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19 Jahre nach der US-Invasion in Irak: Hat der Westen etwas daraus gelernt?

Fast zwei Jahrzehnte sind verstrichen und geschätzt eine Million Menschen getötet: Jetzt trommeln die Medien wieder für den Krieg.
19 Jahre nach der US-Invasion in Irak: Hat der Westen etwas daraus gelernt?Quelle: AFP © Shaun Curry

Eine Analyse von Robert Inlakesh

Der von den USA angeführte Einmarsch in den Irak im März 2003 war ein Krieg, der nach heutiger Auffassung auf Lügen beruhte und dem bis zu einer Million Iraker zum Opfer gefallen sein sollen. Doch trotz des schrecklichen Blutvergießens, das dem irakischen Volk zugefügt wurde, scheint die westliche Öffentlichkeit viele Lektionen vergessen zu haben, die aus dem Desaster des Irakkriegs hätten gezogen werden sollen.

Im Vorfeld des Irakkrieges wurde den Amerikanern erklärt, dass die Beseitigung des irakischen Präsidenten Saddam Hussein für den Weltfrieden notwendig sei. Begründet wurde dies mit dem angeblichen Besitz von Massenvernichtungswaffen (MVW) und angeblichen Verbindungen zu Al-Qaida, neben einer Reihe anderer Behauptungen über Husseins völkermörderische Ambitionen. Der damalige britische Premierminister Tony Blair verglich Saddam Hussein sogar mit Adolf Hitler; dies geschah zu einer Zeit, als die Stimmung gegen den Nahen Osten hochkochte und die Anschläge vom 11. September 2001 noch frisch in den Köpfen der westlichen Öffentlichkeit waren, die der damalige US-Präsident George W. Bush darüber informierte, dass der "Krieg gegen den Terror" einem "Kreuzzug" gleichkomme. 

Es stellte sich heraus, dass fast keine der Hauptanschuldigungen gegen Saddam Hussein zutrafen, obwohl der irakische Präsident andere Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hatte. Ohne Beweise stimmten die westlichen Medien in den Chor derer ein, die die Invasion in den Irak als gerechten Krieg darstellten. Obwohl die Internationale Juristen-Kommission (IJK) in Genf bereits vor der Invasion festgestellt hatte, dass es sich um einen Angriffskrieg und eine flagrante Verletzung des Völkerrechts handelte.

Wahrscheinlich zum großen Teil aufgrund der damaligen Medienberichterstattung, die alles dämonisierte, was mit dem Nahen Osten und Muslimen zu tun hatte, lag die Unterstützung der US-Öffentlichkeit für den Einmarsch in den Irak vor der "Operation Befreiung des Irak" bei 52 – 64 Prozent, und stieg am Tag der Invasion auf 72 Prozent an.

In den ersten beiden Monaten der "Shock and Awe"-Invasion sollen mehr als 7.186 irakische Zivilisten getötet worden sein. Dennoch feierten die westlichen Medien zu dieser Zeit den Sieg der USA und Großbritanniens, als hätte es all diesen Tod und diese Zerstörung nicht gegeben. Und sie fragten nie wirklich, wo die angeblichen Massenvernichtungswaffen waren. Ein BBC-Reporter, Andrew Marr, sagte am 9. April über den britischen Premierminister Tony Blair:

"Er erklärte, dass sie Bagdad ohne ein Blutbad einnehmen könnten und dass die Iraker sie freudig empfangen würden. Und in beiden Punkten hat er nachweislich recht."

Die blind pro US-Regierung und pro britische Regierung eingestellte Berichterstattung ging weiter, trotz Berichten über Kriegsverbrechen der USA und des Vereinigten Königreichs. So wurde beispielsweise am 2. April 2003 eine Entbindungsstation des Roten Kreuzes in Bagdad von US-Flugzeugen angegriffen, was laut The Guardian zu einem Massaker führte.

Innerhalb von weniger als zwei Jahren nach der Invasion sollen bis zu 100.000 unschuldige irakische Zivilisten getötet worden sein, und dennoch gelang es George W. Bush, 2004 wiedergewählt zu werden. Und das, obwohl der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (UNSC) die Invasion nicht genehmigte, unzählige Berichte über Angriffe auf zivile Ziele vorlagen und mehrere Kriegsgegner die Anklage von Bush und Blair wegen Kriegsverbrechen forderten.

Am 6. Oktober 2003 deckte das Time Magazine immer noch die Bush-Regierung und kritisierte nur am Rande, dass sich Präsident Bush bei der "Lösung des Irak-Problems" verkalkuliert habe, während The Economist im Mai mit der Schlagzeile "Now, the waging of peace" (Jetzt die Friedenssicherung) die Idee des "nation-building" im Irak befürwortete und die angeblichen Kriegsverbrechen ignorierte.

