Meinung

Amerikas Verrat an Frankreich: Wird Macron die NATO verlassen?

Die Wut auf Washington hat in Paris fast stratosphärische Dimensionen erreicht. Ein angeschlagener Präsident Macron könnte dem Beispiel von Charles de Gaulles folgen, der in den 1960er-Jahren dem transatlantischen Militärbündnis "Au Revoir" gesagt hat.
Amerikas Verrat an Frankreich: Wird Macron die NATO verlassen?Quelle: www.globallookpress.com © Oliver Contreras / Consolidated News Photos

Ein Kommentar von Rachel Marsden

"Ein Dolchstoß in den Rücken", so beschrieb der französische Außenminister Jean-Yves Le Drian die Ankündigung von US-Präsident Joe Biden, ein neues Dreierbündnis mit den USA, Großbritannien und Australien zu bilden, unter dem Vorwand, China im Indopazifik die Stirn zu bieten. Auch die französische Verteidigungsministerin Florence Parly war von Bidens Ankündigung eines neuen Bündnisses mit dem Namen AUKUS (Australien-United Kingdom-USA) verblüfft.

Die Franzosen sind speziell darüber empört, dass Bidens unerwartete Ankündigung auch ein massives Rüstungsabkommen mit Australien vorsieht, der einen ähnlichen Vertrag, den Australien mit der französischen Naval Group im Jahr 2018 unterzeichnet hatte, zur Makulatur macht. "Die erste große Initiative von AUKUS wird die Lieferung einer nuklearbetriebenen U-Boot-Flotte an Australien sein", sagte Biden. "Wir beabsichtigen, diese U-Boote in Adelaide, Australien, in enger Zusammenarbeit mit Großbritannien und den USA zu bauen."

Wen will Biden veräppeln? Bei dieser ganzen Farce geht es einzig darum, den militärisch-industriellen Komplex der USA in dem Maße beschäftigt zu halten, wie es seine Aktionäre bisher gewohnt waren. Und das, indem man ein chinesisches Schreckgespenst an die Wand malt. Wenn es wirklich nur um die nationale Sicherheit Australiens geht, so gab es dafür bereits einen Vertrag mit den Franzosen.

Dieser Verrat ist besonders erschütternd, da er ungefähr zeitgleich mit zwei anderen Ereignissen stattfand, welche die Opfer hervorheben, die Frankreich in Solidarität mit den USA erbracht hat. Zunächst informierte der französische Präsident Emmanuel Macron die Welt innerhalb von Stunden nach Bidens Ankündigung, dass die französischen Streitkräfte in der Sahelzone den Anführer des dortigen ISIS, der für den Tod US-amerikanischer Soldaten im Jahr 2017 verantwortlich war, "neutralisiert" haben.

Zweitens warf der jüngste chaotische Rückzug der USA aus dem 20-jährigen Krieg in Afghanistan viele Franzosen, deren Militäroperationen dort im Jahr 2012 endeten, während die Ausbildung afghanischer Streitkräfte im Jahr 2014 abgeschlossen wurde, auf die Frage zurück, ob die Opfer, die man einzig zur Unterstützung des US-Verbündeten nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 erbrachte, es letztlich wert waren.

In dieses gegenwärtige Klima platzt dieser offene, von den USA geführte Verrat an Frankreich in den Raum, worauf umgehend die Absage einer Gala in der französischen Botschaft in Washington folgte, bei der die französisch-amerikanischen Beziehungen gefeiert werden sollten. Aber das geht eindeutig nicht weit genug.

Biden hat Amerikas Verbündeten erneut gezeigt, dass sie nichts anderes als Vasallen sind, die den amerikanischen Interessen zu dienen haben, und zwar so, wie Washington es für richtig hält. Seine Ankündigung des neuen Bündnisses schließt nicht nur Frankreich, ein Land, das bereits über Gebiete und beträchtliche militärische Mittel im Indopazifik verfügt, bei einer möglichen Geheimdienstkooperation mit diesem neuen Bündnis aus, sondern auch andere traditionelle Verbündete wie Kanada und Neuseeland, die beide Mitglieder der Gruppe der "Fünf Augen" (Five Eyes) sind, die nachrichtendienstliche Informationen teilen.

