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New York Times: Al-Qaida-Vize soll im Iran getötet worden sein

Laut US-Medien sollen israelische Geheimagenten den "Vizechef" der Terrororganisation al-Qaida Anfang August in Teheran getötet haben. Der Iran riet den US-Medien, nicht in die Falle "hollywoodartiger Inszenierungen" US-amerikanischer und israelischer Quellen zu tappen.
New York Times: Al-Qaida-Vize soll im Iran getötet worden seinQuelle: Reuters

Der "Vizechef" der Terrororganisation al-Qaida ist einem US-Zeitungsbericht zufolge im Iran getötet worden. Abu Mohammed al-Masri sei am 7. August von zwei Männern auf einem Motorrad in Teheran erschossen worden, meldete die New York Times unter "Berufung auf Sicherheitskreise". In Teheran sei es bereits Nacht gewesen, als der Mordanschlag im Norden der Hauptstadt verübt worden sei. Im Auftrag von Washington sollen israelische Agenten die "Nummer zwei des al-Qaida-Terrornetzwerkes" erschossen haben. 

Masri, der eigentlich Abdullah Ahmed Abdullah hieß, soll der Stellvertreter des al-Qaida-Anführers Aiman al-Sawahiri gewesen sein und galt als sein angeblicher Nachfolger. Er soll an den Anschlägen auf die US-Botschaften in Tansania und Kenia im Jahr 1998 beteiligt gewesen sein. Dabei waren 224 Menschen getötet und mehr als 5000 verletzt worden. Mit Masri starb dem Bericht zufolge auch seine Tochter. Sie war eine Schwiegertochter von Osama bin Laden. Die Vereinigten Staaten gingen davon aus, Miriam al-Masri werde vermutlich auf eine Führungsrolle in al-Qaida vorbereitet.

"Im Jahr 2015 kündigte der Iran einen Vertrag mit al-Qaida an, in dem fünf Führer der Organisation, darunter Herr al-Masri, im Austausch gegen einen im Jemen entführten iranischen Diplomaten freigelassen wurden", hieß es in der New York Times.  Laut einem der Geheimdienstbeamten soll er jedoch weiterhin in Teheran gelebt haben – unter dem "Schutz der iranischen Revolutionsgarde". "Er durfte ins Ausland reisen und reiste hauptsächlich nach Afghanistan, Pakistan und Syrien."

Einige Terrorismusexperten spekulieren, dass der weitere Aufenthalt hochrangiger al-Qaida-Mitglieder eine Rückversicherung Teherans gegen potenzielle Anschläge im eigenen Land bieten könnte. US-Anti-Terror-Beamte glauben, der Iran habe ihnen womöglich erlaubt, im Land zu bleiben, um Operationen gegen die Vereinigten Staaten durchzuführen, hieß es bei der New York Times.

Der Iran wies den Bericht umgehend zurück. Es gebe keine al-Qaida-Terroristen in der Islamischen Republik, erklärte der Sprecher des Außenministeriums,  Said Chatibsadeh, in Teheran. Die USA und Israel versuchten immer wieder, durch Lügen und Falschinformationen den Iran mit solchen Extremisten-Gruppen in Verbindung zu bringen. Dieser riet den US-Medien, nicht in die Falle "hollywoodartiger Inszenierungen" US-amerikanischer und israelischer Quellen zu tappen.

Chatibsadeh betonte, dass al-Qaida das geistige Produkt der USA und Konsequenz der falschen Politik derer Verbündeter in der Region gewesen sei. Von Zeit zu Zeit versuchten die "Feinde des Iran", sich der Verantwortung für die kriminellen Handlungen von al-Qaida und anderen terroristischen Gruppen in der Region zu entziehen und dem Iran die Verantwortung für den Extremismus in Schuhe zu schieben.

Im August hatten iranische Medien die Ermordung der beiden libanesischen Staatsbürger in Teheran vermeldet. Die offiziellen Nachrichtenmedien des Iran identifizierten die Opfer als "Mahdi Davoud" und dessen Tochter "Miriam". Sie hatten darüber jedoch später keine weiteren Details veröffentlicht. Der persische Ableger der britischen Zeitung Independent, die von einer saudischen Aktiengesellschaft mit Sitz in Riad gefördert wird, berichtete seinerzeit über diesen Anschlag und spekulierte, dass die Opfer womöglich der Hisbollah nahestanden. 

Die Tat soll in der Nähe des Hauses des irakischen Milizenchefs Abu Mahdi al-Muhandis in Nordteheran verübt worden sein. Muhandis, der damalige schiitischen Milizenführer im Irak, wurde bei einem US-amerikanischen Drohnenangriff in Bagdad zusammen mit dem iranischen Generalmajor Qassem Soleimani und fünf weiteren Menschen im Januar getötet.

Die New York Times schießt nicht aus, dass der Anschlag mit der kurzen Meldung der Schießerei Anfang August in den iranischen Medien zusammenhängen könnte: Die gezielte Tötung der Gegner, die durch zwei bewaffnete Männer auf einem Motorrad durchgeführt worden sei, entspreche dem Muster früherer israelischer Attentate auf iranische Atomwissenschaftler. Dass Israel einen hochrangigen Vertreter der Hisbollah töten würde, der sich auf Kampf gegen Israel eingeschworen habe, schien ebenfalls glaubwürdig zu sein. Dennoch bleibt der Autor des Berichts bei seiner Behauptung und kommentiert weiter, dass die wahre Identität der gemeldeten Opfer im August von Teheran verschleiert worden sei. 

Das Attentat und der Bericht der New York Times wurden bislang von den USA und Israel nicht bestätigt. Die al-Qaida-Führung nahm zudem bislang nicht Stellung zur mutmaßlichen Ermordung ihres Mitglieds Anfang August in Teheran. Israelische Kommentatoren sehen darin jedoch ein Signal an den künftigen US-Präsidenten Joe Biden, meldete die Neue Zürcher Zeitung. Seit Bidens Wahlsieg spekulieren israelische Medien über mögliche Überraschungen, solange Donald Trump noch im Amt ist. In diesem Zusammenhang machen Berichte die Runde, dass Biden einen neuen Kurs im Nahen Osten fahren, zum Iran-Atomabkommen zurückkehren und Sanktionen gegen das Land schrittweise aussetzen wolle. 

Vor der Wahl hatten sich zudem die politischen Führungen der arabischen Golfstaaten für den Fall eines Führungswechsels im Weißen Haus besorgt gezeigt. Donald Trump befürwortete zwei Jahre lang auf Geheiß Saudi-Arabiens und Israels den Ansatz des "maximalen Drucks" auf den Iran. Saudi-Arabien forderte kürzlich zu einer "entschlossenen Haltung" gegenüber dem Iran auf. Trumps verbleibende Amtszeit ist kurz, aber die Chancen auf eine letzte Konfrontation zwischen den USA und dem Iran womöglich hoch. Der mutmaßliche Anschlag auf einen al-Qaida-Führer in Teheran, dem der Iran Schutz gewährt haben soll, stellt eine neue Etappe auf dem gefährlichen Weg zur direkten Konfrontation zwischen dem Iran und den USA bzw. Israel in den verbleibenden zwei Monaten von Trumps Amtszeit dar.

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