Meinung

Honduras' Präsident und sein Bruder in den USA des Drogenhandels beschuldigt

Immer wieder erschüttern Konflikte um Drogenbanden Lateinamerika. Nicht selten sind hochrangige Politiker in das Drogengeschäft verwickelt. Jetzt wurden der Präsident von Honduras, Orlando Hernández, und sein Bruder von einem Gericht in Manhattan angeklagt.
Honduras' Präsident und sein Bruder in den USA des Drogenhandels beschuldigtQuelle: AFP © Orlando SIERRA

von Maria Müller

Am 18.03. beantragte die Staatsanwaltschaft in einem Prozess in Manhattan/New York für den Bruder des Präsidenten von Honduras, Tony Hernández, eine lebenslängliche Freiheitsstrafe.

Präsident Orlando Hernández selbst steht mit dem Rücken zur Wand. Die Aussagen von zwei leitenden Drogenchefs im Prozess gegen seinen Bruder belasten ihn schwer. Sein Bruder soll in 15 Jahren rund 185 Tonnen Kokain in die USA befördert haben. Honduras ist das Transitland für Drogen aus Kolumbien, ein weiterer eiserner Verbündeter der USA.

Umstrittene Wahlen in Honduras

Man kann sich noch daran erinnern, dass Hernández 2018 bei Wahlen "von niedriger demokratischer Qualität" (laut Wahlbeobachtern der OAS) erneut zum Präsidenten gekürt worden war. In der Folge kam es zu schweren wochenlangen Auseinandersetzungen mit Dutzenden von Toten, der Vorwurf des Wahlbetrugs war nicht auszuräumen. Doch die USA und Europa tolerierten diesen demokratischen Schönheitsfehler, Honduras war stets ein treuer Verbündeter, wenn es gegen Venezuela ging.

Die zwei Kronzeugen im Prozess gegen den früheren Kongressabgeordneten Tony Hernández sind vormalige Chefs des Drogenkartells "Los Cachiros". Beide befinden sich in den USA in Haft. Kronzeuge Devis Rivera hat gestanden, für den Tod von 78 Personen direkt oder indirekt verantwortlich zu sein. Er lieferte sich selbst 2015 den US-Behörden aus und hofft nun auf eine Verkürzung seiner 30-jährigen Haftstrafe durch Aussagen.

Honduras – ein gewalttätiger Drogenstaat

Die beiden zeichneten mit ihren Schilderungen ein Bild von dem,was die USA ansonsten einen Drogenstaat nennen – übrigens ein Ausdruck, den der New Yorker Staatsanwalt im Prozess gebrauchte. Die Kartellchefs Geovanny Fuentes und Rivera beschuldigen nicht nur den Präsidenten, sondern auch den Vizepräsidenten, die Polizei und die Armee – sie alle hätten Bestechungsgelder entgegengenommen und Aufgaben im Netzwerk der Mafia ausgeführt. Auch ein Vorgänger von Hernández, Präsident Porfirio Lobo (2002–2006), habe dem Drogenkartell gute Dienste erwiesen – gegen gefüllte Brieftaschen.

Schließlich brachten sie auch Ex-Präsident Manuel Zelaya ins Spiel. Auch dieser habe für seinen Wahlkampf hohe Summen erhalten und versprochen, bei einem Wahlsieg seinen Cousin zum Innenminister zu machen. Zelaya siegte, doch der Verwandte wurde nicht Minister. Im Rahmen eines Putsches verschleppte man den Präsidenten dann gewaltsam außer Landes, an seine Stelle trat ein De-facto-Regime. Seit diesem Zeitpunkt (2009) erhalten die Drogenkartelle in Honduras obersten Schutz.

