International

Eine russische Stimme im Bundestag – AfD lädt Botschaftsrat zum Gespräch

Der AfD-Abgeordnete Rainer Rothfuß bleibt sich treu: Wie zu seiner Zeit als Universitätprofessor bemüht sich der Politiker um den Abbau gefährlicher Feindbilder. Dafür lädt er nach wie vor russische Diplomaten zum öffentlichen Gespräch ein. Das jüngste Treffen fand vergangene Woche in den Räumen des Deutschen Bundestages statt.
Eine russische Stimme im Bundestag – AfD lädt Botschaftsrat zum Gespräch© Screenshot Video AfD im Bundestag

Von Astrid Sigena und Wladislaw Sankin 

Vor einigen Tagen fand im Deutschen Bundestag eine Veranstaltung mit Seltenheitswert statt: Es wurde nicht über Russland und die Russen geredet, sondern mit einem Russen. Zu Gast war der Botschaftsrat Andrei Bagai, der in der Berliner Botschaft der Russischen Föderation die Abteilung Außenpolitik leitet. Die Einladung hatte der AfD-Bundestagsabgeordnete Rainer Rothfuß im Rahmen der Gesprächsreihe "Die Wendezeit" ausgesprochen. Rothfuß ist unter anderem als Initiator der Druschba-Friedensfahrten bekannt.

Weitere Teilnehmer an der Diskussionsrunde waren der Ex-ARD-Korrespondent und ehemalige AfD-Bundestagsabgeordnete Armin-Paul Hampel (er war im Dezember 2020 mit Tino Chrupalla zum Gespräch mit dem russischen Außenminister Sergei Lawrow nach Moskau gereist und arbeitet mittlerweile bei Compact) sowie der Autor und Friedensaktivist Major a. D. Florian Pfaff (er war während des Irakkriegs von der Bundeswehr degradiert worden, weil er der Ansicht war, dass es sich um einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg handele und diesbezügliche Befehle verweigerte). Es ist klar, dass man sich in dieser Runde einig war, dass ein erneuter deutsch-russischer Krieg eine Katastrophe darstellen würde. Als Moderator fungierte Sebastian Schulze.

Die Atmosphäre der Veranstaltung war freundschaftlich-respektvoll, man verzichtete aber auch nicht auf konstruktiv gemeinte Kritik. So meinte der frühere Außenpolitische Sprecher der AfD Paul Hampel, den Russen sei es in den Jahrzehnten nach dem Ende der Sowjetunion nicht gelungen, die Freundschaft der Nachbarvölker zu gewinnen und eine gute Beziehung zu ihnen aufzubauen (Minute 38). Ein Vorwurf den Andrei Bagai zurückwies. Nach dem Zerfall der Sowjetunion habe man fast 30 Jahre friedlich mit den Nachbarn zusammengelebt (Stunde 1, Minute 14). Im Vorfeld des Georgien-Krieges 2008 habe die georgische Armee die russische Friedensmission angegriffen, man habe sich nur verteidigt.

Auch Rainer Rothfuß widersprach Hampel (Minute 42): Die Balten würden als nützliche Idioten agieren und ihre russischsprachige Minderheit als "Nicht-Bürger" behandeln. An dieser Stelle kritisierte Rothfuß auch seine Parteikollegen:

"Und selbst innerhalb unserer AfD-Fraktion wird immer wieder dann gesagt: 'Ja, aber, wir müssen schon auch die Ängste der Balten ernstnehmen!' Ja, Entschuldigung, man kann Ängste schüren. Das wissen wir nicht erst seit Corona. Und dann kann man mit diesen Ängsten hervorragend herrlich arbeiten. Und so wird eben auch hier gearbeitet."

Bagai wiederum, der bereits bei der Begrüßung versprochen hatte, "in vielen Fragen frei von der Leber weg" zu sprechen, brachte einen Kritikpunkt am Vorgehen der AfD an (Stunde 1, Minute 15). Im September 2025 hatte der schleswig-holsteinische AfD-Bundestagsabgeordnete Gereon Bollmann eine Kampagne zur Entfernung der Inschriften gestartet, die Rotarmisten im Jahr 1945 an den Säulen und Wänden des Reichstages geschrieben hatten (RT DE berichtete). Motto der Kampagne: "Weg mit den Schuldgraffitis!" Bagai wurde deutlich: Krieg und Frieden und auch der Bereich Erinnerungskultur seien für die Russen aufgrund der Erfahrungen des 20. Jahrhunderts ein sehr sensibles Thema:

"Wenn wir irgendwelche Ideen hören, zum Beispiel die Schriften von unseren Soldaten in Bundestag wegzunehmen – es wurde auch von einem Abgeordnete der Alternative gesagt – reagieren wir auf solche Fälle sofort und natürlich negativ."

