Meinung

Dreikönigstreffen in Stuttgart: Christian Lindners Ein-Mann-Show in der Oper

Christian Lindners großer Tag findet digital statt. Statt sich zur Begrüßung die Hände zu schütteln, heißt der FDP-Vorsitzende nun fast allein in der Stuttgarter Oper wie ein Startenor die zugeschalteten 1.400 Delegierten des Dreikönigstreffens willkommen. Mitregieren ist sein Ziel.
Dreikönigstreffen in Stuttgart: Christian Lindners Ein-Mann-Show in der OperQuelle: www.globallookpress.com © Sebastian Gollnow / dpa

von Stefan Fein

Raus aus dem 6- bis 8-Prozent-Keller, klar zweistellig bei der Bundestagswahl im September. Das ist das große Ziel von FDP-Chef Christian Lindner. Dazu will er eine klare Richtung vorgeben, dies neuerdings auch für Arbeiter vor den Werkstoren. Sein Mantra: "Wir wollen eine Alternative für die politische Mitte sein."

Um nicht zu allein zu wirken, durfte dann auch seine ehemalige, von ihm geschasste Ex-Generalsekretärin Linda Teuteberg auf die Bühne, die dort erklärte, die "Verbotspolitik in der Klimapolitik ohne Schaum vor dem Mund, aber mit guten Argumenten" abzulehnen. Damit möchte sie Klimadebatten vor ihrer Entstehung vermeiden.

Lindner bleiben nur zwei Wege zur Macht: Entweder macht er im Herbst nach der Wahl die Tür für ein grün-gelb-schwarzes Bündnis auf. Das würde eigentlich nur Sinn machen, wenn er die 10,7 Prozent von 2017 übertrumpft. Die andere Variante wäre eine sozialliberale-schwarze Koalition mit Olaf Scholz. Doch beide nennt er an diesem Tag nicht beim Namen.

Nach sieben Jahren an der Spitze der FDP könnte er nach seinem damaligen Austritt aus den Koalitionsverhandlungen nun eine Neuauflage verpassen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich zwei Drittel seiner Partei, etwa genau wie bei der Wählerschaft, gern in einen von Corona-Schäden weitgehend kurierten, weniger etatistischen Staat zurücksehnen – ohne oder mit weit weniger Kontrolle. Dabei fürchtet er die Nachwirkungen der Corona-Krise. "Wir müssen uns auch neu der inneren Liberalität unserer Gesellschaft mit einer starken Polarisierung der Gesellschaft vergewissern. Die Frage der Bürgerrechte steht für uns wieder im Mittelpunkt."

Lindner will die Quellen des deutschen Wohlstandes erneuern. Er will die Sozialsysteme reformieren, ohne die Alten zu stark zu beschneiden und die Jungen zu überfordern.

Seine Anhänger kommen nicht von links oder der Mitte. Eher von der CDU, der Angela Merkel ja nicht mehr als Kanzlerin zur Verfügung stehen will. Wählerpotenzial sogar von der AfD wäre möglich. Hier kann er auf die Enttäuschten von den nationalen Tönen rechnen, die sich mehr Verantwortung und ein Zurück zu bürgerlich-schwarzen Überzeugungen wünschen. Andererseits gibt es auch genug Unionswähler, die sich nach der doch anstrengenden und stark bevormundenden Corona-Politik Angela Merkels etwas mehr Liberales, eigenverantwortliches Handeln ohne Staatszwang wünschen.

Entscheidend für ihn ist die wirtschaftliche Erholung im Mix mit staatlich wohl dosierter und möglichst schnell kommender sowie auch schnell wieder verschwindender Hilfe. In Sachsen und Brandenburg reichte es nicht für die FDP. Doch in den kommenden Monaten werden neben dem Bundestag ja auch sechs Landtage neu gewählt.

Innerparteilich hat er ein turbulentes Jahr hinter sich. Zunächst schaffte es sein Thüringer Parteifreund Thomas Kemmerich mit Hilfe der AfD sogar auf den Ministerpräsidentenstuhl. Doch die Freude dauerte nicht lange. Mit aller Gewalt gelang es Lindner, das Ruder herumzureißen. Wenig später musste er die nächste Parteikollegin, Generalsekretärin Teuteberg – durch ihn an die Macht zur Generalsekretärin gekommen – wieder entbehren. Auf den von der Dame einst besetzen Platz folgte der eher dem Männerclub zugehörige Generalsekretär Volker Wissing, was Lindner innerparteilich auch den Vorwurf der Frauenfeindlichkeit einbrachte.

Dann folgten im Trennungsjahr noch im Privaten die amtliche Trennung von der sechs Jahre älteren Welt-Chefredakteurin Dagmar Rosenfeld, die ihm, was die Anwesenheit in TV-Talkrunden angeht, nicht das Wasser reichen konnte. Es folgten ein paar boulevardeske Tiefschläge, Fotos ohne Corona-Maske. Und da war eine von ihm genutzte Wohnung in Schöneberg, die eigentlich Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gehört. Dieser wäre im besten Fall dann nicht nur sein Vermieter, sondern auch sein Ministerkollege oder gar sein Chef.

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