
Lambsdorff resümiert Botschafterzeit in Moskau: Häufige Einbestellungen ins Außenministerium

Am Wochenende veröffentlichte der stellvertretende Chefredakteur der Bild-Zeitung, Paul Ronzheimer, auf Youtube ein ausführliches Interview mit Alexander Graf Lambsdorff. Der FDP-Politiker ist soeben von seinem früheren Botschafter-Posten in Moskau nach Deutschland zurückgekehrt, um künftig die BRD in Israel diplomatisch zu vertreten.
Neben den üblichen Vorwürfen der offiziellen BRD gegenüber Russland (so wiederholte Lambsdorff seine unbewiesene Behauptung, die Ergebnisse der Duma-Wahlen im September stünden bereits fest und eine russische Zeitung hätte sie bereits veröffentlicht) brachte das Interview auch Erhellendes.
So rückte Lambsdorff das in den deutschen Medien schon seit Jahren gern kolportierte Narrativ von Wladimir Putins angeblich schlechtem Gesundheitszustand zurecht (ab Minute 8): Bei der Übergabe seines Beglaubigungsschreibens im Dezember 2023 habe der russische Präsident "entschlossen" und "ganz bei sich" gewirkt. Lambsdorff wörtlich: "Er ist körperlich gut beieinander" – ein Eindruck, den der deutsche Diplomat mit Putins Disziplin und sportlicher Betätigung sowie einer guten medizinischen Versorgung begründete.

Überraschend war, wie offen Lambsdorff erläuterte, dass seine Hauptaufgabe das Abfischen von Informationen durch Recherchen und Analysen war (Minute 37):
"Wir sind eine Antenne, wir sind ein Außenposten, und wir sind wie sozusagen wie so eine Art Empfangsantenne für alles, was da reinkommt."
Lambsdorff beteuert zwar, die Erstellung von Analysen und Länderberichten sei Kerngeschäft jeder deutschen Botschaft weltweit. In Bezug auf die Russische Föderation kommt jedoch eine militärische Komponente hinzu (Minute 36:48):
"Im Land des Aggressors Russland schreibt man natürlich auch über die Kriegsführung, auch die Entwicklung auf militärpolitischem Gebiet."
Wie wenig es dem früheren BRD-Vertreter in Moskau auf einen wirklichen Gedankenaustausch mit der russischen Gesellschaft und womöglich eine Kompromissfindung ankam, zeigt die Schilderung seiner Gesprächsführung: Zwar habe er teilweise auch mit "Menschen, die loyal zum Regime stehen" wertvolle Gespräche zur Informationsbeschaffung geführt (Minute 10:40), wer aber "eindimensional einfach nur die Wiederholung eines offiziellen Narrativs" vertrete (Minute 17), den habe er nicht mehr eingeladen.
Als zweiten Hauptauftrag nannte Lambsdorff (Minute 31) "Appelle zum Frieden". Diese hätten ihm Probleme mit der russischen "Propaganda" eingebracht. Als Beispiel für die erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit seiner Botschaft brachte der adlige Diplomat das Benzin-Video von Anfang Juli 2026 (Minute 57f.), das ihm eine Einbestellung ins russische Außenministerium eingetragen hatte. Im Gegensatz zu den russischen Offiziellen hätten das die Leute super gefunden und das Video angeklickt "wie verrückt".
Als unangenehm empfand der frühere deutsche Botschafter die häufigen Einbestellungen ins Außenministerium der Russischen Föderation, insbesondere die "recht lebhaften Debatten" mit Außenamtssprecherin Maria Sacharowa (Minute 57). Sacharowa habe ihm beispielsweise einmal zwei Stunden lang Vorhaltungen gemacht über eine "deutsche aggressive Politik gegenüber Russland".
Lambsdorff deutete darüber hinaus an, über geheime Informationen aus dem russischen Außenministerium zu verfügen (Stunde 1, Minute 2): Es sei ihm jedes Mal gelungen, bereits im Voraus zu erfahren, worum es in dem jeweiligen Gespräch gehen sollte.
Auch eine angebliche Bedrängung des Botschafters durch russische Medienvertreter vor der Tür des Außenministeriums kam zur Sprache (Minute 22). "Bestellte Journalisten" seien "wie ein Riegel" vor dem Gebäude gestanden und hätten ihm "provokative Fragen" an den Kopf geworfen, etwa:
"Warum will Deutschland Krieg? Haben Sie nichts aus der Nazi-Vergangenheit gelernt? Ihre Waffen töten russische Kinder. Solche Sachen. Also so einen Kram."
Gerade die Bezeichnung "Kram" ist eine rüde Wortwahl für einen Diplomaten angesichts von Vorfällen wie dem Mordanschlag von Starobelsk. Dass dies kein einmaliger Ausrutscher war, zeigt Minute 48: Dort tut Lambsdorff die russische Behauptung, es habe im Donbass einen Völkermord an den Russischsprachigen gegeben, abfällig als "Quatsch" ab.
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