Meinung

"Weiße Vorherrschaft" – Jetzt sollen auch Aristoteles und Platon aus Lehrplänen verschwinden

Ein bekannter US-Akademiker fordert, die sogenannten Klassiker aus den Lehrplänen zu streichen. Diese seien "mit der weißen Vorherrschaft verstrickt". Doch wer künftigen Generationen die Weisheit der Vergangenheit vorenthält, fördert Ignoranz und Spaltung.
"Weiße Vorherrschaft" – Jetzt sollen auch Aristoteles und Platon aus Lehrplänen verschwindenQuelle: Gettyimages.ru

von Alexander Adams

Dan-el Padilla Peralta, ein afroamerikanischer Akademiker, behauptet, dass die Vorstellungen der westlichen Zivilisation von Weisheit auf "Weißheit" basieren, was letztlich auf die Interpretationen der antiken Autoren zurückzuführen sei. In jüngster Zeit haben auch andere US-Professoren, die z.B. Klassische Literatur unterrichten, ihre eigenen Lehrfächer nach weißem Nationalismus durchforstet, um so jegliches Lehrfach von vermeintlichem Rassismus zu reinigen.

Doch Padilla geht noch weiter und behauptet, dass die Klassik-Fakultäten an sich schon feindselig gegenüber Minderheiten seien. "Wenn man absichtlich ein Lehrfach entwerfen würde, dessen institutionelle Organe und Vorgaben zur Selbstzensur explizit darauf abzielen, den legitimen Status von nicht-weißen Gelehrten zu delegitimieren", so Padilla gegenüber der New York Times, "könnte man es nicht besser machen, als es die der 'Klassik' machen." Er ergänzte, dass "die Klassik so sehr mit der weißen Vorherrschaft verwoben sei, dass sie unlösbar mit ihr verbunden ist ... das Hervorbringen vom 'Weiß-zu-sein' entpuppt sich bei näherer Betrachtung als in den Grundfesten dieser 'Klassik' verankert."

Padilla übersah dabei allerdings, dass er ein Professor für klassische Literatur an der renommierten Princeton University ist, der auch gern eingeladen wird, auf Konferenzen zu sprechen und Bücher zu veröffentlichen. Viele mögen sich eine ebenso lohnende "Delegitimierung" wünschen wie die seine. Er sollte vielleicht noch einmal Platon lesen, um seine induktive Logik aufzufrischen.

Die alten Klassiker hatten viel über Toleranz, Fairness, Logik und Empathie zu sagen und vertraten die Tugenden der Demokratie und der freien Rede. Die stoischen Philosophen gaben Ratschläge zur Eigenständigkeit, zum genauen Gegenteil der Opferkultur. Als solche waren und sind sie ein hartnäckiges Hindernis für solch "progressive" Ideale – deshalb haben Padilla und andere beschlossen, dass sie weg müssen.

Jede Fakultät, die einem solchen Unsinn zustimmt, hat jegliche Verpflichtung zu empirischer Wahrheit, Rationalismus und zur Suche nach Erkenntnis verraten. Doch warum sollte eine Fakultät so etwas überhaupt in Erwägung ziehen?

"Rassenhysterie" hebt US-Akademiker aus den Angeln

Eine ansonsten ausgezeichnete Verteidigung der Klassiker durch den Schriftsteller Rich Lowry in der National Review enthält doch einen "Ausrutscher": "Es ist selten, dass man andere Fälle von Gelehrten findet, die so von Hass auf ihr eigenes Lehrfach zerfressen sind, dass sie es buchstäblich von innen heraus zerstören wollen." Im Gegenteil, Universitätsabteilungen sind voll von ängstlichen Akademikern, die glauben, dass ihre Fächer von Sexismus, Rassismus und Homophobie zerrissen wären. Sie wären durchaus bereit, ihre eigenen Fakultäten zu zerstören, um ihre Tugendhaftigkeit zu demonstrieren. Wir haben das in anderen Bereichen erlebt.

Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass der Flächenbrand in amerikanischen Städten nach dem Tod von George Floyd im letzten Sommer den Abstieg der US-Akademie in die "Rassenhysterie" beschleunigt hat. Angemessene Sorge über ungerechte Behandlung wurde zu Übersensibilität und ist nun fast zur Hysterie geworden, wobei ein Klima der Angst die Lehrstätten beherrscht. Von Studenten zu verlangen, sich mehr anzustrengen, ist Rassismus. Ein Professor an der Universität von Südkalifornien wurde suspendiert, nur weil er ein chinesisches Wort aussprach, das ähnlich wie eine rassistische Beleidigung klingt. Letzten Monat wurde ein Juraprofessor an der Universität von Illinois vom Dienst suspendiert, weil er im Rahmen einer Lektion über Diskriminierung am Arbeitsplatz das "N-Wort" ausgeschrieben hatte (er schrieb allerdings nur "n-----" und buchstabierte es nicht aus, sondern verwendete leere Platzhalter).

