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Medienbericht: Großbritannien will Spezialeinheiten als "Berater" in Afghanistan lassen

Laut einem Bericht der Zeitung "The Telegraph" erwägt die britische Regierung, Mitglieder von Sondereinheiten in Afghanistan zu lassen. Diese sollen weiterhin afghanische Einheiten ausbilden und beraten. Der ehemalige MI6-Chef warnt vor einem Bürgerkrieg im Land.
Medienbericht: Großbritannien will Spezialeinheiten als "Berater" in Afghanistan lassenQuelle: AFP © AFP PHOTO/POOL/Lefteris Pitarakis

Die britische Regierung plant offenbar, ein kleines Kontingent von Spezialkräften vor Ort in Afghanistan zu belassen, berichtete die britische Zeitung The Telegraph am Sonntag. Grund dafür seien auch die Bodengewinne der Taliban nach dem begonnenen Abzug von US-Truppen. So gelang es den Taliban unter anderem, einen wichtigen Bezirk in der Provinz Kandahar, nur Tage nachdem die USA und ihre NATO-Verbündeten aus dem Hauptstützpunkt der Koalition in Afghanistan abgezogen waren, zurückzuerobern.

The Telegraph beruft sich auf einen ehemaligen Soldaten der britischen Spezialeinheit Special Air Service (SAS), der bis vor kurzem in Afghanistan stationiert war. Laut dem Soldaten soll eine Gruppe der Einheit weiterhin "afghanische Einheiten ausbilden und als Berater mit ihnen vor Ort sein". Der Einsatz sei unbefristet, was bedeute, dass die Truppen so lange bleiben würden, "wie sie [die Regierung] es für sinnvoll erachtet".

Die Entscheidung, ob alle verbleibenden 750 britischen Soldaten endgültig aus dem vom Krieg verwüsteten Land abgezogen werden oder ob einige Truppen unter dem anhaltenden Ansturm der Taliban zurückbleiben, müsse erst noch getroffen werden, so eine anonyme Militärquelle gegenüber der Zeitung. Es wird erwartet, dass der britische Premierminister Boris Johnson, der das letzte Wort in dieser Angelegenheit hat, dies bei der Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates am Montag bekannt geben wird.

"Bürgerkrieg wahrscheinlichstes Szenario"

Frühere Medienberichte in Großbritannien deuten jedoch auf den 4. Juli als Datum für den Beginn des Abzugs hin. Das Datum könnte mit dem Abzug der US-Soldaten vom Luftwaffenstützpunkt Bagram, dem wichtigsten militärischen Zentrum der Koalition in dem Land, abgestimmt sein.

Offiziell hat sich Großbritannien jedoch noch nicht auf einen Zeitplan festgelegt. Stattdessen wurde erklärt, dass London sich "das Recht vorbehalte", Truppen zurück nach Afghanistan zu schicken, entweder als Teil einer Koalition oder einseitig, wenn Teile Afghanistans von "Terroristen" überrannt würden.

Ähnliche Bedenken äußerte der ehemalige Chef des britischen Geheimdienstes MI6, Alex Yanger. In einem Gespräch mit dem Sender Sky News am Sonntag sagte Yanger, der den MI6 bis letzten September leitete, dass der Abzug der USA und der verbündeten Streitkräfte zu einem Wiederaufleben von Terrorgruppen wie Al-Qaida und dem "Islamischen Staat" (IS, früher ISIS/ISIL) führen könnte. Er verglich die aktuelle Situation zudem mit der nach dem Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan im Jahr 1989. Laut Yanger müsse der Westen in Afghanistan aktiv bleiben, und nicht den "enormen Fehler" begehen, das Land sich selbst zu überlassen und so terroristischen Gruppen die Möglichkeit zu geben, sich zu erholen.

"Sie sind auf dem Rückzug. Aber es wäre offenkundig falsch zu behaupten, dass sie verschwunden sind. Und sie haben die Fähigkeit, sich zu regenerieren", so Yanger.

Yanger kritisierte den ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump für die Festlegung einer Abzugsfrist im Mai, die von der Biden-Regierung auf September verschoben wurde, und erklärte, dass die USA die aktive Teilnahme der Taliban am politischen Prozess zur Bedingung hätten machen sollen. Der ehemalige Geheimdienstler geht davon aus, dass ein Bürgerkrieg das wahrscheinlichste Szenario in Afghanistan bleibe. Dennoch sei er immer noch "stolz" auf das, was die US-geführte Intervention dort erreicht habe, obwohl sie ein Machtvakuum zurücklasse.

"Ich bin stolz auf das, was wir dort getan haben, wenn ich mir die Situation anschaue, die 2001 existierte, wenn ich mir das Ausmaß der terroristischen Infrastruktur anschaue und wenn ich den Schaden bedenke, der hätte angerichtet werden können, wenn wir zugelassen hätten, dass das weitergeht."

Gleichzeitig räumte er jedoch ein, dass die westlichen Bemühungen, der afghanischen Gesellschaft ihre Version von "Demokratie" aufzuzwingen, gescheitert seien: "Ich habe gelernt: Die Idee, dass wir in einem Land wie diesem eine Demokratie nach unserem Bild schaffen können, ist unerreichbar."

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