
Wofür und wogegen kämpft die Islamische Republik? Iranischer Botschafter in Berlin im Interview

Seit Beginn des Krieges Israels und der USA gegen Iran am 28. Februar steht das Land nicht nur im Fadenkreuz der Angriffe, sondern auch im Zentrum der internationalen Politik. Deutschland ist einer der wichtigsten Verbündeten der beiden Angreiferstaaten und vertritt offiziell eine aüßerst kritische Position zum angegriffenen Land, das von Medien und Politik als "Mullah-Regime" geschmäht wird.
Wie kommen iranische Diplomaten in der Hauptstadt Berlin mit dieser Gemengelage zurecht? Darüber sprach der freie Journalist und Autor Flo Osrainik mit dem außerordentlichen und bevollmächtigten Botschafter der Islamischen Republik Iran in Deutschland Majid Nili Ahmadabadi. Das Interview liegt RT DE exklusiv vor.
Flo Osrainik: Herr Botschafter, zunächst vielen Dank für die Möglichkeit zu diesem Gespräch in der iranischen Botschaft von Berlin. Deutschland steht beim völkerrechtswidrigen und unprovozierten Angriffskrieg der USA und Israels gegen Ihr Land, bei dem Kinder, Zivilisten und politische Führer im Iran ermordet werden, an der Seite der Aggressoren und unterstützt die Angreifer passiv. In diesem Zusammenhang haben Sie bei der Bundesregierung angefragt, welche Rolle die US-Basis Ramstein spielt. Welche Antwort haben Sie erhalten, und gibt es überhaupt noch Bemühungen um einen Dialog? Wie ist das Verhältnis zwischen Teheran und Berlin?

Majid Nili Ahmadabadi: Über die mögliche Rolle einer US-Basis haben wir bereits unsere Meinung gesagt. Ich würde vorschlagen, dass Sie diese Frage besser dem Auswärtigen Amt stellen. Im Hinblick auf den Krieg gegen unser Land habe ich ehrlich gesagt keine Vorstellung, was und wie Deutschland dabei eine Rolle spielen könnte. Ein Grund dafür ist unter anderem, dass das Massaker an der Grundschule in Minab noch nicht einmal verurteilt wurde.
Ein weiterer Grund ist, dass die Bundesregierung bei der Aggression gegen unser Land offiziell keine deutlichen völkerrechtlichen Bedenken geäußert hat. Auch deswegen gibt es für uns keinen Anlass für einen Dialog. Warum und worüber sollten wir denn miteinander sprechen? Über ein Ende des Krieges? Solange man diese Einstellung hat, hat es für uns leider keinen Sinn, über eine Beendigung des Krieges, der uns aufgezwungen wurde zu sprechen. Dabei war unser Verhältnis zur Bundesrepublik Deutschland früher anders. Zum Beispiel in Bezug auf das Atomabkommen JCPOA, dem Joint Comprehensive Plan of Action. Deutschland war damals einer der wichtigsten Unterstützer, um ein Abkommen zu erzielen. Wir waren in Kontakt und im Dialog mit der Bundesrepublik. Jetzt ist die Situation allerdings anders.
Zweimal gab es Verhandlungen wegen des iranischen Atomprogramms. Jedes Mal wurde der Iran dabei hintergangen und angegriffen. Weshalb wurde derselbe Fehler, den gleichen Parteien zu vertrauen und sich wieder mit ihnen an einen Tisch zu setzen – von Partnern kann man ja nicht sprechen –, nun wiederholt? Und wie schätzt Teheran die Situation und Umstände ein, die sich daraus ergeben, denn offensichtlich kann man den Aggressoren ja kein bisschen Vertrauen schenken?
Dass wir mit der US-amerikanischen Seite diese indirekten Gespräche ein weiteres Mal geführt haben, zeigt, dass wir die Diplomatie gegenüber dem Krieg bevorzugen. Das wollten wir nochmals betonen und deutlich machen. Wie Sie und wir jetzt aber wissen, haben wir dabei keine gute Erfahrung gemacht, das stimmt.