Auch die Schwester des Staatschefs, Hilda Hernández, nahm im Jahr 2012 eine Gabe von 250.000 Dollar in bar entgegen, als ihr Bruder noch Parlamentspräsident und chancenreicher Kandidat für eine Regierungsübernahme war. Rivera bestätigte, man habe als Gegenleistung verlangt, das Kartell Los Cachiros  so zu schützen, dass weder Polizei noch Militär seine Leute verhaften und niemand in die USA ausgeliefert werde. Hilda ist inzwischen bei einem Unfall mit dem Präsidentenhubschrauber ums Leben gekommen.

Vizepräsident Ricardo Álvarez soll auch eine halbe Million bekommen haben. Er versprach angeblich, das Auslieferungsgesetz an die USA zu eliminieren, falls er gewählt würde.

"El Chapo" spendete eine Million für den Wahlkampf

Einer der Kronzeugen versicherte, er habe 2013 an einem Treffen teilgenommen, bei dem Joaquín "El Chapo" Guzmán, der frühere Chef des Sinaloa-Kartells (heute in den USA inhaftiert), dem Präsidentenbruder eine Million für den Wahlkampf übergeben habe.

Ein weiterer Zeuge, der aus Honduras in die USA geflüchtet war, erklärte im Prozess unter Eid:

"Ich habe 15 Jahre lang bei der Agrarfirma des Unternehmers Fuad Jarufe als Buchhalter gearbeitet. Dort lernte ich Geovanny Fuentes kennen, der häufig Tausende von Dollar mitbrachte, wofür ich ihm dann Schecks in honduranischer Währung zurückgab. Bei dem ersten Treffen zwischen Orlando Hernández und Fuentes schlug der Präsident vor, dass dieser mit seinem Drogenlabor für ihn arbeiten solle. Hernandez sagte, wegen der Justiz brauche er sich keine Sorgen zu machen, denn der Generalstaatsanwalt Óscar Chinchilla werde ihn schützen. Der Drogentransport stehe unter der Bewachung von Militärs und der Polizei."

Das Gespräch habe am runden Tisch im Büro des Firmenchefs Jarufe stattgefunden. Bei den regelmäßigen Treffen seien immer auch die Sicherung und der Schutz der Drogen-Transportrouten besprochen worden. Eine der Zusammenkünfte unter Beisein des Regierungschefs sei mit der Sicherungskamera der Firma aufgezeichnet worden, der Zeuge habe eine Kopie in Händen gehabt.

Prozessbeobachter glaubten, die Verhaftung von Tony Hernández in Miami, als er gerade den Preis für eine Ladung mit 80 Kilogramm Kokain verhandelt hatte, markiere den Anfang vom Ende der aus dem Norden protegierten Präsidentenkarriere in Honduras.

Im Verfahren gegen seinen Bruder Tony 2019 wurde Orlando 104-mal genannt. Es ist erstaunlich, dass dem Präsidenten von Honduras bis heute nichts geschieht. Er wurde noch nicht einmal als Zeuge in diesem Prozess vorgeladen. Sein ausgezeichnetes Verhältnis zu Washington und besonders zu Donald Trump habe das verhindert, meinen Beobachter. Bei den Primärwahlen am vergangenen Sonntag konnte er jedenfalls unbehelligt erneut als Kandidat für eine dritte Präsidentschaft auftreten.

Der Präsident soll persönlich Drogenlieferungen abgeholt haben

Im Prozess in New York kamen eine Reihe von Einzelheiten über die Organisation und Arbeitsweise des Kartells Los Cachiros zur Sprache. Der Drogentransport sei über eine geheime, vom Militär bewachte Fluglandebahn in Honduras erfolgt, neben verschiedenen Routen auf dem Seeweg. Der Präsident selbst habe Drogenladungen aus Kolumbien auf den Flughäfen von San Pedro Sula und Tegucigalpa entgegengenommen. (Kronzeuge Fuentes spricht von Videoaufnahmen.) Das sei unter den Augen der amerikanischen Drogenkontrollbehörde DEA geschehen. Sie habe solche Manöver nicht durchschaut. Man bewegte die Droge bis zur Grenze von Guatemala, dann weiter über Mittelsmänner durch Mexiko in die USA.

