Meinung

Trotz blutiger Provokationen: Warum es nicht zum Krieg zwischen Iran und den USA kommen wird

Nach der Ermordung des Nuklearwissenschaftlers Mohsen Fachrisadeh am Freitag wird von vielen Seiten vor einem neuen Krieg in der Region gewarnt. Allerdings spricht doch mehr dafür, dass es nicht zu der befürchteten militärischen Eskalation kommt.
Trotz blutiger Provokationen: Warum es nicht zum Krieg zwischen Iran und den USA kommen wirdQuelle: www.globallookpress.com © Iranian Defence Ministry Office/Keystone Press Agency

von Arkadi Shtaev

Man stelle sich vor, einer der führenden US-Generäle wäre bei einem Besuch in einem Nachbarland, beispielsweise Mexiko oder Kanada, ermordet worden. Man stelle sich weiter vor, einer der führenden israelischen Atom-Physiker fiele südlich von Tel Aviv, während einer Autofahrt, einem Attentat zum Opfer. Malen wir uns aus, in Israel oder in den USA hätten sich eine Reihe von mysteriösen Explosionen ereignet, in Militär- oder Atomanlagen – dann würde nicht viel Phantasie dazu gehören, die Folgen der drei genannten Ereignisse zu erahnen: Die Folgen wären Krieg.

Iran seinerseits hat jedoch in diesem Jahr alle so skizzierten Angriffe und blutigen Provokationen erlebt, sowohl im Nachbarland Irak wie auch auf dem eigenen Territorium, doch auf militärische Gegenschläge oder Racheaktionen verzichtet.  

Im Januar wurde der iranische General Qassem Soleimani im Nachbarland Irak auf Befehl Donald Trumps ermordet. Im Sommer wurde Iran von einer Explosionsserie erschüttert. Und dieser Tage wurde der führende iranische Nuklearwissenschaftler Mohsen Fachrisadeh ermordet – in der Nähe der Hauptstadt Teheran.

Terror gegen Teheran – jenseits von Völkerrecht und Diplomatie

Diese Terrorangriffe ohne Kriegserklärung basieren auf einer Theorie, wonach die Islamische Republik Iran – aus der Perspektive Washingtons und Tel Avivs – angeblich zu den gefährlichsten Staaten der Region gehört, zu deren Schwächung und Ausschaltung jedes Mittel Recht ist – jenseits von Völkerrecht und Diplomatie. Richtig ist hierbei, dass Iran tatsächlich einen mächtigen Gegner darstellt, mächtig aufgrund seiner geographischen Lage, militärischen Schlagkraft und kulturellen Identität, so dass dieser Gegner nicht mit den üblichen Rezepten (wie Regimechange oder militärischer Intervention) ausgeschaltet werden kann. 

Netanjahu: "Iran hat nirgendwo Immunität"

Israel führt Krieg gegen "iranische Ziele", wo immer sich diese befinden, verkündete Benjamin Netanjahu im vergangenem Jahr. "Iran hat nirgendwo Immunität. Unsere Kräfte operieren in jeder Richtung gegen die iranische Aggression", twitterte der Premierminister damals und versuchte damit die Angriffe auf die Territorien der souveränen Nachbarstaaten Syrien, Libanon und Irak zu rechtfertigen.

Netanjahu und die "iranische Bombe" – für ihn eine politische Notwendigkeit

Auffällig ist hierbei, dass Netanjahu nicht mehr von der Gefahr einer "iranischen Bombe" schwadroniert, was er seit über 2o Jahren praktizierte. Schon 1999 – während seiner Rede vor den Vereinten Nationen – propagierte der israelische Politiker, dass es "fünf vor zwölf" Uhr sei, was den Bau einer iranischen Atombombe angeht. Seitdem wurde diese Behauptung von ihm immer und immer wieder gebetsmühlenartig wiederholt. Bewiesen wurden sie bis zum heutigen Tag nie – was andere führende Politiker im Westen nicht daran hinderte, dieses Narrativ zu übernehmen. Besonders seit dem Jahr 2003, als nach dem Scheitern von Washingtons "Krieg gegen den Terror" Teheran erst jene geopolitische Vormachtstellung erlangte. Nachdem die westlichen Militärkräfte die schlimmsten Feinde Irans – nämlich die radikalsunnitischen Taliban in Afghanistan und den arabischen Nationalisten Saddam Hussein im Irak – ausgeschaltet hatten, wurde die Behauptung nach einer angestrebten nuklearen Bewaffnung Irans zum Standardrepertoire.

Westliche Geheimdienste widersprechen, Inlandsgeheimdienst geht noch weiter

Inzwischen widersprachen sowohl die Geheimdienste in den USA als auch in Israel diesem Trugbild von der angeblichen "iranischen Gefahr". Der ehemalige Chef des israelischen Auslandsgeheimdienstes Schabtai Schavit erklärte in einem Interview mit einer israelischen Tageszeitung, dass Israels Armee mit Abstand die stärkste im Nahen Osten sei und daher keinen gleichwertigen Gegner mehr fürchten müsse. Diese Äußerung widerlegt das öffentlich gepflegte Bild von dem "wehrlosen Staat", der ständig um seine Existenz bangen muss. Was Schavit nicht erwähnte – aber was dennoch ein offenes Geheimnis darstellt – ist jedoch, dass Israel selbst die einzige Atommacht in der Region ist, also mit der alleinigen, erdrückenden nuklearen Übermacht ausgestattet erscheint.

Der Ex-Geheimdienstchef verdeutlichte aber andererseits, dass die politische Stabilität Israels eher von Innen gefährdet wird, basierend auf den innenpolitischen Konflikten mit den Ultrareligiösen sowie den Lobbygruppen der Siedler, die Netanjahu als Stütze seiner Herrschaft benötigt. Im Jahr 2012 warf der Vorsitzende des Inlandsgeheimdienstes Netanjahu vor, seine Politik aufgrund "messianischer Gefühle" zu betreiben. Außerdem bescheinigte er dem israelischen Premier, vom Iran geradezu "besessen" zu sein.

Der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld nahm Netanjahus Fehlprognose zu Iran mit folgenden Worten auseinander:

Es gibt zwei Gründe, warum ich der Meinung bin, dass Israel nicht in Gefahr ist, von einem nuklear bewaffneten Iran angegriffen zu werden: Erstens besteht die wahre Motivation für eine mögliche nukleare Bewaffnung Irans nicht in einer Konfrontation mit Israel, sondern sie dient der Selbstverteidigung für den Fall eines möglichen amerikanischen Angriffs. Zweitens besitzt Israel genug schlagkräftige Möglichkeiten, einen iranischen Angriff abzuwehren, sollte es dazu kommen. So suizidal ist die iranische Führung nicht veranlagt, um diese erwähnte Möglichkeit in Betracht zu ziehen. Ich habe auch noch keinen erwähnenswerten Iran-Experten getroffen, der davon ausgeht, dass Iran einen Atomkrieg gegen Israel plane.

Die bisherigen Reaktionen der iranischen Führung, obwohl im Westen als die schlimmsten aller Kriegstreiber dargestellt, bestätigen van Crevelds Einschätzung. Trotz wütender Rhetorik hält man sich zurück und versucht alles, um einen Krieg zu vermeiden. Den Beobachtern bleibt selbst überlassen, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen, wer denn hier den Frieden in der Region und weltweit bedroht. Warum es zu keinem Krieg zwischen den USA und Iran kommen wird, erläuterte der Experte Shayan Arkian im vergangenem Jahr im Interview bei Impulsiv TV.

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