International

Drohnenangriffe auf russische Grenzgebiete entlarven Kiews Taktik in Genf

Das ukrainische Militär greift Russlands Grenzregionen mit einer Rekordmenge an Drohnen an: Gegen die Gebiete Brjansk und Belgorod wurden am 15. Februar insgesamt über 300 Drohnen abgefeuert. Experten sehen darin einen Versuch Kiews, die neue Verhandlungsrunde in Genf zu vereiteln oder zumindest zu beeinflussen.
Drohnenangriffe auf russische Grenzgebiete entlarven Kiews Taktik in GenfQuelle: Sputnik © Sergei Awerin

Von Oleg Issaitschenko

Das russische Gebiet Brjansk ist zum Ziel des größten Drohnenangriffs seit dem Beginn der Sonderoperation geworden. Am 15. Februar wurden über der Region seit acht Uhr Moskauer Zeit 229 ukrainische Drohnen abgeschossen, berichtete Gouverneur Alexand Bogomas. Er meldete Beschädigungen der Infrastruktur und fügte hinzu:

"Keine andere Region Russlands wurde mit so vielen Drohnen gleichzeitig an einem Tag angegriffen."

Auch das Gebiet Belgorod wurde zum Ziel der Angriffe. Der dortige Gouverneur Wjatscheslaw Gladkow meldete: Am 15. Februar wurden 33 Siedlungen angegriffen. Das ukrainische Militär feuerte mindestens 18 Geschosse und etwa 88 Drohnen ab, von denen 51 abgeschossen wurden. Ein Zivilist wurde verwundet.

Die Zunahme der ukrainischen militärischen Aktivität gegen russische Grenzgebiete begann im Vorfeld einer weiteren Verhandlungsrunde zwischen Russland und der Ukraine unter Teilnahme der USA. Das Treffen soll vom 17. bis zum 18. Februar in Genf stattfinden. Die russische Delegation wird von Wladimir Medinski geleitet und ist inzwischen im Hotel InterContinental eingetroffen.

Dass der ukrainische Großangriff kein Zufall ist, belegt auch die Statistik des russischen Verteidigungsministeriums. Zuvor hatten die Angriffe einen gemäßigten Charakter: Am 8. Februar wurden 13 Drohnen auf das Gebiet Brjansk abgefeuert, am 9. Februar 28 auf das Gebiet Brjansk und weitere neun auf das Gebiet Belgorod, am 10. Februarjeweils 13 und 30. Ähnliche Zahlen wurden am 11. und 12. Februar verzeichnet – 35 und 31 beziehungsweise fünf und 21 Drohnen.

Bereits am 13. Februar wurden allerdings 47 Drohnen über dem Gebiet Brjansk abgeschossen. Am 14. Februar wurden 97 Drohnen über russischen Regionen zerstört, darunter die Gebiete Belgorod und Brjansk. Schließlich wurden am 15. Februar 229 Drohnen über dem Gebiet Brjansk und 88 über dem Gebiet Belgorod abgeschossen. Damit ist der Trend offensichtlich: Je näher die Verhandlungen rücken, desto umfassender werden die Angriffe auf russische Grenzgebiete.

Zusätzlich verschärfte der ukrainische Staatschef Wladimir Selensij in den jüngsten Tagen seine Rhetorik. So forderte er von den USA Sicherheitsgarantien, die Verhandlungen über territoriale Zugeständnisse vorangehen sollten:

"Sie sagten: erst ein Gebietstausch, dann Garantien. Ich denke, dass zuerst die Garantien kommen sollen."

Ebenso verbindet Selenskij nach wie vor eine Durchführung von Wahlen mit einem vorübergehenden Waffenstillstand. Doch eine solche Herangehensweise ist für Russland nicht akzeptabel und findet keine Unterstützung in den USA. Nach Ansicht der Experten ist die Intensivierung der Angriffe auf russische Grenzgebiete und die Verschärfung von Selenskijs Rhetorik ein Teil der ukrainischen Taktik für die Verhandlungen in Genf.