Unser Gedächtnis sagt uns in Bezug auf gesammelte Erfahrungen mit den US-Amerikanern oder einigen westeuropäischen Ländern aber grundsätzlich nichts Gutes. Die USA haben zum Beispiel den Staatsstreich im Jahr 1953 in Iran [gegen den gewählten Premierminister Mohammad Mossadegh] herbeigeführt. Nach dem Sieg der Islamischen Revolution im Jahr 1979 oder während des achtjährigen Krieges gegen den Irak unter Saddam Hussein wurden illegale Sanktionen gegen unser Land eingeführt, die wir als ökonomischen oder wirtschaftlichen Terrorismus bezeichnen. Und dann gab es auch noch eine sehr große Nuklearlüge, als behauptet wurde, Iran baue eine Atombombe, was eine Falschbehauptung war. Diese Lüge wurde auf den Tisch gelegt, um Iran gezielt zu dämonisieren. Es war schließlich Iran, das einen Vorschlag für einen Nahen Osten ohne Nuklearwaffen gemacht hat.
Trotz dieser negativen Erfahrungen, die wir über all die Jahre gemacht haben, und um zu zeigen, dass wir für die Diplomatie, aber auch ein Land der Diplomatie sind, haben wir das diplomatische Fenster offen gelassen. Deshalb haben wir die Verhandlungen und Gespräche erneut geführt.
In Bezug auf weitere Verhandlungen ist unsere Position nun aber ganz klar, und wir betrachten jede Behauptung einer Dialogbereitschaft der anderen Seite sehr pessimistisch, weil nicht wir es waren, die diesen Angriff begonnen haben. Deswegen ist unsere optimistische Haltung vorbei, die wir durchaus hatten und die sich als Fehler erwiesen hat. Aber trotzdem, wenn uns bei weiteren Gesprächen eine langfristige Garantie gegeben wird, dass sich diese Aggressionen gegen unser Land nicht wiederholen und wir zusätzlich Garantien für Entschädigungen erhalten, die geleistet werden, dann könnten wir das in Zukunft als eine Option für unsere Verhandlungsbereitschaft sehen.
Was ist das treibende Motiv für diesen Krieg gegen Iran, geht es den Angreifern hauptsächlich um die Ressourcen des Landes oder um das zionistische Projekt Großisrael? Soll vor allem von den Epstein-Files abgelenkt werden, oder warum jetzt schon wieder ein Angriff auf Iran, nachdem der Pentagon-Plan, sieben Länder in fünf Jahren anzugreifen, wobei Iran auf der Liste der anzugreifenden Länder stand, ja schon länger bekannt war?
Wenn wir uns diese ganze Konstellation und die Entwicklungen wie an einem Tisch vorstellen, dann haben wir auf der einen Seite das israelische Regime und die USA. Auf der anderen Seite sitzt Iran. Welches Ziel das israelische Regime dabei verfolgt, ist klar, diese Seite betreibt bewusste Desintegration und Spaltung in Westasien. Sie haben diesen Krieg angefangen und sie haben auch mit der Spaltung im Iran angefangen. Das politische Überleben Netanjahus hängt davon ab, dass in der Region Krieg und Spannungen herrschen. Auf der anderen Seite des Tischs sitzen aber auch die US-Amerikaner. Das heißt, die USA unter Trump. Diesbezüglich fällt uns auf, dass selbst Trump nicht zu wissen scheint, warum er diesen Krieg angefangen hat, was genau das Ziel oder die Lösung sein soll und wie man da wieder rauskommt. Das lässt sich bei seinen Tweets und Äußerungen nicht nur täglich, sondern sogar schon halbtäglich feststellen. Dagegen kennt Iran seine Position und wird die Aggressoren, das US-amerikanische und auch das israelische Regime mit Macht und Stärke bestrafen und sich bis zum Ende selbst verteidigen. Dieser Geist entstammt übrigens unserer Zivilisation und Kultur.
Ich hatte den Krieg mit dem Irak unter Saddam eingangs ja kurz erwähnt. Auch damals hatten wir eine defensive Haltung. Obwohl viele Länder Saddam unterstützt haben, haben wir keinen Zentimeter von unserem Land aufgegeben. Und auch Deutschland hat den Irak damals beliefert und bei der Herstellung von Giftgas geholfen. Wenn Sie die Nachrichten verfolgen, dann werden Sie feststellen, dass unsere Verteidigungskraft stark ist. Iran hat den Krieg nicht begonnen. Wir betreiben unsere Selbstverteidigung aber mit Kalkül. Interessant ist übrigens, dass Europa an diesem Tisch, den ich geschildert habe, kaum eine Rolle spielt. Wenn wir uns die Folgen dieser Entwicklung ansehen, so tragen die europäischen Länder allerdings sehr wohl die Konsequenzen. Sei es wirtschaftlich, durch die Zunahme von Terrorismus oder in Bezug auf Migration. Wenn es um die Folgen dieser Aggression gegen uns geht, betrifft das vor allem Europa, auch wenn es ansonsten keine Rolle mehr spielt.
