Meinung

Der Westen will, dass Russland das Erbe der UdSSR abwirft – doch ohne wäre es kein Russland

Braut sich in Russland die Rückkehr der Sowjetunion zusammen? Jedes Mal, wenn Moskau über die positiveren Aspekte seiner Geschichte auch nur nachdenkt, stellen sich westliche Politiker und Journalisten diese Frage – und wähnen imperiale Pläne.
Der Westen will, dass Russland das Erbe der UdSSR abwirft – doch ohne wäre es kein RusslandQuelle: Sputnik © Ewgeny Biyatow / RIA Nowosti

Kommentar von Glenn Diesen

"Liberalismus versus Kommunismus" lautete das Paradigma der Perspektive, die im Westen während des Kalten Krieges die Diskussion zu Russland beherrschte. Auch seither geht es stets um die Frage, ob sich Russland endgültig von seinen angeblichen Sünden der Vergangenheit zugunsten eines Liberalismus nach US-amerikanischem Vorbild losgesagt hat. Jedes Anzeichen dafür, dass dies irgendwo nicht der Fall sein könnte, und für das "Versäumnis" Russlands, sich in einen Abklatsch des Westens zu verwandeln, wird als Rückfall in die sowjetische Vergangenheit gedeutet.

Der renommierte Wissenschaftler Samuel Huntington bezeichnete dieses binäre ideologische Prisma als "Single Alternative Fallacy" – den "Denkfehler der 'einzigen' Alternative". Dieser Denkfehler sei es, der bisher die Analyse Russlands von außen ernsthaft verzerre. Während des längsten Zeitraums seiner Geschichte verfolgte Moskau den Konservatismus als die dritte Alternative – und kehrt nun zu dieser langjährigen Tradition zurück.

In der Regel waren Kommunisten und Konservative erbitterte Feinde. Doch weil der Konservatismus eine kohärente nationale Erzählung und Identität verlangt, bringt folglich der russische Konservatismus mit sich, dass auch aus der sowjetischen Geschichte alles gerettet wird, was sich retten lässt.

Ein Jahrtausend fragmentierter Geschichte

Der Konservatismus umfasst die Konzepte des evolutionären Wandels, der Stabilität und der nationalen Einheit. All dies, so wird damit gemeint und ausgesprochen, hänge davon ab, dass die Gegenwart auf den soliden Grundlagen der Vergangenheit aufgebaut werde. Im Gegensatz dazu bedeutet revolutionärer Wandel, die Wurzeln der Vergangenheit auszuheben, um Platz für etwas völlig Neues zu schaffen.

Die Anziehungskraft, die der Konservatismus auf Russland ausübt, rührt von der zerreißenden Wirkung der wechselhaften Geschichte Russlands her. Die ständige Entwurzelung der russischen Vergangenheit führte zu einer fragmentierten Geschichte, die ihrerseits widersprüchliche nationale Identitäten und Bestrebungen hervorbrachte. Infolgedessen wird die Gesellschaft gespalten – und für Versuche der Unterwanderung durch ausländische Mächte anfällig.

Aus konservativer Sicht verlief die Entwicklung Russlands aufgrund dieser turbulenten Geschichte katastrophal. Die Wurzeln des Landes werden gemeinhin in der Kiewer Rus als einer "normalen" europäischen Macht verortet. Die erste revolutionäre Veränderung erfolgte im 13. Jahrhundert, als die Kiewer Rus auseinanderbrach und die Mongolen dort einfielen.

Nach 250 Jahren unter dem tatarisch-mongolischen Joch erlangte Russland seine Unabhängigkeit als ein neues moskowitisches Russland. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts leitete Peter der Große eine Kulturrevolution ein, in deren Verlauf Russland von seiner mongolischen und asiatischen Geschichte abgeschnitten wurde – so sollte es zu seiner europäischen Vergangenheit zurückzukehren. Das ganze 19. Jahrhundert hindurch war die Gesellschaft Russlands gespalten zwischen Reformern nach westlichem Vorbild und Konservativen, die die einzigartige frühe Geschichte des moskowitischen Russlands romantisierten. Und die Kommunisten schließlich übernahmen nach der bolschewistischen Oktoberrevolution im Jahr 1917 (Anm. d. Red.: welche auf die bürgerliche Revolution im Februar desselben Jahres folgte) die Macht und schnitten die Nation erneut von der orthodoxen Kirche und anderen wichtigen Institutionen ab, um eine marxistische Gesellschaft zu schaffen, die von ihrer eigenen Vergangenheit befreit sein sollte.