Diese diplomatisch ausgedrucke Zurückweisung ist deutliches Zeichen dafür, dass man in der russischen Botschaft nicht schläft, sondern die Entwicklungen in Deutschland hellwach registriert.

Dass der Moderator an den russischen Vertreter keine reinen Gefälligkeitsfragen richtete, machte Stunde 1, Minute 11 deutlich. Sebastian Schulze stellte dem Botschaftsrat die Frage, ob dessen Kinder in Russland zur Armee müssten. Eine Frage, die Bagai sichtlich betroffen machte. Er gab zur Antwort, dass er seinem Sohn sage, er müsse selbstverständlich im Stande sein, im Ernstfall die Heimat zu schützen, aber dass er zugleich die Funktion der Diplomatie betone, eben solche Konflikte zu vermeiden.

Er bedauere, dass sich viele europäische Regierungen und auch Deutschland von der Diplomatie abgekehrt hätten. Diese Entwicklung bereite ihm große Sorgen:

"In Russland gibt es einen bekannten Spruch: Wenn man am Beginn eines Theaterstücks eine Waffe an der Wand sieht, bedeutet es, dass leider die Chancen hoch sind, dass am Ende des Theaterstückes diese Waffe schießen muss." (das berühmte dramaturgische Prinzip Чеховское ружьё – "Tschechows Gewehr")

Wahrlich eine düstere Prognose!

Zuweilen kam es angesichts der ernsten Lage aber auch zu Momenten von Galgenhumor, so zum Beispiel als Hampel Bagai scherzhaft fragte, ob Russland im Januar oder im Dezember 2029 angreifen werde. Man müsse sich ja schließlich darauf einstellen. Der Ex-Bundestagsabgeordnete erntete allseitiges Gelächter und Schmunzeln auf seine verschmitzte Frage. Auch Major Pfaff lobte scherzhaft den russischen Präsidenten Putin, weil er so ritterlich sei, die "bis auf die Unterhose blanke" Bundeswehr erst im Jahr 2029 bekämpfen zu wollen – zu einem Zeitpunkt also, zu dem Deutschland wieder aufgerüstet hat.

Die Gefahr einer Eskalation von Russland zugeschobenen False-Flag-Operationen, vor denen der Abgeordnete Rothfuß warnte (Stunde 1, Minute 24), wischte Bagai vom Tisch. Rothfuß hatte wissen wollen:

"Was kann Russland tun, was können wir tun, um die schädliche, die tödliche Dynamik solcher False-Flag-Operationen zu schwächen, zu mindern, die Eskalation dann zu stoppen?"

Zu befürchten sei "ein Hineinlügen in den Dritten Weltkrieg" durch die Medien.

Bagai (der offensichtlich nicht näher auf das Thema eingehen wollte) meinte, man spreche zu häufig über solche Operationen. Das Problem sei tiefgründiger. Die derzeitigen Politiker in Deutschland und in Europa würden Russland als Feind betrachten. Diese Hauptrichtung der Politik sei hochbrisant und sehr gefährlich. Die von Rothfuß angedeuteten Täuschungsmanöver könnten dagegen die Situation nicht noch mehr verschlechtern. Die Situation könne sich vielmehr verschlechtern, weil die Einstellungen der verantwortlichen Politiker stabil gegen Russland gerichtet seien.

Auch hier gab sich der russische Diplomat als Künder möglicherweise bevorstehender düsterer Ereignisse. Die Enttäuschung von russischer Seite angesichts der erneuten deutschen Feindseligkeit war bei Bagai deutlich zu spüren (Stunde 1, Minute 30):

"Was von deutscher Seite gemacht wurde, das ist echt ein Alptraum."

Was Hampel wiederum zur Beteuerung anspornte, die meisten Deutschen seien pro-russisch eingestellt.

