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Defender-Skandal: Geheimdokumente des britischen Kriegsministeriums beweisen provokative Absicht

An einer Bushaltestelle in Kent wurden laut BBC Geheimdokumente gefunden. Darin werden mögliche Reaktionen Russlands auf die Durchfahrt der HMS Defender durch Gewässer vor der Krim durchgespielt. Die jetzt veröffentlichten Dokumente belegen die bewusste Provokation dahinter.
Defender-Skandal: Geheimdokumente des britischen Kriegsministeriums beweisen provokative AbsichtQuelle: AFP © Irakli Gedenidze

Hinter einer Bushaltestelle im britischen Kent wurden am Dienstagmorgen laut Darlegung der BBC geheime Dokumente des Verteidigungsministeriums des Vereinigten Königreiches gefunden, die brisante Details über die Operationsplanung der HMS Defender im Schwarzen Meer enthalten. Ein Bürger, der anonym bleiben möchte, kontaktierte die BBC, als ihm die Sensibilität der Inhalte bewusst wurde. Die Dokumente wurden noch einen Tag vor der spektakulären Operation gefunden und dann weitergeleitet. Es bleibt allerdings unklar, ob die BBC noch vor oder erst nach der Operation der HMS Defender vor der Krim die geheimen Dokumente erhielt. Fakt bleibt aber, dass sogar ein BBC-Journalist am Mittwoch beim Eindringen des britischen Zerstörers HMS Defender in russische Hoheitsgewässer an Bord war.

In der staatlichen Dokumentation, die insgesamt fast 50 Seiten umfasst, werden die möglichen Reaktionen Russlands auf die Durchfahrt der HMS Defender durch angeblich "ukrainische" Gewässer vor der Küste der Krim diskutiert. Die Dokumente beschreiben außerdem auch Pläne für einen möglichen Fortbestand der britischen Militärpräsenz in Afghanistan nach dem vollständigen Abzug der US-Truppen aus diesem Land am Hindukusch.

Die Dokumente zeigen, dass eine vom britischen Verteidigungsministerium als "harmlose Durchfahrt durch ukrainische Hoheitsgewässer" bezeichnete Operation durchaus ganz bewusst mit der Erwartung durchgeführt wurde, dass Russland "aggressiv" reagieren könnte. 

Zwischen den russischen Streitkräften und der britischen Marine kam es bekanntlich im Schwarzen Meer am Mittwoch zu einem Zwischenfall. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Moskau feuerten sowohl ein Schiff der russischen Küstenwache als auch ein Su-24-Kampfflugzeug mehrmals angekündigte Warnschüsse gegenüber einem britischen Zerstörer und warfen neben dem Kriegsschiff noch mehrere Bomben ab.

Die HMS Defender drang unweit der Halbinsel Krim bis zu drei Kilometer weit in russische Hoheitsgewässer ein. Das britische Schiff erhielt mehrere Vorwarnungen, dass Waffen eingesetzt werden, wenn die Staatsgrenzen der Russischen Föderation verletzt werden. Nach den Warnschüssen der russischen Schwarzmeerflotte sowie des Grenzschutzes beim Inlandsgeheimdienst FSB drehte das britische Schiff schließlich ab. 

Die Operation war im Vereinigten Königreich offenbar noch am Montag Gegenstand hochrangiger Diskussionen, wie die Dokumente belegen. Beamte hätten über die möglichen Reaktionen Russlands spekuliert, falls die HMS Defender in die Gewässer nahe der Krim einlaufen würde. Drei mögliche russische Antworten werden skizziert, von "sicher und professionell" bis "weder sicher noch professionell". Im letzten Szenario wird gemutmaßt, Russland könne sich entscheiden, aggressiv zu reagieren: mit Warnschüssen, Küstenwacheschiffen, die sich bis auf 100 Meter nähern, und  Kampfflugzeugen, die das britische Schiff dort überfliegen, heißt es in den Dokumenten.

Es wird in den gefundenen Dokumenten durchaus auch eine alternative Fahrtroute für das Schiff in Betracht gezogen, wodurch die HMS Defender "umstrittene" Gewässer meiden könnte. Diese Route würde zwar eine Konfrontation verhindern, aber damit laufe man Gefahr, dies könne von Russland als Beweis dafür dargestellt werde, dass "das Vereinigte Königreich Angst hat und deswegen wegläuft". Das könne den Russen womöglich sogar erlauben zu behaupten, dass das Vereinigte Königreich Moskaus Anspruch auf die Hoheitsgewässer vor der Krim nachträglich anerkannt habe, heißt es in den Dokumenten. 

Abgesehen von den Spekulationen über die Operation selbst, befassen sich die Dokumente auch noch mit den möglichen Reaktionen der Öffentlichkeit auf den Zwischenfall. Britische Sicherheitsbeamte erwarteten konkurrierende Versionen der Berichterstattung über die Operation: "Wir haben ein starkes, legitimes Narrativ", stellt man in den Dokumenten fest. Die Anwesenheit der  Journalisten (von der BBC und der Daily Mail) an Bord des Zerstörers biete "eine Option zur unabhängigen Überprüfung der Aktionen der HMS Defender".

Bei dem Einsatz gehe es nach der Darstellung in den Dokumenten insbesondere um die "Freiheit der Schifffahrt" und eine "klare Bekräftigung der Souveränität der Ukraine" nach der angeblichen "Annexion" der Krim durch Russland im Jahr 2014.

Die Dokumente befassen sich auch mit weiteren, anderen Sicherheitsthemen. Der frühe Fokus der Biden-Administration auf China und den Indopazifik zeige, "dass es immer noch viel Kontinuität zur vorherigen Regierung gibt". Die Dokumente beinhalten auch Vorschläge, was Großbritannien auf geopolitischer Ebene dabei tun könne.

Das Dokument erörtert ein amerikanisches Ersuchen um britische Hilfe in mehreren spezifischen Bereichen und befasst sich so zum Beispiel mit der Frage, ob britische Spezialeinheiten nach dem vollständigen Abzug der US-Truppen in Afghanistan verbleiben. Medienberichte deuten bereits darauf hin, dass Großbritannien erwägt, einige Kräfte dort zu belassen. Aufgrund der Sensibilität des Dokuments hat die BBC beschlossen, keine Details darüber zu veröffentlichen, da dies die Sicherheit von britischem und anderem Personal in Afghanistan gefährden könne. "Jeder britische Fußabdruck in Afghanistan, der fortbesteht, wird als anfällig für Angriffe durch ein komplexes Netzwerk von Akteuren eingeschätzt", heißt es in dem Dokument.

Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums erklärte, ein Mitarbeiter habe den "Verlust sensibler Verteidigungspapiere bereits gemeldet". Die britische Regierung teilte ebenfalls mit, dass bereits eine Untersuchung eingeleitet worden um herauszufinden, wie Geheimdokumente auf der Straße landen konnten.

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