Meinung

"Durchimpfen" um jeden Preis – Die Impflobby in Berlin und Brüssel

Die Impfkampagne gegen COVID-19 läuft auf Hochtouren. Doch warum eigentlich die Bevölkerung "durchimpfen"? Wäre die Entwicklung von Medikamenten gegen COVID-19 nicht viel sinnvoller? Das wohl schon – aber eben auch bei Weitem nicht so profitabel.
"Durchimpfen" um jeden Preis – Die Impflobby in Berlin und BrüsselQuelle: Reuters © Johanna Geron

von Kaspar Sachse

Seit Beginn der COVID-19-Pandemie zeigt sich, dass die Bundesregierung offenbar kaum daran interessiert ist, Medikamente für COVID-19-Erkrankte zu entwickeln. Sie setzt lieber darauf, die komplette Bevölkerung "durchzuimpfen". Dabei beträgt die durchschnittliche Infektionssterblichkeit der an COVID-19-Erkrankten laut John Ioannidis, einem renommierten Professor für Medizin und Epidemiologie an der Universität Stanford, nur 0,27 Prozent. Hinzu kommt eine extreme Ungleichheit der Verteilung bezüglich des Alters: Laut dem Portal Statista sind rund 89 Prozent der Personen, die im Zusammenhang mit dem Coronavirus bis Ende Januar 2021 in Deutschland verstorben sind, zum Zeitpunkt des Todes älter als 69 Jahre gewesen. Den höchsten Anteil an allen Todesfällen seit Beginn der Pandemie gibt es mit 46,8 Prozent in der Altersgruppe von 80 bis 89 Jahren (24.730).

Danach folgt die Gruppe der zwischen 90 und 99 Jahre alten Erkrankten mit 23 Prozent (12.172). Dagegen beträgt der Anteil der Todesfälle in der Altersspanne von 0 bis 49 Jahren lediglich 0,8 Prozent. Bei der Betrachtung dieser Zahlen zeigt sich eindeutig, dass eine Notwendigkeit der ohnehin zum aktuellen Zeitpunkt auf Langzeitfolgen nicht untersuchten Impfung für Menschen unter 70 Jahren, die nicht zur Risikogruppe zählen, als durchaus fraglich angesehen werden kann. Vielmehr erscheint eine sinnvolle Behandlung für Erkrankte mit Medikamenten und die Förderung der Forschung durch mögliche Hersteller angebracht. Doch die nackten Zahlen der Investitionen durch die Bundesregierung und EU sprechen eine andere Sprache.

Im Mai 2020 ließ die Bundesregierung verlauten, dass sie für die Herstellung und Entwicklung eines Impfstoffs gegen das neuartige Coronavirus bis zu 750 Millionen Euro bereitstelle. Diese Zahl hat allerdings mit der Realität nur wenig gemeinsam. Für die bereits im Sommer 2020 einen erfolgversprechenden Impfstoff versprechenden Unternehmen BioNTech, CureVac, Moderna und AstraZeneca errechnete die Neurologin Frauke Zipp, Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, für die Impfung von jeweils 60 Prozent der Bevölkerung – für Deutschland also etwa jeweils 100 Millionen Dosen zu je rund 20 Euro – laut FAZ Kosten von rund zehn Milliarden Euro. Das sind die Ausgaben für 50 Millionen Bürger, die jeweils zwei Impfdosen bekommen.

Darin sind offensichtlich nicht nur die eigentlichen Kosten für die Impfung mitsamt Entwicklung eingerechnet, sondern unter anderem auch die Vergütung für impfende Ärzte in den zahlreichen Impfzentren von 150 Euro die Stunde. Beim sogenannten "Impfgipfel" am 1. Februar 2021 verkündete das von Jens Spahn geführte Gesundheitsministerium, zu den bereits 18,3 Millionen Impfdosen im laufenden ersten Quartal laut einer aktuellen Schätzung im zweiten Quartal voraussichtlich 77,1 Millionen Dosen und im dritten Quartal 126,6 Millionen Dosen verschiedener Hersteller zu kaufen. Im vierten Quartal könnten es dann weitere 100,2 Millionen Dosen sein. Daraus ergibt sich ein Volumen von 322,20 Millionen Impfdosen.