So etwas kam schon öfter vor – am Evergreen College reichte 2017 ein unbegründeter Rassismusvorwurf aus, um einen Mob von Studenten mit Baseballschlägern auf die Jagd nach Professor Bret Weinstein zu hetzen.

Die Ereignisse des vergangenen Sommers haben gezeigt, wie empfänglich Institutionen für Rassismusvorwürfe sind. In Wahrheit waren die Universitäten nicht nur anfällig für die Erpressung in Namen der sozialen Gerechtigkeit, sie haben die Erpressung sogar selbst verursacht. Nun drohen sie von ihrer eigenen Schöpfung aufgefressen zu werden. Niedrigere Aufnahmestandards, eine politisierte Lehre und das sinkende Ansehen der Institutionen mindern die Glaubwürdigkeit der Universitäten. Und es sind dabei die renommiertesten Universitäten, die am meisten gefährdet sind.

Aus diesem Grund stellen Padillas Aussagen eine Gefahr für jede klassische Universitätsfakultät dar, die weichherzig oder leichtgläubig genug ist zu glauben, der klassische Kanon sei ein Instrument des Rassismus.

Von der Dekolonisierung zur Segregation

Die Dekolonisierung des Lehrplans – die Entfernung weißer Persönlichkeiten, um sie durch Persönlichkeiten einer anderen Rasse, Ethnie oder Religion zu ersetzen – ist keine Frage des Prinzips, sondern der Macht. Es ist ein Weg, um zu demonstrieren, dass eine politische Fraktion die Kontrolle über die Bildung hat und dass sie Änderungen vornehmen kann, um die Ikonen ihrer vermeintlichen Gegner zu beschädigen, zu erniedrigen und zu entfernen. Es ist strategisch und zynisch zugleich. Es wird getan, um zu demoralisieren und um zu spalten. Es geht nicht um Empathie für die Schwachen, sondern um den ungehemmten Ausdruck der hässlichsten Emotionen – solcher, vor denen uns die antiken Autoren gewarnt haben, um sich zu mäßigen.

Was ist der logische Endpunkt der "Rassifizierung" aller Lehrfächer? Dass weiße Studenten sagen: "Ich will keine schwarzen Autoren lesen"? Nun, möglicherweise. Wahrscheinlicher ist es – auf der Grundlage der aktuellen Belege –, dass die besten Studenten (egal welcher Rasse) den Universitäten, die eine "Dekolonisierung" betreiben, einfach den Rücken kehren und diese Universitäten den Kanon durch Quoten ersetzen werden.

Die Studenten werden etwa Princeton und jeder anderen hochrangigen Universität, die ihren Ruf durch die "Entsorgung" der Klassiker zerstört, den Rücken kehren. Sie werden sich konservativen Universitäten oder privaten Kursen zuwenden. Anglistikstudenten, die eine traditionelle Ausbildung suchen, wenden sich an konservative Institutionen wie das Hillsdale College in Michigan oder die Buckingham University in England. Ein Abschluss an einer von "Diversity-Inclusion-Equity" geprägten Universität ist ein Warnsignal für potenzielle Arbeitgeber, die darauf bedacht sind, Absolventen zu meiden, die von sozialem Gerechtigkeitsaktivismus durchdrungen sind. Solche Absolventen sind unterdurchschnittlich gebildet und überdurchschnittlich rechthaberisch.

Alles durch die Linse der angeblichen "Rassen" zu betrachten, schränkt unser Verständnis und unsere Empathie ein. Es zwingt uns dazu, "Stammesloyalitäten" über persönliche Affinitäten zu stellen. Generationen der Weisheit unserer Menschheitsgeschichte zu berauben, ist ein Rezept für eine Zukunft, die von Ignoranz, Intoleranz und Spaltung geprägt wäre. Jeder, der die Klassiker gelesen hat, hätte uns das sagen können.

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Aus dem Englischen übersetzt. Alexander Adams ist Künstler, Kunstkritiker und Autor. Sein Buch "Iconoclasm, Identity Politics and the Erasure of History" ist beim Verlag Societas erschienen.

Mehr zum ThemaDer Machtwechsel in den USA und die Krise des westlichen Demokratiemodells