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"Ein komplettes Blutbad": Saudi-Arabiens Ölpreiskrieg zielt auf USA und Russland ab

Die Erdölnachfrage ist unter anderem wegen der Auswirkungen der Corona-Krise eingebrochen, weshalb das Ölkartell OPEC zusammen mit Russland weitere Förderkürzungen durchsetzen wollte. Doch Moskau lehnte ab, woraufhin Saudi-Arabien die Hähne aufdrehte und einen Ölpreisschock auslöste.
"Ein komplettes Blutbad": Saudi-Arabiens Ölpreiskrieg zielt auf USA und Russland abQuelle: AFP © Alex Halada

von Zlatko Percinic

Am Wochenende endete das Bündnis OPEC+, das die Ölförderungen zwischen den traditionellen OPEC-Ländern und Russland regelte. Es war von Anfang an eine reine Zweckgemeinschaft, deren Interessen für den Moment im Einklang standen. Die im Jahr 2019 vereinbarten Förderkürzungen sollten bis zum 1. April 2020 Bestand haben, das weitere Vorgehen sollte bei einem Ministertreffen vom 5. bis zum 6. März in Wien besprochen werden.

Die arabischen Staaten drängten bereits im Vorfeld darauf, dass die Kürzungen mindestens bis Ende Juni in Kraft bleiben, um die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft aufgrund der Corona-Krise besser abschätzen zu können. In Wien folgte dann aber der große Schock, als Russland – der zweitgrößte Erdölproduzent der Welt – erklärte, den Vertrag nicht mehr verlängern zu wollen. Das allein hätte bereits gereicht, um den Druck auf den Erdölpreis zu erhöhen. Doch die Entscheidung Saudi-Arabiens, mit der Öffnung von Ölschleusen die Märkte mit dem schwarzen Gold zu überfluten, sorgte für einen dramatischen Preisverfall des Ölpreises, der die ohnehin panischen Börsen am Montag auf rekordverdächtige Talfahrten schickte.

Mit der Überflutung der Märkte mit billigem Rohöl erklärte Saudi-Arabien insbesondere Russland und den USA eine Art Preiskrieg. Dabei geht es um den Kampf um Marktanteile, die Riad befürchtet weiter zu verlieren. Der größte russische Ölproduzent Rosneft erklärte, dass das Unternehmen nach dem 1. April täglich bis zu 300.000 Barrel mehr fördern könnte. Das würde unweigerlich auf Kosten der arabischen Staaten gehen, die an Förderkürzungen festhalten, um nicht noch niedrigere Preise zu riskieren.

Saudi-Arabien benötigt laut der Investmentbank JPMorgan Chase einen Ölpreis von 92 US-Dollar/Barrel, um seinen durch Tausende Prinzen und kriegerische Abenteuer gigantisch aufgeblähten Staatshaushalt finanzieren zu können. Russland kommt hingegen mit 51 US-Dollar/Barrel aus. Dazu kommt, dass die vom Westen verhängten Wirtschaftssanktionen dazu geführt haben, dass sich die russische Wirtschaft bereits auf eine solche Krise vorbereitet hat. Die Auslandsverschuldung wurde abgebaut bzw. keine neue mehr gemacht, Goldbestände und Währungsreserven massiv ausgebaut, während in der Zeit bei OPEC+ die Ölpreise auf dem für Russland erforderlichen Niveau gehalten wurden und erst die fiskalischen Reserven ermöglicht haben. Energieminister Alexander Nowak sagte am Montag:

Die russische Ölindustrie hat eine qualitative Basis an Ressourcen und genügend finanzielle Resilienz, um bei jeglichem vorausgesagten Preisniveau wettbewerbsfähig zu bleiben und seine Marktanteile zu halten.