Bemerkenswert war, dass Rainer Rothfuß die Zensur russischer Medien – darunter RT – im EU-Raum und in Deutschland ansprach und scharf kritisierte (Minute 40). Ein Bekenntnis zur Medienfreiheit, das leider auch bei AfD-Politikern selten vorkommt. Die EU habe – dem deutschen Grundgesetz zuwiderlaufend – alles wegzensiert, so Rothfuß. Überhaupt drehte sich die Diskussion oftmals darum, wie man die Dominanz der russophoben Medien mit ihren Falschinformationen brechen könne. Letztendlich war Bagais Fazit etwas hilflos: Wer sich umfassend informieren wolle, könne das auch jetzt noch erreichen. Man müsse es allerdings auch wollen. Florian Pfaff hingegen war optimistischer eingestellt: Die Menschen würden sich nach der Wahrheit sehnen und durchaus wahrnehmen, dass sie von den GEZ-Medien unzulänglich unterrichtet würden (Minute 49).

Paul Hampel betonte in seinen Wortmeldungen außerdem den Wert der Diplomatie (Stunde 1, Minute 17). Während des Kalten Krieges habe die BRD (und der Westen generell) kein positives Bild von der Sowjetunion gehabt, die Sowjetunion sei aus der von sowjetischen Dissidenten geprägten bundesdeutschen Sicht damals "nicht gerade das Land von Freiheit und Fröhlichkeit" gewesen. Dennoch hätten die diplomatischen Kanäle immer offen gestanden, die wirtschaftlichen ohnehin. Daraus seien dann Erfolge in der Zusammenarbeit entstanden, zum Beispiel die Helsinki-Schlussakte.

Leitprinzip der Diplomatie sei stets gewesen, "dass sich kein Land in die inneren Angelegenheiten eines anderen einzumischen hat." Hampels Fazit:

"Hätten wir uns daran gehalten, dann würden wir heute in sehr viel friedlicheren Zeiten leben."

Wer wollte dem widersprechen? Unwidersprochen blieb auch Hampels und Rothfuß' Diagnose, dass vor allem Großbritannien daran gearbeitet habe, die Beziehungen Deutschlands zu Russland zu zerstören (Minute 36 und 41).

Auch die voraussichtliche Wiedereinführung eines verpflichtenden Wehrdienstes war Thema der Diskussionsrunde. Rainer Rothfuß prangerte die Bigotterie gerade der bellizistisch auftretenden Politiker an (Minute 58), deren eigene Kinder nicht beim Militär seien. Das sei nur etwas für die Kinder einfacher Leute. Der frühere Bundeswehr-Offizier Pfaff wurde noch deutlicher: Die Bundeswehr sei schon seit Jahren keine demokratische Armee mehr. Einer solchen Institution dürfe man keine Rekruten – in Pfaffs Sprachgebrauch: "Zwangsarbeiter" – zuführen.

Ist der Krieg gegen Russland doch unvermeidlich?  

Und zum Schluss ein Stück Fatalismus. Heutzutage sind die Gelegenheiten extrem selten geworden, bei denen man in der Öffentlichkeit eine authentische russische Stimme zu hören bekommt. Im Jahr 2014 war das noch anders. Damals wurden russische Diplomaten zwar in den Medien schon heftig angegriffen, aber der Cancel Culture waren sie noch nicht ganz zum Opfer gefallen. So erinnerte der Gastgeber der Gesprächsrunde, Dr. Rainer Rothfuß, noch in seinem ersten Redebeitrag (Minute 15) an den von ihm organisierten Vortrag des damaligen russischen Botschafters Herrn Grinin an der Universität Tübingen, am 8. Dezember 2014. 

Der außerordentlich gut besuchte Vortrag Grinins (der Saal war mit 600 Besuchern voll besetzt) trug den Namen "Wege in eine partnerschaftliche Beziehung zwischen Ost und West: Die Perspektive Russlands". (Die Internetseiten der Universität Tübingen zu der Vortragsreihe "Clash of Civilisations: Feindbilder in interreligiösen Beziehungen und internationaler Geopolitik" sind mittlerweile leider nicht mehr aufrufbar, auch viele Zeitungsberichte wurden gelöscht!)

