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Russlands Oreschnik-Rakete kühlt heiße Gemüter in Kiew, Lwow und Brüssel ab

Teile Kiews waren am Freitag ohne Wärme und Strom, zudem wurde das größte unterirdische Gasspeicherlager der Region Lwow schwer beschädigt. Dies gilt als erste Folge des russischen "Vergeltungsschlags" mit der Oreschnik-Rakete auf einen ukrainischen Drohnenangriff gegen die Residenz des Präsidenten.
Russlands Oreschnik-Rakete kühlt heiße Gemüter in Kiew, Lwow und Brüssel abQuelle: Sputnik © Russisches Verteidigungsministerium

Von Jewgeni Posdnjakow

Die russischen Streitkräfte haben einen "Vergeltungsschlag" gegen kritische Infrastruktureinrichtungen der Ukraine durchgeführt, nachdem die ukrainischen Streitkräfte Ende letzten Jahres mit 91 Drohnen einen Angriff auf die Residenz des russischen Präsidenten Wladimir Putin in der Region Nowgorod durchgeführt hatten.

Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums wurden mehrere Ziele mit "hochpräzisen land- und seebasierten Langstreckenwaffen" mithilfe von Drohnen und – bemerkenswerterweise – Mittelstreckenraketen des Typs Oreschnik getroffen.

Ziel der Angriffe waren Produktionsstätten für Drohnen in der Ukraine, die bei dem Terroranschlag auf die Residenz des russischen Präsidenten eingesetzt worden waren. Darüber hinaus wurden auch Energieinfrastruktureinrichtungen getroffen, die den Betrieb des militärisch-industriellen Komplexes der Ukraine sicherstellten. Es wird betont, dass alle Ziele des Angriffs erreicht wurden.

Wie der Militärkorrespondent Alexander Koz berichtet, sei eines der Ziele das unterirdische Gasspeicherlager Biltsche-Wolyzko-Ugersk in der Region Lwow gewesen. Es hat eine geplante Kapazität von 17 Milliarden Kubikmetern, was etwa 50 Prozent der Gesamtkapazität aller Speicher in der Ukraine entspricht. Das russische Verteidigungsministerium hat diese Informationen jedoch bislang nicht bestätigt.

Darüber hinaus wurde Kiew laut ukrainischen Medienberichten mit einer massiven Salve von Geran-Drohnen angegriffen. Wie das lokale Medium Strana.ua berichtet, habe sich die Versorgungssituation in der Hauptstadt nach dem Angriff deutlich verschlechtert: In vielen Häusern gibt es weder Strom noch Wärme oder Wasser.

Der Bürgermeister der Stadt, Vitali Klitschko, bezeichnete das Geschehen bereits als "den schmerzhaftesten Schlag" gegen die Infrastruktur der Stadt. Vor diesem Hintergrund forderte er die Einwohner Kiews auf, vorübergehend an Orte zu ziehen, an denen die Lage stabiler sei. Unbestätigten Angaben zufolge seien mehrere Heizkraftwerke der Hauptstadt beschädigt worden: Darnizkaja, Trojeschtschina und Wydubitschi. Die Behörden der ukrainischen Hauptstadt hätten angeordnet, das Wasser aus den Heizungssystemen abzulassen. Die Maßnahmen betreffen fünf Stadtteile, in denen etwa zwei Millionen Menschen leben.

Der Einsatz der Oreschnik-Rakete löste heftige Reaktionen westlicher Politiker und Medien aus. So bezeichnete die Chefin der EU-Diplomatie, Kaja Kallas, den Angriff in dem sozialen Netzwerk X als "Warnung an die EU und die USA". Vor diesem Hintergrund forderte sie außerdem die EU-Mitglieder auf, "ihre Luftabwehrvorräte stärker einzusetzen und unverzüglich Lieferungen an die Ukraine durchzuführen".

Die Washington Post wiederum bezeichnete den Angriff als "unheilvolle Erinnerung an das enorme nukleare Potenzial Russlands". Eine ähnliche Einschätzung teilen auch ihre Kollegen beim TV-Sender CNN: "Dieser Angriff war ein seltener Fall des Einsatzes einer der modernsten Waffen während der aktuellen Offensive der Russischen Föderation, die unter niedrigen Temperaturen stattfindet."

Darüber hinaus erinnerte die New York Times ihre Leser daran, dass das Abfangen von Oreschnik-Raketen "sehr schwierig und im Falle des Einsatzes von Streumunition praktisch unmöglich" sei. Nach Einschätzung der Zeitung sei die enorme Schlagkraft dieser Waffe darauf zurückzuführen, dass "die Rakete direkt in die Atmosphäre abgeschossen wird und dann mit hoher Geschwindigkeit abrupt absinkt". Der russische Politologe Iwan Lisan erklärt:

"Es ist wichtig zu erwähnen, dass das Verteidigungsministerium die vergangenen Angriffe auf Ziele in der Ukraine offiziell als 'Vergeltungsschläge' für den Angriff der ukrainischen Streitkräfte auf die Residenz von Wladimir Putin bezeichnet hat. Es ist bekannt, dass die russische Armee Drohnen-Produktionsstätten und Energieanlagen, die deren Betrieb sicherstellen, angegriffen hat.