Alle diese Länder haben bei allen gescheiterten amerikanischen Auslandsinterventionen auf der ganzen Welt routinemäßig die Schrotflinten hervorgeholt. Mit höchst fragwürdigen Renditen für ihre Bemühungen im Verhältnis zu den erbrachten Opfern und getragenen Kosten. Und das alles wofür? Sind diese Länder jetzt sicherer, als wenn sie einfach zu Hause geblieben wären und in die Stärkung ihrer heimischen Verteidigung investiert hätten?

Macron selbst hat sich kürzlich skeptisch gegenüber dem von den USA geführten NATO-Bündnis geäußert, und konstatierte, dass dieses "hirntot" sei. Er deutete an, dass die NATO einen neuen Zweck brauche, der über den Versuch hinausgeht, den Kalten Krieg am Leben zu erhalten, indem die Angst vor Russland geschürt wird, um dadurch die nationalen Verteidigungsetats bis an den Rand zu füllen.

Der französische Präsident hat die NATO ermutigt, sich neu zu positionieren und eher den Terrorismus als den Kommunismus zu bekämpfen. Vermutlich findet beides in der westlichen Öffentlichkeit nicht mehr so viel Anklang. Oder zumindest betrachtet man ausländische Militärinterventionen nicht als den besten Ansatz, um diese Probleme anzugehen. Jetzt hat sich der Fokus der USA also fast ausschließlich auf China gerichtet, um seinem Einfluss entgegenzuwirken. Und all das angesichts der Tatsache, dass westliche Nationen einen völligen Mangel an Selbstbewusstsein zeigten und ihren eigenen Arbeitnehmern in den Rücken fielen, indem sie die Produktion in Billiglohnländer verlagerten, was dazu beigetragen hat, Chinas Aufstieg voranzutreiben.

Wie so oft versuchen die Vereinigten Staaten nun, das "Monster" zu töten, zu dessen Entstehung sie maßgeblich beigetragen haben, und zwar aus genau demselben Grund: wirtschaftliche Vorteile. Der Vorwand, China entgegenzutreten, ist wirklich der einzige Anlass, der die über Jahre hinweg ausgereizten Verteidigungsausgaben in allen Sektoren rechtfertigt, von der konventionellen Verteidigung bis hin zum Cyber-Krieg. China ist die neue Melkkuh für den aufgeblähten amerikanischen Regierungsapparat. Die USA scheinen nur daran interessiert zu sein, zu bestimmen, welcher ihrer Vasallen – Pardon… "Verbündeten" – die passende Dekoration für dieses neue Bündnis darstellt, während sie ausschließlich ihre Gewinne maximieren wollen. Frankreich passte nicht in dieses Bild, da es bereits einen Rüstungsvertrag in der Hand hatte, den die USA haben wollten.

Die würdevollste Antwort, die Frankreich jetzt im Namen der "verbündeten" US-Vasallenstaaten geben könnte, wäre, das Militärbündnis NATO zu verlassen und militärische Kooperationsabkommen und Missionen mit seinen europäischen Partnern zu suchen – einschließlich Russlands – die für eine einzigartige europäische Agenda und europäische Interessen sinnvoll sind. Der frühere französische Präsident Charles de Gaulle hat es bereits im Jahr 1966 vorgemacht. Die Absenz von der NATO hielt 43 Jahre. Es ist wieder an der Zeit, dass Frankreich im eigenen Interesse und im Interesse seiner Bevölkerung Stellung bezieht.

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Übersetzt aus dem Englischen. 

Rachel Marsden ist Kolumnistin, politische Strategin und Moderatorin eines unabhängig produzierten französischsprachigen Programms, das auf Sputnik France ausgestrahlt wird. Ihre Website findet man unter rachelmarsden.com

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