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Russlands Armee kesselt "dritte Hauptstadt" der Ukraine ein

Russlands Streitkräfte sind in den nördlichen Teil der strategisch bedeutenden Stadt Kupjansk eingedrungen. Ein Verlust dieser östlich von Charkow gelegenen Stadt würde das ukrainische Militär empfindlich treffen. Dafür gibt es mindestens vier Gründe.
Russlands Armee kesselt "dritte Hauptstadt" der Ukraine einQuelle: Gettyimages.ru © Anadolu

Von Jewgeni Krutikow

Russlands Streitkräfte haben noch in den vergangenen Monaten das kleine Dorf Kondraschowka nördlich der Stadt Kupjansk eingenommen. Dies sicherte die Flanke des aus dem Norden vordringenden russischen Truppenverbands und ermöglichte es ihm, ins Stadtgebiet einzudringen. In diesem Fall handelt es sich um eine bewährte Taktik, die darauf abzielt, gegnerische Gegenangriffe zu vermeiden.

Parallel dazu setzten sich russische motorisierte Schützen in Sobolewka in der Nähe des Waldes Malyje Rowny westlich der Stadt fest. Im Gegensatz zum inzwischen legendären Serebrjanka-Forst in der Volksrepublik Lugansk ist dieser Wald klein und unbefestigt. Ziel des Vorstoßes ist vermutlich die Straße N-26, die zwischen Sobolewka und Blagodatnoje in Richtung Tschugujew und weiter nach Charkow verläuft. Das ist die letzte Versorgungsroute für die ukrainische Garnison von Kupjansk. Das Gelände ist hier so beschaffen, dass es keine andere Möglichkeit gibt, Munition oder Verstärkungen anzubringen: Über Felder und Wald lässt sich nicht viel transportieren.

Die Straße steht bereits unter Feuerkontrolle der russischen Streitkräfte, was bedeutet, dass die Handlungsoptionen des ukrainischen Militärs zunehmend schwinden. In Blagodatnoje laufen nach vorläufigen Angaben bereits Straßenkämpfe, was ein Ende der zentralisierten Versorgung der Kupjansker Kampfgruppe aus Tschugujew und Charkow bedeutet.

Inzwischen führt der letzte Rückzugskorridor für ukrainische Truppen in Kupjansk direkt nach Süden, in Richtung des Weilers Ossinowo, was zu großen Verlusten führen wird.

Die Straße N-26 verläuft durch die enge Stadtmitte von Kupjansk über die Straßen Kusnetschnaja, Zentralnaja und Swatowskaja und läuft weiter über die Brücke über den Fluss Oskol in den östlichen Industriestadtteil Saoskolje. Dieser Abschnitt, nämlich die Straßen Kusnetschnaja und Zentralnaja, könnte zum taktischen Hauptziel der russischen Streitkräfte im Stadtgebiet von Kupjansk werden.

Ukrainische Truppen haben ihre Stellungen in der Stadt, besonders im Gewerbegebiet, stark befestigt. Es wurden Bunker und unterirdische Verbindungsgänge gebaut, die sowohl einzelne Stellungen als auch die Keller der Betriebe verbinden. Deswegen blieb der Versuch eines Sturms des Gewerbegebiets aus dem Osten erfolglos. Stattdessen beschloss die russische Armee, erst ausgerechnet den westlichen Stadtteil bis zur Straße N-26 unter Kontrolle zu bringen und damit die ukrainische Kampfgruppe im Gewerbegebiet von der Versorgung abzuschneiden. Gegenwärtig wird dieser befestigte Bereich über die Oskol-Brücke versorgt.

Wie üblich, leistet das ukrainische Militär den heftigsten Widerstand in der Nähe von zentralen und südlichen Teilen der befreiten Städte. Doch das Verwaltungsgebäude mit dem Denkmal des Dichters Taras Schewtschenko und dem Holodomor-Mahnmal sind viel weniger relevant als die Straße N-26. Sollten ukrainische Truppen die Kontrolle über diese Straße verlieren, wird der östliche Stadtteil ohne Aussicht auf Entsatz der dortigen ukrainischen Kampfgruppe blockiert.

Einige Militärexperten geben an, dass Russlands Streitkräfte das nördliche Gewerbegebiet der Stadt bereits besetzt haben. Die Rede ist vom Gebäudekomplex des Unternehmens Charkowgas sowie den landwirtschaftlichen Lagerhäusern Agroton. Den russischen Truppen soll es gelungen sein, über dieses Geländestück bis zum Komsomol-Park und dem Spartak-Stadion vorzudringen. Doch die nördlichen, nordwestlichen und westlichen Stadtteile Kupjansks bestehen vor allem aus Einfamilienhäusern, während sich Mehrfamilienhäuser ausgerechnet hinter dem Komsomol-Park befinden.

