Meinung

Jahrhundert der Pandemien: Verschiebung der Narrative und "Regime Change" im Inland

Seit Jahren wenden die Westler den Begriff "Regime" für jene Staaten an, die sich nicht der unipolaren Weltordnung des Westens unterwerfen. Nun wertet ein deutscher Denker diesen Begriff zur Etablierung einer Strategie im Zuge von Corona in der eigenen Gesellschaft auf.
Jahrhundert der Pandemien: Verschiebung der Narrative und "Regime Change" im InlandQuelle: AFP © David Gannon

von Seyed Alireza Mousavi

Im Zuge der Corona-Krise meldeten sich mehrfach Rechtsaußen- sowie Linksaußen-Politiker zu Wort und prangerten die Corona-Maßnahmen als ersten Schritt zur Etablierung eines mutmaßlichen "Corona-Regimes" an. Dabei kann man davon ausgehen, dass sie mit dieser populistischen Strategie Stimmung gegen die Regierung machen oder mit den Ängsten der Menschen spielen, um damit bei der nächsten Bundestagswahl mehr Stimmen zu gewinnen. 

Vor Kurzem äußerte sich der renommierte Politikwissenschaftler Prof. Herfried Münkler zum Begriff "Corona-Regime", um nicht rechtspopulistische Stimmungsmacher zu tadeln, sondern im Gegenteil den Begriff umzuwerten, nämlich in einen neutralen – selbst wenn nicht im positiven Sinn.

"Wir müssen davon ausgehen, dass wir auf viele Jahre hinaus ein Corona-Regime haben werden. Wir erleben eine klassische Zäsur."

Um die Einstellung von Prof. Münkler zum "Corona-Regime" richtig zu analysieren, muss man sie in den Kontext seiner Theorien, die er in den letzten Jahren entwickelt hat, stellen. Münkler prägte in den vergangenen Jahren teilweise den strategischen Leitfaden der deutschen Politik, insbesondere seit der Flüchtlingskrise 2015 mit seinem Buch "Die neuen Deutschen: Ein Land vor seiner Zukunft". Diesbezüglich soll er seinerzeit auch den Slogan "Wir schaffen das" mitkonzipiert haben.  

Münkler ist unter anderem der Autor von Die Deutschen und ihre Mythen, und er ist überzeugt, dass Deutschland "sinnstiftende Erzählungen" und zwar Narrative zur Bewältigung einer Krise braucht. In der Bundesrepublik stünden nie sinnstiftende Erzählungen im Mittelpunkt der kollektiven Selbstvergewisserung. Es seien nur Geschichten über die Wirtschaftskraft, also ein Leistungsmythos, gewesen. So habe sich das Bedürfnis nach mythischer Erzählung und symbolischer Repräsentation von Politik und Staat auf Markt und Konsum verlagert, sagte Münkler September 2018 in einem Zeit-Interview. 

Münkler fordert "haltende Narrative" in Deutschland, um die Krise zu bewältigen. In seinem jüngsten Interview mit der Heilbronner Stimme sagte Münkler, dass die Regierung eine längerfristige Strategie entwickeln müsse, um gegen "Pandemien" vorzugehen. Münkler ist fest davon überzeugt, dass mit Corona "ein Jahrhundert der Pandemien" begonnen hat. "Im Sinne eines Corona-Regimes" sei es die Aufgabe der Bundesregierung, die Menschen auf die neuen Verhältnisse einzustellen.

Münkler versucht dabei, das Wort "Corona-Regime" neu zu bewerten, um daraus mutmaßlich ein neues Narrativ zu konzipieren, indem er die "Umkehrung eines neoliberalen Denkens" und eine stärkere Rolle des Staates in der Gesellschaft ankündigt. Das Beispiel "Impfstoffproduktion" zeigt, so Münkler, dass man dem Staat eine Rolle zuweisen müsse, von der manche glaubten, sie sei vorbei.

Insofern wertet Münkler den Begriff Regime neu, um damit ein sinnstiftendes Narrativ zu entwickeln. Mit der neuen Aufwertung von "Regime" kündigt er eine neue Ära für Deutschland, die so gut wie kaum etwas mit der Vor-Corona-Ära, nämlich der stark individualisierten Konsumgesellschaft, zu tun haben will.

Seit Jahrzehnen wenden die Westler den Begriff "Regime" für jene Staaten (Russland, China, Iran und Venezuela etc.) an, die sich nicht der unipolaren Weltordnung des Westens unterwerfen, und dabei steht stets die Agenda des Regime Change auf der Tagesordnung der westlichen Politik. Nun wollen die Westler offenbar in ihren eigenen Staaten einen Regime Change durchführen. Ohne es zu beurteilen, befinden wir uns in Deutschland in der Phase der Verschiebung der Narrative zur Etablierung einer neuen Gesellschaft.

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