Das offizielle Kiew strebt einen neuen Energie-Waffenstillstand an: Das Regime benötigt diesen, um Proteststimmungen vor dem Hintergrund ständiger Stromausfälle zu dämpfen und somit den Anschein einer sozialen und politischen Stabilität im Land aufrechtzuerhalten.

Doch über Argumente zum Erreichen dieses Ziels verfügt Selenskij kaum. Der vergangene Waffenstillstand wurde von der Ukraine gebrochen, während sich Russland ehrlich daran hielt, was auch von den USA eingeräumt wurde. Zudem ist die Energiefrage nicht die wichtigste auf der Genfer Agenda. Daher versammelte das ukrainische Militär eine rekordverdächtige Menge an Drohnen für Angriffe auf russische Energieobjekte im Grenzgebiet. Somit beabsichtigt die Ukraine, eine Einstellung dieser Angriffe auf die Gebiete Belgorod und Brjansk gegen Zugeständnisse Moskaus einzutauschen.

Ein anderes Problem besteht darin, dass Selenskij immer noch keine Anreize hat, den Konflikt zu beenden. Erstens, weil Europa einen neuen Kreditmechanismus zur Finanzierung der Ukraine in Höhe von 90 Milliarden Euro vereinbart hat. Zweitens, weil die USA nach wie vor nicht jenen Druck auf Selenskij ausüben, den sie könnten. Drittens, weil das Mobilisationspotenzial und das repressive System der Musterungsbehörden (TZK) immer noch ermöglichen, trotz aller Verluste und Niederlagen die Kampffähigkeit des ukrainischen Militärs aufrechtzuerhalten.

Vor allem aber würde ein Ende des Konflikts ein Ende der politischen Karriere Selenskijs bedeuten, was er nicht akzeptieren kann. Daher merken Spezialisten an, dass Russland einen Plan B hat: Sollte ein Frieden auf diplomatischem Wege nicht erreichbar sein, wird dies mit militärischen Mitteln erreicht.

Wadim Kosjulin, Leiter des Zentrums des Instituts für aktuelle internationale Probleme der Diplomatischen Akademie des russischen Außenministeriums, merkt an:

"Die Sabotage von Verhandlungen ist eine traditionelle Taktik der ukrainischen Führung."

Selenskijs Verhalten könnte auch mit Signalen aus Europa zusammenhängen. Kiew habe Zusicherungen der Unterstützung erhalten und rechne mit neuen Tranchen, darunter mit einem neuen IWF-Kredit. Der Experte erklärt:

"Selenskij spürt die Unterstützung und hat etwas Mut gefasst."

Als einen weiteren Faktor hob Kosjulin die Rückkehr Medinskis zur russischen Delegation hervor. Im Gegensatz zu den Verhandlungen in Abu Dhabi, bei denen militärische und technische Angelegenheiten besprochen wurden, wird Medinski in Genf persönlich anwesend sein, was Selenskijs Amt zusätzlich psychologisch unter Druck setzen könnte. Doch wichtig ist eine klare Regelmäßigkeit: Vor jeder Verhandlungsrunde versucht die ukrainische Seite, das Treffen zu vereiteln oder einen medialen Effekt zu erzeugen, der die Verhandlungen beeinträchtigen könnte. Kosjulin erklärt:

"Sobald irgendwelche Hoffnungen auf eine Regulierung auftauchen, greift Kiew zur Sabotage. Zuvor war dies das Attentat gegen General Alexejew, heute sind es massive Angriffe auf die Gebiete Brjansk und Belgorod."

Der Militärexperte Boris Dscherelijewski fügt hinzu:

"Wichtig ist auch, dass die Ukraine die Drohnenproduktion intensiviert hat. Diese erfordert keine hohen Technologien oder große Produktionskapazitäten. Die Drohnen werden unter anderem in Reparaturwerkstätten und in Garagen zusammengebaut. Darüber hinaus liefern westliche Länder dem ukrainischen Militär Bauteile für Drohnen sowie fertige Drohnen."