Am Ostufer des Flusses Oskol laufen weiterhin erbitterte Kämpfe in der Ortschaft Petropawlowka, die das Gewerbegebiet Kupjansks deckt. Das ukrainische Militär hielt gerade diesen Abschnitt für am meisten gefährlich und befestigte Saoskolje und das dortige Gewerbegebiet. Somit übersah es allerdings den raschen Vormarsch der russischen Truppen nach der Überquerung des Oskol und deren Festsetzung am westlichen Flussufer.

Dies ist ein inzwischen traditioneller Fehler des ukrainischen Militärs – die falsche Einschätzung der Hauptangriffsrichtung der russischen Truppen und ein zu langsames Erkennen des Fehlers.

Die Trägheit des Kiewer Stabs hängt vor allem mit innenpolitischen Gründen zusammen: Kaum jemand riskiert es, Fehler zu gestehen, die zum Verlust taktischer und erst recht strategischer Objekte führen. Daher kommt das Ausbleiben von Rückzugsbefehlen von verlorenen Stellungen.

Außerdem verlegte das ukrainische Militär vom Frontabschnitt Kupjansk Reserven in die Gebiete Kursk sowie Dserschinsk (Torezk), Krasnoarmeisk (Pokrowsk) und Dobropolje. Solche "Schachzüge" bergen die Gefahr des Zusammenbruchs aller Frontabschnitte gleichzeitig.

Der strategische Wert Kupjansks ist gigantisch. Erstens ist dies das größte Logistikknoten der Region mit einem Eisenbahnkreuz, einem alten Verkehrsknotenpunkt und Reparaturwerkstätten. Dabei liegt es recht nahe an der russischen Grenze, was seine Nutzung als Transportknoten erleichtern würde.

Zweitens hätte die russische Armee im Fall der Kontrolle über Kupjansk die Möglichkeit, ihre Positionen im Gebiet Charkow zu stärken und die Versorgung des Ballungsraums Slawjansk-Kramatorsk in der Volksrepublik Donezk aus dem Norden über die Stadt Tschugujew zu bedrohen.

Drittens öffnet sich aus Kupjansk der Weg nach Isjum und Balakleja, also ein direkter Weg zur Einkesselung Slawjansks und Kramatorsks aus dem Norden. Ein potenzieller Vorstoß zum Oskol-Stausee im unteren Flusslauf würde die Möglichkeit des ukrainischen Militärs, Isjum und Slawjansk zu halten, in Frage stellen.

Ein solches Manöver zeichnet sich im Kontext der anstehenden endgültigen Befreiung des Serebrjanka-Forsts und des weiteren Vorstoßes in Richtung Sewersk und Krasny Liman ab. Dies würde die gesamte Lage am nördlichen Frontabschnitt umgestalten.

Im breiteren Sinne würde eine Besetzung Kupjansks einen Übergang zu umfassenden strategischen Operationen zur Befreiung des nördlichen Teils der DVR mit den Städten Slawjansk und Kramatorsk bedeuten.

Schließlich hätte die Befreiung Kupjansks einen gewissen symbolischen Wert. Im Jahr 1941 war die Regierung der Ukrainischen SSR aus Kiew erst nach Charkow und dann nach Kupjansk evakuiert worden. Aus diesem Grund erhielt die Stadt den Spitznamen "Dritte Hauptstadt der Ukraine". Vor der Befreiung Charkows von der Wehrmacht war Kupjansk auch die Hauptstadt des Gebiets Charkow.

Doch bisher steht die Operation zur Befreiung Kupjansks ganz am Anfang. Der ukrainische Widerstand wird zunehmen, je weiter sich russische Truppen den befestigten Hochbaugebieten der Stadt nähern. Doch die Bebauung ist hier nicht so hoch und dicht wie in Ugledar.

Die Operation selbst läuft gerade nach dem Ugledar-Szenario ab – eine Unterbrechung von Versorgungsrouten und Rückzugswegen mit anschließender Sicherung des Stadtgebiets. Die Letztere wird im Unterschied zu Ugledar quasi in zwei Phasen verlaufen – erst die Stadtmitte bis zur Straße N-26, danach das östliche Gewerbegebiet. Natürlich, wenn sich ukrainische Truppen nicht früher ergeben.

Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen bei der Zeitung Wsgljad am 27. August.

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