Geht man von einer tatsächlichen "Durchimpfung" der Bevölkerung bei 80 Millionen Einwohnern aus, bräuchte man allerdings bei jeweils zwei Impfungen pro Einwohner lediglich 160 Millionen Dosen. Darüber hinaus verkündete nun auch der Pharmakonzern Bayer, sich an der Impfproduktion zu beteiligen und für 2022 allein rund 160 Millionen Dosen des Impfstoffes herstellen zu wollen. Dazu sieht Spahn den Einstieg Bayers in die umstrittene mRNA-Wirkstoffproduktion aber nicht nur als Beitrag zu höherer Versorgungssicherheit, sondern auch als "Signal für den Industriestandort Deutschland". Die Ärzte Zeitung zitiert Spahn mit den Worten: "Ich möchte, dass Deutschland der Standort für mRNA-Wirkstoffe in der Welt wird."

Nach der Rechnung von Zipp würden die von Spahn verkündeten Lieferungen allein für dieses Jahr den Steuerzahler fast 6,5 Milliarden Euro kosten. Dagegen sind die Summen der Bundesregierung in die Investition von Medikamenten und anderen Therapeutika gegen COVID-19 überschaubar. Bundesforschungsministerin Anja Karliczek legte nun erst zu Beginn des Jahres 2021, neun Monate nach Pandemiebeginn, ein Programm mit einem Volumen von zunächst 50 Millionen Euro mit dem Ziel auf, die klinische Entwicklung zu unterstützen. Für Manfred Schubert-Zsilavecz, österreichischer Wissenschaftler im Bereich der pharmazeutischen Chemie und ehemaliger Präsident der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft (DphG), ist klar, warum große Geldgeber lieber auf Impfstoffe setzen:

"Bei einer Impfung erwischen Sie Hunderte Millionen Menschen, während sich der Einsatz von antiviralen Medikamenten nur auf jene Personen beschränkt, die tatsächlich schwer erkranken."

Diese Erfahrung hat auch Niels Riedemann gemacht, ehemals leitender Oberarzt der Intensivmedizin an der Universitätsklinik Jena und jetzt Chef des Jenaer Biotech-Unternehmens InflaRx. Er forscht an Medikamenten gegen COVID-19. Im MDR fragte er: "Wahrscheinlich habe ich etwas, um das Sterben zu vermindern, aber vielleicht wird es nie fertig für den Markt. Kann das wirklich sein? Und wenn ja, woran liegt das?" Die Antwort gab der Sender gleich selbst: Um die Forschung an COVID-19-Medikamenten ist es ruhig geworden, besonders seitdem Pfizer und BioNTech den Durchbruch bei ihrem vielversprechenden Impfstoff vermeldet haben.

Im Bundestag finden sich namhafte Akteure, die in der Vergangenheit oder noch aktuell für Unternehmen aus der Pharmaindustrie tätig waren oder sind: So war Spahn bereits von 2006 bis 2010 über eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts an einer Agentur für Pharmaklienten namens "Politas" als Gründer beteiligt. Fast zeitgleich saß er von 2005 bis 2009 als Obmann der CDU im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages, dessen Mitglied er ununterbrochen bis heute bereits seit 2002 ist. Daneben ist der gebürtige Münsterländer Mitglied der Atlantik-Brücke und nahm am Young-Global-Leader-Programm des WEF von Klaus Schwab teil. Spahns CDU-Kollege Michael Hennrich tritt daneben als Berichterstatter für Arzneimittel und Apotheken auf. Er ist wie Spahn Mitglied im Gesundheitsausschuss des Bundestags und plädiert stark für die verstärkte Produktion von Impfstoffen. 2019 wechselte sein ehemaliger Mitarbeiter Thomas Hugendubel von Hennrichs Vorzimmer direkt in die Pharmabranche.

Doch auch von Berlin nach Brüssel sind die Wege kurz: Die EU-Kommission, angeführt von ihrer Chefin Ursula von der Leyen, hatte bereits im Sommer 2020 Garantien für Impfstoffe in "ärmere Länder" ausgegeben. Die anvisierten 400 Millionen Euro sollen an die COVAX-Initiative gehen, deren Urheber CEPI, GAVI und die WHO unter anderem von der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung finanziert werden. Diese drei Organisationen hatten bereits im Mai eine Zusage von 6,3 Milliarden Euro erhalten, wobei Deutschland eine halbe Milliarde Steuergelder beigesteuert hat. Inwiefern beispielsweise Afrika angesichts einer Bevölkerung, die im Durchschnitt 18 Jahre alt ist, tatsächlich den Corona-Impfstoff benötigt, scheint dabei weniger eine Rolle zu spielen als die Interessen der Impfstoffhersteller.

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