Im Jahr 1991 brach der Staat erneut zusammen, und Russland erfand sich als ein liberales Land neu, das eine Wiederbelebung der Politik Peters des Großen und eine "Rückkehr" nach Europa anstrebte. Als Russland nicht lange nach dem Kalten Krieg auch aus dem neuen "Europa" ausgeschlossen wurde, begann es, seinerseits über die vom westlichen Liberalismus nunmehr eingeschlagene Richtung bestürzt, seine Rückkehr zum Konservatismus.

Der russische Konservatismus erkennt heute an, dass die Stabilität davon abhängt, wie all diese verschiedenen zeitlichen Etappen der russischen Geschichte in ein nationales Narrativ und in eine nationale Idee einbezogen werden. Das bedeutet, anerkennen zu müssen, dass die Kiewer Rus, das "mongolische" Russland, das moskowitische Russland, das Russland Peters des Großen, das sowjetische Russland und das liberale Russland allesamt wichtige Teile der russischen Geschichte sind. Der Ausschluss auch nur einer dieser Episoden wäre jeweils ein zerstörerischer Akt, der lediglich zu einer inneren Zersplitterung führen würde – die ihrerseits denjenigen Tür und Tor öffnet, die Unzufriedenheit im Land schüren wollen.

Dass auf den Bauten des Kremls sowohl orthodoxe Kruzifixe als auch der kommunistische rote Stern prangen, ist paradox – und doch steht das im Einklang mit der russischen Geschichte. Die Rettung, Bewahrung und Wiederverwendung des sowjetischen Erbes ist weder ein Rückfall in den Kommunismus noch ein Versuch, das Sowjetimperium wiederherzustellen – sondern steht im Einklang auf der Linie einer konservativen Politik, die darauf abzielt, konkurrierende politische Gruppierungen unter das gemeinsame Zelt der russischen Nation zu bringen.

Ein Nota Bene für westliche Liberale?

Während also die russischen Konservativen versuchen, die innere Spaltung im Land zu überbrücken, indem sie ein immer größeres Zelt aufspannen, bewegt sich der Westen in die entgegengesetzte Richtung: Dessen umstürzlerische liberale Ideologie mindert die Fähigkeit, politische Gegenstandpunkte gegen eine immer schmalere Anzahl von Werten zu akzeptieren. Damit wird das zu Zeiten der Sowjetunion gängige Bestreben, den "marxistischen Menschen" zu schaffen, der von seiner eigenen Vergangenheit losgelöst sein sollte, nun in gewissem Sinne von den westlichen Gesellschaften nachgeahmt –  diese versuchen ihrerseits, einen "westlichen Menschen" zu schaffen, der von seiner illiberalen Vergangenheit befreit sein solle.

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Die Forderung nach ideologischer Konformität mit gemeinsamen Werten bedeutet, dass (Einfügung d. Red.: konkurrierende, aber dennoch) kompatible Werte abgelehnt werden – und so wird das "Zelt" kleiner, und die Möglichkeit eines echten Multilateralismus schrumpft mit ihm. So hat das Beharren auf offenen Grenzen und die Zentralisierung der Macht in Brüssel die Briten aus der EU gedrängt. Als Nächstes könnten – durchaus möglich – Polen und Ungarn an der Reihe sein, die im liberalen Westen keinen Platz mehr zu haben scheinen – verfolgen sie doch eine christlich-konservative Politik, um Institutionen und Werte wiederherzustellen und wieder zu ermächtigen, die sie zuvor von der kommunistischen Herrschaft als geschädigt ansehen.

Doch zur gleichen Zeit beharrt die westliche medial-politische Klasse weithin in der Erwartungshaltung, dass Russland seiner sowjetischen Vergangenheit abschwöre und eine neue Seite aufschlage, um erst dann als liberale Demokratie akzeptiert zu werden – anstatt zu akzeptieren, dass Russland ein gewisses Maß an historischer Kontinuität benötigt. Und zumindest im Moment zeigen die Russen herzlich wenige Anzeichen dafür, ihre eigene Geschichte vergessen zu wollen.

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Übersetzt aus dem Englischen

Glenn Diesen, Professor an der Universität von Südostnorwegen und Herausgeber der Zeitschrift Russia in Global Affairs. Folgen Sie ihm auf Twitter @glenndiesen

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