Meinung

Corona-Krise: Gibt es einen globalen Konformitätszwang?

Warum ähnelt sich der Umgang mit dem Coronavirus in den meisten Ländern? Immer wieder hört man: "Ja, die Corona-Maßnahmen werden weltweit angewandt, auch in Russland und China, deshalb müssen die richtig und angemessen sein". Stimmt das? Ein Gastbeitrag von Jochen Mitschka
Corona-Krise: Gibt es einen globalen Konformitätszwang?Quelle: AFP © KAY NIETFELD

von Jochen Mitschka

Wir wissen inzwischen viel über Konformitätszwang, auch Gruppenzwang genannt. Am bekanntesten dürfte wohl der Versuch von Solomon Asch im Jahr 1951 sein, der aufzeigte, wie sehr Einzelne durch falsche Meinungen einer Gruppe dazu gebracht werden können, auch selbst falsche Meinungen zu vertreten – und sogar daran zu glauben.

Weniger bekannt sind die Wahrnehmungs-Experimente von Muzafer Sherif aus dem Jahr 1935. Dabei handelte es sich um Versuche, bei denen sich Lichtpunkte in abgedunkelten Räumen für Beobachter zu bewegen schienen, allerdings unterschiedlich. Bis sie diese scheinbaren Bewegungen gemeinsam beobachteten. Es entwickelte sich schnell eine "Gruppennorm".

Obwohl für alle Probanden die Bewegungen nur eingebildet waren, schienen sie nun real zu sein, und obendrein sogar zum gleichen Bewegungsmuster zu führen. Das ging so weit, dass dieses scheinbare Bewegungsmuster sogar noch beibehalten wurde, nachdem die Gruppe wieder aufgelöst wurde und jeder Einzelne getrennt seine Meinung äußerte.

Warum sollten eigentlich Politiker gegen dieses Phänomen des Gruppenzwangs immun sein? Im Gegenteil: Sie sind sogar noch wesentlich empfindlicher, denn sie fühlen sich permanent unter der kritischen Beobachtung ihrer Bevölkerung. Jeder "falsche" Schritt kostet Beliebtheitspunkte. In Autokratien drohen dann Regime Change und in einer Demokratie die baldige Abwahl.

Das ungefährlichste Verhalten ist, so wie "die anderen" zu sein, und sich im Fall der WHO auf eine solche höhere Instanz zu berufen. Auf diese Weise, so glauben die Politiker, wären sie auf der sicheren Seite. Und analog zu den oben beschriebenen psychologischen Erkenntnissen fühlen sie sich bestätigt in ihren Entscheidungen.

Ebenso wie bei den Versuchen von Asch gibt es natürlich auch Ausnahmen. Dabei fällt auf, dass es typische Quertreiber sind, die aus dem Raster fallen. Lukaschenko in Weißrussland zum Beispiel behauptet, in seinem Land gebe es keine Corona-Krise.

Dabei gibt er zu, dass sich das Land einfach keinen Shutdown leisten kann. (Und die westlichen Medien berichten nichts über katastrophale Zustände, obwohl sie ihn sonst gerne als "letzten Diktator Europas" darstellen und auch schon mal tatkräftig bei einem Regime Change-Versuch mitgeholfen hatten.) Lukaschenko blieb sogar bei seiner Meinung, als die IMF eine Kreditvergabe davon abhängig machen wollte, dass er den Shut-Down ausruft. Er erklärt:

Der IWF fordert nach wie vor Quarantäne, Isolierung, Ausgangssperre. Das ist eine Dummheit. Wir werden nach niemandes Pfeife tanzen.

Und dann gibt es als weiteres Beispiel Schweden. Kein anderes Land, keine anderen Politiker der westlichen Welt stehen so unter Konformitätsdruck wie die schwedischen. Erkennbar deutlich wird das durch Pressemitteilungen in fast allen wichtigen westlichen Medien, als behauptet wurde, dass der Chef-Virologe Schwedens angeblich sagte, der Sonderweg ohne Shutdown wäre falsch gewesen.

Was unzutreffend ist, denn er hatte lediglich erklärt – wie jeder vernünftige Mensch es tun würde –, dass man natürlich einiges hätte besser machen können. Was dann aber wiederum in den westlichen Medien nicht mehr berichtet wurde. Gerade an dem Beispiel von Schweden kann man erkennen, wie hoch der Konformitätsdruck auf die Politiker ist. Je stärker sie auf die Zustimmung in der Bevölkerung angewiesen sind, desto größer wird dann die Bereitschaft, dem Gruppenzwang zu folgen.

