Meinung

Schlechte Nachrichten für deutschen Mainstream: Nawalny geht's gut

Wir haben schon lange nichts mehr von Alexei Nawalny gehört, dem wohl bekanntesten Gefangenen Russlands und dem Darling des deutschen Politikfeuilletons. Endlich gibt es wieder Post, genauer gesagt einen Instagram-Post, der doch wieder typisch Nawalny ist.
Schlechte Nachrichten für deutschen Mainstream: Nawalny geht's gut© Screenshot / Instagram @navalny

von Arthur Buchholz

Ja, er lebt noch. Keine Angst, deutsche Medien lassen uns nicht vergessen, dass Nawalny noch existiert, auch wenn er tagelang nichts auf Instagram verlautbaren konnte. Er ist wieder aufgetaucht, und zwar in einer Strafkolonie etwa 100 Kilometer von Moskau entfernt. Schade, doch nicht Sibirien, wäre schon etwas werbewirksamer gewesen. Leider haben sie keine guten Nachrichten zu verbreiten: Er wird weder geschlagen noch schikaniert noch gefoltert. (Hat da jemand Guantanamo gesagt?)

Dann muss man sich halt an was anderem abarbeiten. Und Nawalny liefert. Das ist er seinen größten Fans schuldig. Ein Instagram-Post zeigt ihn mit rasiertem Schädel. Angeblich ein altes Foto. (Sie wissen schon, damals, als er Kaukasier noch als Kakerlaken beschimpft hat.) Zwar kann auch er keine Schreckensbotschaften verbreiten, aber ein wenig für Aufmerksamkeit sorgen geht doch.

Sein neues Zuhause für die nächste Zeit sei ein "echtes Konzentrationslager". Na, das hat gesessen. Die Zeit entblödet sich auch nicht, genau diese Passage in den Titel zu hieven. Man weiß, was man seinem Leser schuldig ist.

Was? Holocaustverharmlosung? Kann nicht sein! Nicht bei Nawalny! Der spielt doch nach seinen eigenen Regeln, da drückt man in Deutschland doch gerne mal ein Auge zu. Das Ziel des Holocaustvergleichs ist natürlich Russland, höre ich schon die Apologeten rufen. Russland mit Nazis gleichzusetzen wird doch wohl noch erlaubt sein.

Und sonst? Halten Sie sich fest! Es wird zu wenig geflucht!

"Die Routine, die Regeln, der Tagesablauf. Die wortwörtliche Einhaltung von endlosen Regeln. Es ist keine unflätige Sprache und kein Fachjargon erlaubt. Und dieses Verbot wird strikt durchgesetzt. Können Sie sich ein Gefängnis vorstellen, in dem nicht geflucht wird? Beängstigendes Zeug."

Strikte Regeln und keine Fäkalsprache. Wo gibt es denn sowas? Und dann noch diese Überwachung im Gefängnis:

"Videokameras überall, jeder wird überwacht, und bei der kleinsten Übertretung wird eine Meldung gemacht. Ich glaube, jemand da oben hat Orwells '1984' gelesen und gesagt: Ja, das ist lustig. Lassen Sie uns das tun. Erziehung durch Entmenschlichung."

Wo ist Pawlenski?

Regeln und Videokameras, was für Zustände. Aber mal was anderes: Erinnern Sie sich noch an Pjotr Pawlenski? Den russischen "Künstler" und Regimekritiker, der seine Hoden an den Roten Platz genagelt hat und Feuer am Hauptportal des Geheimdienstes FSB gelegt hat? Eine Art Nawalny vor Nawalny. Wie hat ihn die Zeit verehrt. Mit Aufatmen stellte man fest, dass Pawlenski in Frankreich Asyl bekommen habe. Schade eigentlich, dass sich die Zeit nicht weiter für seinen Werdegang interessiert hat. So erfährt man zum Beispiel nicht mehr, dass Pawlenski in einem radikalen Akt der Selbstkopie das Portal der französischen Nationalbank angezündet hat. Seine folgerichtige Verhaftung fand halt nicht in Moskau statt, sondern in Paris. Die Pointe: Pawlenski beschwerte sich über die Haftbedingungen im Gefängnis von Fleury Merogis auf Facebook. Darin kommt sogar das russische Gefängnis, in dem Pawlenski zuvor eingesessen hatte, richtig gut weg: 

"In Butyrka [ein Moskauer Gefängnis] kommt der Wärter in die Strafzelle und ruft den Häftling beim Namen, liest den Befehl vor, ihn für fünf, zehn oder 15 Tage in die Strafzelle zu stecken. Der Häftling holt alle seine Habseligkeiten und die Matratze aus der Zelle, verabschiedet sich von seinen Zellengenossen und geht. Nach der Strafzelle kommt er entweder in dieselbe Zelle zurück oder in eine andere, je nach Entscheidung der Verwaltung. In Fleury legt ihn eine Schar von fünf bis zehn Wärtern auf den Boden, würgt ihn, sodass er keucht, verdreht ihm die Arme, legt ihm von hinten Handschellen an, sodass die Haut an den Handgelenken aufgerissen wird, Sie verdrehen die Beine, als ob sie einen Wäscheleinenknoten machen sollten, und dann zerren sie ihn, indem sie ihm Hals und Handgelenke quetschen."

Leider berichtet die Zeit auch nicht mehr darüber, dass Pawlenski offenbar ein Sexvideo von Benjamin Griveaux veröffentlicht hat. Griveaux war Bürgermeisterkandidat in Paris und Macrons Wunschkandidat.

Merken Sie was? Sogenannte russische Oppositionelle sind für die Zeit, den Bundesgerichtshof der Moral, nur so lange interessant, wie sie in Russland aktiv sind. Danach werden sie wieder ganz gewöhnliche verhaltensauffällige Gestalten. Dann könnte man auch für das Lieblingskind der Zeit was tun: Asyl für Nawalny, aber bitte nicht in Deutschland!

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