Durch den Korridor von Honduras gelangen 80 Prozent des Kokains in die Vereinigten Staaten, vor allem in die Hauptstadt Washington. 

Weitere Anklagepunkte gegen Tony Hernández sind unerlaubter Waffenbesitz und Waffenbeschaffung aus Militärbeständen für die Drogenmafia. Auch habe er Los Cachiros über Pläne der DEA informiert. Außerdem soll er für zwei Morde direkt oder indirekt verantwortlich sein.

Honduras vom organisierten Verbrechen beherrscht

Der Staatsanwalt sagte in dem Verfahren:

"Der Angeklagte war Kongressabgeordneter. Er spielte zusammen mit seinem Bruder Orlando Hernández in einer staatlich geschützten, gewalttätigen Konspiration des Drogenhandels eine Führungsrolle."

Er fuhr fort:

"Honduras wird vom organisierten Verbrechen gelenkt. Alle Staatsgewalten stehen unter der Kontrolle derselben Mafia."

Tony Hernández wurde 2019 von der Jury in seinem nun drei Jahre dauernden Verfahren für schuldig befunden. Er muss 138,5 Millionen Dollar Strafe zahlen. Das entspricht dem Gewinn aus dem Geschäft. Außerdem kommt eine weitere Strafe von zehn  Millionen Dollar dazu.

Das endgültige Urteil in dem dreijährigen Prozess wird dennoch immer wieder verschoben. So auch in diesem Jahr. Es war für den 23. März angekündigt, doch am vergangenen Dienstag hieß es dann plötzlich, der 15. April sei Termin.

Mächtige Partner im Drogenbereich

Präsident Hernández konnte sich für alle Fälle rechtzeitig absichern. Aus seinen Botschaften auf Twitter spricht das Zusammenspiel zwischen mächtigen Partnern im Drogenbereich. 

"Das State Department hat berichtet, dass unter meiner Regierung der Durchgang der Drogen durch Honduras um 84 % auf nur noch 4 Prozent zurückgegangen ist! Kein Drogenstaat, sondern ein Anti-Drogenstaat", verkündete er stolz.

Und in einer weiteren Twitter-Botschaft drohte er mit diplomatischen Worten:

"Die Verbündeten wissen, dass meine Regierung die effektive Zusammenarbeit weiterhin stärken will. Wie würde die Zukunft aussehen, wenn die Narcos in den USA mit offensichtlichen Lügen Vorteile erreichen könnten? Dann gäbe es einen 'unvermeidlichen Kollaps' in der Zusammenarbeit."  

Welche Zusammenarbeit ist gemeint?

Orlando Hernández verfügt zudem über ein Video mit einem US-amerikanischen Regierungsbericht "International Narcotics Control strategy Reports" (INCSR). Tenor des Videos: "Weder fördert noch erleichtert die Regierung von Honduras die Produktion oder Verteilung von illegalen Drogen."

Hernández pocht darauf, einige Drogenchefs in die USA ausgeliefert und Säuberungen im Militär- und Polizeiapparat veranlasst zu haben. 

Der Präsident drohte anlässlich der Kandidatenwahlen am vergangenen Sonntag erneut mit der Macht der Mafia:

"Mein Nachfolger muss damit rechnen, entweder zerstört oder ermordet zu werden. Fragt die Kandidaten, ob sie bereit sind, alles zu riskieren. Wer trotz der Risiken dazu bereit ist, die Staatsführung zu übernehmen, den lohnt es zu wählen."

Hernández benutzt seine Verstrickung mit der Drogenwelt als Wahlpropaganda, er sei "alternativlos". Denn eine Regierung könne in diesem Land nur in Verbindung mit der Mafia regieren. Diese Worte versteht jeder in Honduras. Und in Washington.

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