Die Entwicklung in Deutschland

Schauen wir doch in Deutschland auf den Sinneswandel der Politiker. In der Anfangsphase wurde China als autoritäres Land mit vollkommen übertriebenen Reaktionen dargestellt, was nur der restriktiven Kontrolle der Menschen dienen würde. Das konnte man in sämtlichen westlichen Zeitungen lesen und von westlichen Politikern hören. Dann folgte eine Phase des Übergangs, in der Politiker sagten: Ja, aber Masken sind unnütz, die Kontrolle der sozialen Kontakte ist maßlos übertrieben.

Dabei wurde diese Haltung der Politiker durch die Tatsache untermauert, dass das Gesundheitssystem in den letzten Jahrzehnten systematische "profitarisiert" worden war und am Ende nicht mehr der Patient, sondern der Gewinn der Investoren in den Vordergrund gerückt worden war. Auch die Tatsache, dass Warnungen und Pandemiepläne in den Wind geschlagen wurden, obwohl sie nach einer umfangreichen Erörterung im Bundestag den verantwortlichen Politikern bekannt sein mussten, förderte das Verhalten der Verantwortlichen. Es gab keine Vorräte an Schutzkleidung, es gab keine kurzfristig aktivierbaren Reservebetten, zu wenige Intensivbetten in Reserve, zu wenig Pflegepersonal, zu wenige Ärzte.

Und so lautete das Credo, man dürfe nun "Das Gesundheitssystem nicht überstrapazieren!" Was natürlich nicht der Fall gewesen wäre, hätte die Politik beizeiten dieselben Maßnahmen ergriffen wie andere Länder, besonders in Südostasien, die sich auf eine Pandemie vorbereitet hatten. Dummerweise war zu diesem Zeitpunkt der Höhepunkt der Infektionen schon überschritten. Aber nun stand die Politik unter dem Druck, das Virus zu einem Killervirus zu erklären, weil sonst niemand verstanden hätte, warum die Wirtschaft Deutschlands dermaßen in Gefahr gebracht wurde und viele Existenzen vernichtet werden.

Dabei halfen die Medien in der bei ihnen üblichen Art und Weise, katastrophale Bilder zu malen, ohne kritisch die Hintergründe zu beleuchten. Katastrophen und Kriege sorgen immer für höhere Umsätze und Klickzahlen. Nun hieß es fortan, vorsichtig zu sein, um nicht als Gefährder der Bevölkerung dargestellt zu werden. Der Gruppenzwang hatte sich gedreht. Hektisch begann die Politik die Versäumnisse der letzten Jahre und Jahrzehnte dadurch zu "überwinden", dass die Krankenhäuser gezwungen wurden, sich auf COVID-19-Erkrankte vorzubereiten und zu fokussieren, indem erhebliche finanzielle Anreize für freigehaltene Intensivbetten ausgelobt wurden usw. und so fort.

Dies führte natürlich zu einem dramatischen Einbrechen der eigentlich notwendigen Behandlungsmöglichkeiten von "normalen" Krankheitsfällen. Die Politik exekutierte auf Grund ihrer Fehler der Vergangenheit nichts anderes als ein soziales Triage-System. Dass also mögliche Opfer der Corona-Krise als wichtiger angesehen werden als mögliche Opfer durch nun plötzlich nicht angemessen behandelbare Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder auch durch Krebserkrankungen. Denn für mögliche Opfer der Corona-Krise – so ihre Angst – wären sie zur Verantwortung gezogen worden.

Und dann, als die Corona-Krise den Höhepunkt überschritten hatte und die ominöse R-Zahl bereits bei 1 oder darunter lag, hieß es "Leben gerettet". Und nun war der allgemeine Konsens der politischen Parteien Deutschlands, dass der Shutdown berechtigt war.  Niemand wollte derjenige sein, der eines Tages "verantwortlich für Millionen Tote" sein würde. Nun wurde weiter eine massive Angstkampagne geschürt, dokumentiert durch die Internetseite "FragDenStaat".

Dabei wurde wiederum billigend in Kauf genommen, dass sich die Suizidzahlen durch dieses Regieren erhöhen werden, was leider inzwischen durch zahlreiche Hinweise deutlich wird und was dennoch natürlich durch führende Corona-Panik-Politiker geleugnet wird.
Die einschlägige Seite wurde inzwischen gelöscht. Aber auf die Hinweise wird auch in folgenden Kommentaren Bezug genommen.

Gleichzeitig begann ein Politikmechanismus vom "Auf-der-Krise-Surfen". Jeder Student der Politikwissenschaften weiß, dass man historische Gelegenheiten nutzen muss, um kurzentschlossen lange gehegte Pläne endlich zu verwirklichen. Wenn die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen vorhanden sind, muss man sie eben nutzen, und nicht dann, wenn massiver Widerstand gegen die Maßnahmen stabil ist. Und so konnten endlich auch die feuchten Träume der Überwachungspolitiker leichter realisiert werden.