International herrschen Doppelstandards. Das ist offensichtlich wie der Umgang mit Russland oder der Umgang mit Iran sowie mit den USA und Israel auf der anderen Seite zeigen. Das Völkerrecht wird nicht beachtet, auch das ist alles andere als neu. Der UN-Sicherheitsrat – Russland und China haben sich der Stimme enthalten! – verurteilt nicht etwa den Angriff auf Iran, sondern die Selbstverteidigung des Landes. Wozu braucht es diese Vereinten Nationen überhaupt noch, und wieso gibt es keine Bemühungen oder Gespräche mit Staaten wie Russland oder China, denen man das Völkerrecht ebenso willkürlich entgegenwirft, um alternative Strukturen aufzubauen?
Ja, auch ich bin der Meinung, dass das, was wir sehen, eine Art von Doppelmoral ist. Ich nenne Ihnen dazu wieder ein paar Beispiele. Nuklearanlagen, die ausschließlich zur friedlichen Nutzung betrieben werden, haben eine gewisse Immunität. Keiner hat das Recht, diese Anlagen aus irgendeinem Grund anzugreifen. Vor allem wegen der Umweltfolgen, die daraus entstehen können. Nun ist Iran ein Mitglied der Internationalen Atomenergie-Organisation, der IAEA. Natürlich auch, um Vorteile aus dieser Mitgliedschaft zu erhalten. Allerdings gibt es keinerlei Verurteilung der Angriffe auf unsere Atomenergieanlagen, die der friedlichen Nutzung dienen. Und das ist nur ein weiteres Beispiel für die herrschenden Doppelstandards.
Wenn aber auf der anderen Seite eine ukrainische Nuklearanlage angegriffen wird, dann gibt es einen Aufschrei der Europäer und in der vom Westen dominierten Welt. Oder wenn 175 Grundschüler bei einem Luftangriff getötet werden. Auch da vernehmen wir nur Schweigen. Wenn aber andersherum vergleichsweise kleine Ereignisse stattfinden, dann hören wir einen Aufschrei jener, die sich immer auf die Menschenrechte berufen. Diese Doppelstandards sehen wir mit großer Besorgnis. Noch größer ist aber unsere Sorge, dass die Moral dabei unterminiert wird.
Wir können das Ganze aber auch so sehen, dass Iran das Völkerrecht verteidigt. Wenn also ein Land wie Iran seine Selbstverteidigung gemäß Artikel 51 der UN-Charta allein betreibt und sein Recht diesbezüglich ausnutzt, dann ist das als ein Kampf gegen diese genannten Doppelstandards zu verstehen, um das Völkerrecht und internationale Regeln zu stabilisieren und zu verteidigen. Wir weisen damit ja auch darauf hin, wie wichtig eine globale Ordnung ist.
Es ist bekannt, dass Ali Chamenei Atomwaffen seit Jahren mehrmals als verboten bezeichnet hat. Aber würde es diesen Krieg und alle seine Toten heute geben, wenn Iran zu seinem Schutz und zur Abschreckung vor Angriffen Atomwaffen gehabt hätte? So traurig es auch sein mag, war es nicht trotzdem ein Fehler der iranischen Führung, auf Atomwaffen zu verzichten?
Egal, wie effizient Atomwaffen zur Abschreckung sein mögen, sie sind und bleiben für uns kein legales Mittel der Verteidigung. Wir sind in Deutschland mit mehreren Kreisen und Denkfabriken im Gespräch. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an ein Gespräch bei einem dieser Thinktanks, als die gleiche Frage gestellt oder eine ähnliche Aussage getroffen wurde. Ob es denn nicht plausibel sei, dass Iran Nuklearwaffen haben könnte, da das Land schließlich von mehreren Ländern mit Nuklearwaffen umgeben ist. Damals habe ich geantwortet, dass wir, wenn wir das Ganze aus der Sicht des Realismus betrachten, gewiss eine Berechtigung auf Nuklearwaffen hätten. Nichtsdestotrotz betrachten wir diese Möglichkeit aus moralischen und religiösen Aspekten als kein legitimes Mittel. Ich betone es nochmals: Aus Sicht Irans ist eine Nuklearwaffe "haram", also verboten und nicht legitim.