Davon ist Saudi-Arabien weit entfernt. Die (Über-)Reaktion vom Wochenende auf die russische Entscheidung, die Förderkürzungen nicht mehr verlängern zu wollen, sorgte dafür, dass der Ölpreis von 41,28 US-Dollar/Barrel am Freitagabend kurzzeitig auf 27,86 US-Dollar/Barrel am Sonntagabend fiel. Auf einem solchen Niveau war man zuletzt im Juni 1999. Mit derartigen Preisen verliert das wahhabitische Königreich Unmengen an Geld, was die ohnehin angespannte Lage durch Palastintrigen gegen Kronprinz Mohammed bin Salman noch weiter verschärfen wird. Schafft er es nicht, seine "Vision 2030" in die Tat umzusetzen, werden die sozialen Unruhen zunehmen und internationale Investoren sich aus dem Wüstenreich zurückziehen.

Ein weiterer Aspekt, der möglicherweise eine Rolle sowohl bei der russischen als auch saudischen Entscheidung gespielt haben könnte, war die Auswirkung von niedrigen Ölpreisen auf die US-amerikanischen Schieferölproduzenten. Die USA haben sich in den vergangenen Jahren innerhalb kürzester Zeit von einem Ölimporteur zum weltgrößten Ölproduzenten heraufgeschwungen, was nicht zuletzt durch die Preispolitik der OPEC und Russlands erst ermöglicht wurde.

Doch während der saudische Ölgigant Aramco mit 2,8 US-Dollar/Barrel die billigsten Produktionskosten der Welt verzeichnet, benötigen die US-Produzenten mindestens 40 US-Dollar/Barrel, um überhaupt die Kosten zu decken, sagte Ian Nieboer vom texanischen Energieberatungsunternehmen Enverus gegenüber Al Jazeera. Nicht umsonst haben Schieferölproduzenten wie Occidental Petroleum, das sich im vergangenen Jahr noch einen Megabieterkampf mit Chevron um den kleineren Ölproduzenten Anadarko geliefert hat, einen Kursverlust von 44 Prozent hinnehmen müssen. Javier Blas, Chefenergiekorrespondent des Wirtschaftsmagazins Bloomberg, fand drastische Worte dafür:

Der US-Schieferölsektor wird komplett gekillt. Ein komplettes Blutbad. Milliarden von Dollars an Aktienkapital wurden vernichtet.    

Viele Ölproduzenten in den USA haben nicht nur sehr viel Geld verloren, sondern fahren bereits die Erschließung von neuen Förderquellen zurück. Diamondback Energy schickte ein Drittel der Belegschaft nach Hause, die an Vorbereitungen für neue Quellen gearbeitet hat. Man werde diesen Kurs so lange beibehalten, "bis wir klare Zeichen einer Erholung" bei Ölpreisen sehen, sagte Travis Stice, Vorsitzender von Diamondback Energy.

Auch andere Ölproduzenten werden diesen Weg gehen, um die Kosten in den Griff zu bekommen. Indem die Produktion verlangsamt oder sogar gekürzt wird, werden die Vereinigten Staaten von Amerika auch nicht die Fördermenge von mehr als 13 Millionen Barrel pro Tag erreichen, die die Regierung in Washington erst kürzlich angekündigt hatte. Paul Sankey, ein Analyst des Investmentunternehmens Mizuho Americas, geht sogar davon aus, dass die Produktion um zwei bis drei Millionen Barrel/Tag zurückgehen wird.

Im Gegensatz dazu will Saudi-Arabien ab dem 1. April 12,3 Millionen Barrel/Tag liefern. Das sind 2,7 Millionen Barrel/Tag mehr als noch diesen Monat und 300.000 Barrel über der Maximalkapazität von Aramco. Das bedeutet, dass Riad nun sogar die strategischen Lagerbestände angezapft hat, die das Königreich in Rotterdam, Okinawa und Sidi Kerir/Ägypten angelegt hatte, um bei Bedarf die Kunden schneller beliefern zu können. Einige asiatische Raffinerien haben laut Bloomberg die Gunst der Stunde genutzt und bis zu 50 Prozent höhere Bestellungen bei Aramco platziert, als eigentlich vorgesehen war.

Damit bekräftigte Saudi-Arabien die Absicht, mit allen Mitteln die Marktanteile verteidigen zu wollen. Unterdessen meldete sich auch das US-Energieministerium zu Wort und kritisierte "die Versuche von staatlichen Akteuren, die Ölmärkte zu manipulieren und zu schockieren".    

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