Wie die Bundeskanzlerin ja selbst schon im Jahr 2010 erklärt hatte, gilt in Deutschland das Primat der Politik, also das Primat der gerade herrschenden politischen Parteien. Und – so Angela Merkel – die wichtigsten Entscheidungen Deutschlands seien stets gegen den Willen der Bevölkerung gefasst worden. Und das sei ja auch gut so.

Natürlich stört in diesem Gedankengang die Tatsache, dass ja eigentlich "das Volk" die letzte, die "demokratische" Entscheidungsgewalt haben soll. Weshalb dann natürlich ein Ausnahmezustand solange, "bis es einen Impfstoff gibt", eine hervorragende Idee ist, um die lästige Meinung der Bevölkerung missachten zu können. Und zwar so lange missachten zu können, bis die Medien ihren Teil der Arbeit vollbracht haben, den Menschen zu erklärten, dass alle Maßnahmen der Regierung richtig waren und sind. Die Medien konnten schlichtweg gar nicht mehr anders, denn schließlich hatten sie bis dahin bereits die Politiker durch ihre Panik-Berichterstattung zur Erhöhung der eigenen Auflagen und Klickzahlen in diese Konformität getrieben.

So wiederholt sich nun, was nach 2015 schon zu beobachten und inzwischen auch wissenschaftlich erforscht worden war: Durch Medienberichterstattung wurden Politiker mit dem Argument angeblicher "Humanität" zur Konformität gezwungen und konnten dann natürlich nicht für genau diese Handlungsweisen kritisiert werden.

Warum keine Normalität möglich ist

Da es sich um einen globalen "Gruppenzwang" handelte, bleibt nun die Frage offen, ob es jemals eine Rückkehr zur Normalität geben wird. Zum einen geht es um Tausende von Milliarden Euro in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren weltweit, zum anderen um politische Pfründe und zuletzt auch um den eigenen Ruf der Medien, die ja vehement die Darstellung der Realität verhindert hatten, indem sie Katastrophen-Berichterstattung anstelle von investigativem Journalismus betrieben hatten. Und zu allem Überfluss nannten sie auch noch alle Kritiker dieses Konformitätsverhaltens "Verschwörungstheoretiker", "Spinner" oder sogar "potentiell den Tod ihrer Eltern in Kauf nehmende" Menschen.

Der Aufruf zu einem "Tribunal" oder mindestens außerparlamentarischen Untersuchungsausschuss wurde von YouTube gelöscht, weil laut Zitat

... der Nutzen von Social Distancing oder Selbstisolation gemäß Empfehlungen von WHO o. lokalen Gesundheitsbehörden ausdrücklich infrage gestellt wird.

Da aber zumindest die WHO das Land Schweden ausdrücklich lobte, obwohl dieses Land keinen totalen Lockdown und kein Aussetzen von Grundrechten erzwang, kommen eigentlich als Missetäter nur noch "lokale Gesundheitsbehörden" infrage. Wenn also unter Berufung auf die eine oder andere "lokale Gesundheitsbehörde" die Löschung eines YouTube-Beitrages erfolgt, kann man das eigentlich nur noch als ZENSUR bezeichnen.

Denn in dem gelöschten Beitrag wurde weder zu irgendeinem "Widerstand" aufgerufen noch zu Verhaltensweisen, die geltenden Gesetzen – seien sie legitim oder nicht – zuwiderliefen. Gefordert wurde lediglich die öffentliche Überprüfung der Maßnahmen der Regierung, die sich somit für die Maßnahmen hätte rechtfertigen müssen.

Wenn also das deutsche politische Establishment – im Einklang mit dem Establishment anderswo auf der Welt – bereits solche Maßnahmen ergreifen kann, um zu verhindern, dass Tatsachen und Wahrheit kurzfristig ans Licht kommen, kann man sich vorstellen, wie stark ihr Widerstand in den nächsten Monaten und vielleicht sogar Jahren sein wird, den einmal erfolgreich durchgesetzten Ausnahmezustand wieder aufzugeben.

In diesem Sinne ist zu erwarten, dass weder die Petition zur "Einberufung einer 'Expertenkommission' mit Befürwortern und Kritikern des bundesweiten Coronavirus-Lockdowns vom 12.04.2020" noch die Arbeit der außerparlamentarischen Untersuchungskommission und ihre Ergebnisse zu Reflektionen in der Politik und in den Medien führen wird.

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