Im Übrigen verfügt das israelische Regime über Dutzende von Atomwaffen, ist kein Mitglied im NPT, dem Atomwaffensperrvertrag, und wird dafür nicht verurteilt. Aber auch das ist nur ein weiteres Beispiel für die von Ihnen genannten Doppelstandards. Während Iran Mitglied des NPT ist und es mit den härtesten Kontrollen der internationalen Behörden zu tun hat. Obwohl Iran keine Atomwaffen besitzt, werden wir und nicht Israel verurteilt. Ein weiterer Beweis dafür, dass wir uns bei der Verteidigung unseres Landes von Moral leiten lassen, ist auch die Tatsache, dass wir im Krieg gegen Saddam, der uns ebenfalls angegriffen und sogar Chemiewaffen eingesetzt hat, auf den Einsatz solcher Waffen verzichtet haben. Und das, obwohl die Produktion der eingesetzten Chemiewaffen nicht gerade schwer ist.
Und wie steht es um die Partnerschaft Irans mit Russland und China? Warum wird militärisch, bevor es womöglich zu spät ist, keine Hilfe von Russland oder China beantragt, immerhin wurden gemeinsame Militärmanöver abgehalten?
Beide, China und Russland, sind befreundete Länder von uns. Russland ist unser Nachbar über das Kaspische Meer und China einer der wichtigsten Handelspartner Irans. Beide Länder haben die Aggression gegen unser Land klar verurteilt. Und was die Selbstverteidigung angeht, so stehen wir auf unseren eigenen Füßen, und das im Übrigen ganz gut.
Erlauben Sie mir noch eine letzte Anmerkung. Frieden und gegenseitiger Respekt sind wichtig und sollten das Fundament des gesellschaftlichen Zusammenlebens sein. Und stehen nicht auch ebenso Wohlstand und Vielfalt allen Völkern auf der Basis von Moral zu?
Ja, dieser Krieg wurde uns wie schon gesagt von der Trump-Regierung aufgezwungen. Israel betont zwar, Frieden zu wollen, schafft dagegen jedoch Krieg. Das ist der Unterschied zwischen Rhetorik und Praxis. Zehntausende Menschen im Gazastreifen sind dem zum Opfer gefallen. Der Iran ist für den Frieden. Man hat uns viele Probleme gemacht, trotzdem haben wir uns bis jetzt zurückgehalten. Nun hat sich die andere Seite in der Annahme aber verschätzt, dass Iran schwach sei. Das ist eben nicht der Fall. Und Wohlstand für die Deutschen bedeutet auch Wohlstand für die Iraner, wirtschaftliche Vorteile und Stabilität für alle. Aber wenn wir angegriffen und bedroht werden, dann werden wir uns verteidigen. Das ist unser Recht. Ich empfehle dazu auch, einen Blick auf unsere Geschichte zu werfen. Wir wollen niemanden Schaden zufügen, aber die andere Seiten möchte Probleme verursachen. Es stehen beide Optionen zur Verfügung. Wenn Trump nun aber versucht, die Insel Charg zu erobern, dann kann er kommen. Er sollte aber wissen, dass diese Option keine Zukunft hat und zurück ins Meer führt. Sollte er dagegen auf der Grundlage von Respekt verhandeln oder Gespräche führen wollen, so wird Iran entsprechende Antworten geben.
Herr Botschafter, vielen Dank für das Gespräch.
Ich danke Ihnen für das Gespräch und den Besuch.
Flo Osrainik ist freier Journalist und Buchautor aus München. Sein letztes Buch "Donbassdonner" erzählt er über seine Reise ins Kriegsgebiet im russischen Donbass (RT DE berichtete).
Mehr zum Thema – Auf der Suche nach Wahrheit – Flo Osrainik veröffentlicht Reisebericht in den Donbass als Buch
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