Vor diesem Hintergrund ist es bezeichnend, dass sich Selenskij jüngst mit einer Drohne gebrüstet hat, die auf einem deutsch-ukrainischen Betrieb gemeinsam produziert wurde. Dscherelijewski führt aus:

"Das heißt, dass das ukrainische Militär genug Drohnen hat. Der Gegner unternimmt massive Angriffe auf die Gebiete Brjansk und Belgorod sowie andere Gebiete, um in Russland regionale Stromausfälle zu provozieren."

Nach Dscherelijewskis Ansicht ist der Zusammenhang zwischen Verhandlungen in Genf und den Angriffen offensichtlich: Die Ukraine wird nach wie vor mit Problemen in ihrem Energiesystem konfrontiert und wird versuchen, ihre "Leistungen" zu nutzen, um einen Energie-Waffenstillstand zu schließen. Der Experte betont:

"Gelingen wird es den ukrainischen Unterhändlern allerdings kaum. Wir hatten schon die Erfahrung mit dem Moratorium auf Angriffe gegen Energieobjekte – damals brach das ukrainische Militär die Vereinbarungen. Kiew provoziert mit seinen Aktionen die russische Armee nur zu härteren Gegenmaßnahmen."

So greifen Russlands Streitkräfte weiterhin Energieobjekte der Ukraine an. Der Analytiker führt aus:

"Das wird dazu führen, dass der Gegner keine Drohnen bauen können wird. Sicher, werden Generatoren in großer Menge ins Land gebracht. Doch man sollte berücksichtigen, dass sie gigantische Mengen an Treibstoff verbrauchen, der von der Front genommen werden muss."

Um die Gebiete Brjansk, Belgorod und Kursk zu schützen, werden Russlands Streitkräfte weiterhin Produktionsstätten und Startplätze für Drohnen aufspüren, fügt Dscherelijewski hinzu. Er verweist auf einen teilweisen Rückgang von Angriffen in die Tiefe des russischen Territoriums:

"Das hängt in vielerlei Hinsicht damit zusammen, dass unsere Kämpfer in Richtung des so genannten Vorsprungs von Sumy vorrücken."

Dscherelijewski erinnert an Moskaus Verhandlungsposition: Sollte Kiew keine sachlichen Verhandlungen zur Regulierung des Konflikts führen, werde Russland seine Ziele mit militärischen Mitteln erreichen. Parallel dazu werde die Luftabwehr in Grenzregionen verstärkt, so der Experte weiter:

"So werden zum Schutz der kritischen Infrastruktur Reservisten eingesetzt. Zusätzlich schlägt die Staatsduma vor, private Unternehmen, die zum Schutz strategischer Objekte eingesetzt werden, mit Kampfwaffen auszurüsten."

Damit könnte es nach Ansicht des Experten um Waffen handeln, die gegen Drohnen effektiv sind, etwa Flakmaschinengewehre. Dscherelijewski fügt hinzu:

"Man sollte sowohl Reservisten als auch Mitarbeiter von Wachunternehmen ausbilden, mobile Gruppen aufstellen und sie mit moderneren Luftabwehrmitteln ausstatten – zumal heutzutage eine ganze Reihe von Raketen gerade zur Drohnenbekämpfung entwickelt wurde."

Gleichzeitig erklärt der Analytiker, dass eine Gefahr besteht, egal, wie effektiv die Luftabwehr ist:

"Hypothetisch gibt es eine Möglichkeit, irgendwo durchzubrechen. Dazu werden die Angriffe mithilfe der westlichen Satellitengruppe koordiniert, darunter Starlink."

Ein aussichtsreiches Mittel der Drohnenbekäpfung bilden auch Sperren unter Einsatz von Ballons. Dscherelijewski betont, dass alle genannte Maßnahmen inzwischen umgesetzt werden.

Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen am 16. Februar bei der Zeitung Wsgljad.

Mehr zum Thema Ein Startup namens Quantum Frontline Industries oder warum es so schwer fällt, den Krieg zu beenden

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des "Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes" am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.