohl eher nicht.

Nun, die Süddeutsche Zeitung stand in Bezug auf die Ukraine immer zu den ukrainischen Nazis; das ist auch ein kleiner Kollateralschaden des Erscheinungsorts München, wo sich die Hilfstruppen des Bataillons Nachtigall nach 1945 besonders dicht ansiedelten. Schließlich saß die OUN jahrzehntelang in der Zeppelinstraße, und rund um den BND in Pullach wie um Radio Free Europe/Radio Liberty versammelte sich alles, was an braunen Überresten aus Osteuropa angetrieben worden war. Die Münchner Liberalität verdeckte reichlich nazistischen Bodensatz und ein Gewusel westlicher Dienste. Aber früher, zugegeben, ganz früher, war die Süddeutsche Zeitung eine von wenigen deutschen Zeitungen gewesen, denen Franco als Diktator gegolten und die die Kreaturen der US-Machtpolitik wie Pinochet mit einem gewissen Widerwillen betrachtet hatten.

"Ist das Land gespaltener als 2005?", fragen die Interviewer gegen Ende. Bei dieser Frage gehen mir Sozialstatistiken durch den Kopf, die mehrfachen Wellen, in denen von oben tiefe Keile zwischen die Menschen getrieben wurden, mit Beschimpfungen und Verleumdungen; die Wohnungsnot, die Armut, all dieses reale Zeug. Aber Merkel antwortet mit: "Wir haben mit Rassismus und Antisemitismus zu kämpfen." Womit selbstverständlich weder die koloniale Arroganz gemeint ist, etwa den Bolivianern vorzuschreiben, wen sie zu wählen hätten, noch die Tatsache, dass die 2015 willkommen Geheißenen immer noch in Notunterkünften hausen und im günstigsten Fall Pizza ausfahren dürfen; ganz zu schweigen von all den anderen Missständen sozialer Art, die gar nicht erwähnt werden. Alles kein Problem, weder für die Frager noch für die Befragte.

So geht es dahin, mit Merkel wie mit der Süddeutschen Zeitung. Zum Abschluss gibt es noch einmal Schülerzeitungsprosa:

"Der Weg von Merkels Stuhl bis zur Tür beträgt etwa acht Meter."

Gut, dass wir darüber gesprochen haben.

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