Das Thema des Vortrags am 8. Dezember war letztendlich die Entwicklung der deutsch-russischen Beziehungen aus Sicht der russischen Außenpolitiker. Rothfuß zufolge bestätigte Grinin, dass es im Kalten Krieg über Jahrzehnte einen diplomatischen Austausch zum Zwecke der Entspannungspolitik und der Verbesserung der beidseitigen Beziehungen gegeben habe. Grinin habe aber auch gesagt, dass der Westen bereits seit einigen Jahren (Zeitpunkt der Äußerung ist 2014) bewusst an der Zerstörung der Beziehung zu Russland arbeite (gemeint ist wohl die deutsch-russische Freundschaft).

Grinin habe sich bei seinem Tübingen-Besuch auch ins Goldene Buch der Stadt eingetragen (Bilder siehe hier, Videoaufnahmen der Zeremonie sowie Ausschnitte eines Interviews mit Grinin siehe hier und hier), erzählt Rothfuß in "Wendezeit" weiter. Damals äußerte der russische Botschafter gegenüber deutschen Medien die Hoffnung, dass "der Faden des Dialogs nicht abreiße." Eine vergebliche Hoffnung, wie wir heute wissen. 

Oberbürgermeister der Stadt Tübingen war nämlich damals (und ist es bis heute) Boris Palmer. Nach dem Vortrag hatte Rothfuß Gelegenheit, mit Palmer kurz zu sprechen. Rothfuß' Aussage im Wortlaut (Minute 16:16):

"Aber er hat dann gesagt: Na ja, also jetzt ist ja wohl klar nach diesem – nach dieser Rede des russischen Botschafters, dass man da mit harten Mitteln reingehen muss, und er hat sich gerade erst letzte Woche mit Joschka Fischer getroffen und der hat ihm klar gemacht: Die Russen verstehen nur quasi die harte Tour und so müssen wir da quasi vorgehen."

Bei "reingehen muss" macht Rothfuß eine Geste, die ein Eindringen symbolisiert. Es stellt sich die Frage, was mit einem "Reingehen" gemeint sein könnte: eine Invasion? Oder eine schleichende Zersetzung durch geheimdienstliche Maßnahmen? Das bleibt Palmers (und wohl auch Fischers) Geheimnis.

Der AfD-Politiker ist jedenfalls noch heute sichtlich entsetzt über die dieser Aussage zugrundeliegende Denkweise (er deutet im Übrigen an, Palmer habe womöglich während des Vortrags am Handy herumgespielt): 

"Ich habe gedacht, gibt's das? Das ist eigentlich ein intelligenter Mann. Und nach so einem Vortrag ist das das Resümee, ist das die Schlussfolgerung? Und ich denke, bis heute sehen wir einfach eine Fortsetzung dieser Denke, die gar nicht mehr wahrnimmt, was die Realitäten sind, auch was die geschichtlichen Hergänge und Wurzeln sind, sondern man hat einfach sein Feindbild fest. Man will auch gar nicht irritiert werden mit Fakten. Man will auch gar nicht unbedingt den Menschen auf der anderen Seite sehen."

Mut zu Verhinderung des Krieges

Wie wir heute sehr gut nach mehr als elf Jahren wissen, hat diese "Denke" im bundesdeutschen Mainstream komplett die Oberhand gewonnen. Russland wurde von der Politik fast wie 1941 zum existenziellen Feind erklärt und in den Medien dementsprechend behandelt. Wenn sich die AfD ausdrücklich als Opposition und zudem auch als Friedenspartei begreift, sollte sie die Widersprüche zwischen Ost und West, und zwischen Bundeswehr-Sympathysanten und NVA-Nostalgikern, beiseite legen sowie konsequent und entschossen "Nein" zur feindseligen Politik Berlins und der NATO gegenüber Russland sagen.

Ansonsten rutscht man in den Krieg, die Weichen dafür, wie wir jetzt wissen, wurden spätestens zu Beginn der 2010er Jahren gestellt. Die heutige Zeit duldet keine halbe Sachen, denn es geht nun ums Ganze. Die Podiums-Diskussion mit einem Vertreter Russlands sollte nicht die Ausnahme, sondern der Anfang einer neuen Normalität werden. Wenigstens bei den Parteien, die sich für oppositioenell halten.  

Mehr zum Thema - Schrille Spionage-Debatte: Im Kriegsfall geht es der AfD an den Kragen

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des "Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes" am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.