Schließlich kam der Tag, an dem alle großen westlichen Nachrichtensender wie CNN, BBC, Fox News und andere beschämt einräumen mussten, einseitig über die Geschehnisse im Irak berichtet und das betrieben zu haben, was Noam Chomsky ihre Beteiligung an "Manufacturing Consent" (zu Deutsch: Herstellung von Zustimmung) nannte.

Peter Van Buren, ein ehemaliger Beamter des US-Außenministeriums, der ein Jahr lang im Irak stationiert war, wurde gefragt, ob die westlichen Medien ihre Lehren aus dem Irak gezogen hätten. Und er sagte Folgendes:

"Ihre Lehren gezogen? Nein. Laa ['nein' auf Arabisch]. Njet ['nein' auf Russisch]. Als Beamter des Außenministeriums habe ich 2003 mit Entsetzen beobachtet, wie die Mainstream-Presse nicht nur als Steigbügelhalter für die Lügen der Regierung fungierte, sondern diese Lügen auch noch verstärkte, indem sie anonyme Quellen auf Kosten ihrer eigenen Glaubwürdigkeit einsetzte, um ein den Krieg forderndes Narrativ zu erschaffen und dann zu bedienen. Als ihr wahrer Chefredakteur, George W. Bush, eine Mischung aus Ben Bradley und Lou Grant, aufstand und verkündete: 'Ihr seid entweder auf unserer Seite oder auf der Seite der Terroristen', erstickten die Medien den Dissens in ihren Reihen fast vollständig. Im Jahr 2022 hat sich wenig geändert. Die Medien rühren erneut die Werbetrommel für den Krieg, wenn auch diesmal als Steigbügelhalter für die Propaganda der ukrainischen Regierung. Fast alle Videos und Bilder aus der Ukraine stammen von der ukrainischen Regierung, und die anonymen Quellen von 2003 sind durch keinerlei echte Quellen ersetzt worden. Die Unterdrückung Andersdenkender hat wieder Hochkonjunktur, sodass Stimmen, die für Zurückhaltung plädieren, nicht nur nicht mehr auf der Meinungsseite der New York Times erscheinen, sondern auch gelöscht, gecancelt und in den sozialen Medien als Putin-Verehrer abgestempelt werden."  

Heute sind die im Irak begangenen Verbrechen der westlichen Öffentlichkeit wohlbekannt, doch die ehemaligen Führer der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Königreichs hatten nie Konsequenzen für das von ihnen verursachte Chaos zu tragen. Der Krieg hat nicht nur dazu geführt, dass der Irak sowohl de jure als auch ethnisch-religiös gespalten ist, sondern auch, dass die US-Streitkräfte immer noch zu Tausenden im Irak stationiert sind. Die NATO hat Anfang letzten Jahres sogar angekündigt, dass sie ihre eigene Mission im Irak auf 4.000 Mann ausweiten wird.

Konnten die USA nach 19 Jahren der Zerstörung einen Sieg im Irak erringen? Ganz und gar nicht. Washington kämpft immer noch darum, genügend Macht im Land zu behalten, um die Rolle des benachbarten Iran zu bekämpfen, der mit seinen verbündeten Streitkräften, die zur Bekämpfung von ISIS und Al-Qaida aufgestellt wurden, das Machtvakuum ausfüllen wollte.

Vor der Beseitigung von Saddam Hussein war der Irak kein konfessionell gespaltenes Land und hatte kein Problem mit Al-Qaida oder anderen terroristischen Gruppen. Seit 2003 ist das Land zerrissen, und dieselben Medienorganisationen, die sich brav auf die Seite der westlichen Regierungen stellten, arbeiten heute als dieselben Propaganda-Maschinen. Die aktive Untergrabung der irakischen Kriegserfahrungen durch zahllose westliche Journalisten, die Dinge sagen wie: "Es betrifft uns mehr, weil jetzt die Bomben auf 'relativ zivilisierte' Menschen fallen", kann auf Rassismus zurückgeführt werden. Und es ist diese Art von gefährlicher Rhetorik, die es dem westlichen Publikum ermöglicht, die geschätzten sechs Millionen Opfer des gescheiterten "Kriegs gegen den Terror" zu ignorieren. Solange die Täter des Irak-Krieges nicht vor Gericht gestellt werden, kann die US-Regierung keine moralische Überlegenheit gegenüber ihren Gegnern beanspruchen, und ihre Position auf der Weltbühne wird für immer beschmutzt sein.

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Überrsetzt aus dem Englischen.

Robert Inlakesh ist ein politischer Analyst, Journalist und Dokumentarfilmer, der derzeit in London, Großbritannien, lebt. Er hat aus den besetzten palästinensischen Gebieten berichtet und dort gelebt und arbeitet derzeit für Quds News. Regisseur von "Steal of the Century: Trump’s Palestine-Israel Catastrophe". Folgen Sie ihm auf Twitter @falasteen47

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