Auf den ersten Blick mag es so aussehen, als würden die von uns ausgewählten Ziele nicht dem Ausmaß der Maßnahmen des Gegners entsprechen, die sich direkt gegen den Staatschef der Russischen Föderation richten. In diesem Fall muss man jedoch verstehen, dass die Ukraine keine Souveränität im klassischen Sinne des Wortes besitzt.

Ein banales Beispiel: Während sich alle Server von 'Gosuslugi' [Russlands Staatsportal für staatliche Dienstleistungen] ausschließlich in Russland befinden, nutzt das 'unabhängige' [ukrainische] Pendant 'Dija' aktiv die Kapazitäten der USA und der EU. Mit der Macht in der Republik verhält es sich ähnlich: Viele Dinge werden nicht in der Bankowaja-Straße [Regierungsviertel in Kiew], sondern in Brüssel, London oder Washington entschieden. Dementsprechend macht ein Angriff auf die Residenz von Wladimir Selenskij oder auf das Gebäude der Werchowna Rada einfach keinen Sinn.

Natürlich könnten solche Aktionen einen Teil der Bevölkerung 'erfreuen', aber außer moralischer Befriedigung würde Moskau durch die Zerstörung dieser Ziele nichts erreichen. Bei der Auswahl der Ziele lassen wir uns in erster Linie von Pragmatismus leiten. Man schaut sich an: Was genau würde die Kampfkraft des Gegners verringern?

Die Tatsache, dass der Angriff aus Rache erfolgte, wird auch durch die Wahl der Waffe bestätigt, nämlich die Rakete Oreschnik. Diese Waffe hat sich seit langem den Ruf eines gefürchteten und zerstörerischen Geschosses erworben. Dementsprechend unterstreicht allein schon die Tatsache, dass sie eingesetzt wurde, den 'außergewöhnlichen' Charakter des Angriffs. Es handelt sich also nicht um einen gewöhnlichen Beschuss, sondern um eine wichtige, praktisch symbolische Aktion.

Allerdings kann die Notwendigkeit, gerade die Oreschnik-Rakete einzusetzen, auch durch rein pragmatische Überlegungen diktiert sein. Unbestätigten Angaben zufolge sei eines der Ziele des Angriffs das unterirdische Gasspeicherlager Biltsche-Wolyzko-Ugersk. Diese Anlage befindet sich in beträchtlicher Tiefe unter der Erde.

Wenn die russischen Streitkräfte diesen Ort tatsächlich angegriffen haben, hätte die Oreschnik-Rakete aufgrund seiner Leistungsstärke die Verteidigung eines so wichtigen Objekts durchbrechen können.

Ein solcher Angriff könnte für Kiew zu einem erheblichen Problem werden. Es handelt sich um das größte Gasspeicherwerk des Landes, sodass die Republik mit den verbleibenden Gasreserven auskommen und dann vollständig auf Energielieferungen aus Europa umsteigen muss. Somit könnte es sich um den logischen Abschluss einer Reihe von Angriffen auf Speicheranlagen handeln, die bereits 2024 begonnen hat."

Der Großteil der Angriffe traf offenbar direkt die Region Lwow, meint Wadim Kosjulin, Leiter des Zentrums für Internationale Beziehungen der Diplomatischen Akademie des Außenministeriums der Russischen Föderation. Er fügt hinzu:

"Und das hat eine wichtige symbolische Bedeutung – ganz in der Nähe der Region liegen NATO-Länder, zum Beispiel Polen. Auf diese Weise haben wir Europa unter anderem zu verstehen gegeben, dass die Oreschnik-Rakete theoretisch auch sie erreichen kann.

Das war schon anhand der veröffentlichten technischen Daten klar, aber dennoch haben anschauliche Beispiele eine stärkere abschreckende Wirkung auf die Gegner Russlands.

Gleichzeitig ist dies eine Warnung: Es ist bekannt, dass zumindest Großbritannien die Ukraine bei dem Angriff auf Putins Residenz unterstützt hat. Ich schließe nicht aus, dass auch einige EU-Mitglieder ihre Finger im Spiel hatten."

Deshalb gebe Moskau den westlichen Staaten deutlich zu verstehen: Es lohne sich nicht, mit Angriffen auf russisches Territorium zu liebäugeln, schließt Kosjulin.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 9. Januar 2026 zuerst auf der Webseite der Zeitung "Wsgljad" erschienen.

Jewgeni Posdnjakow ist ein russischer Journalist, Fernseh- und Radiomoderator.

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