Deutschland

Relotius-Affäre und kein Ende: SPIEGEL feuert den Ex-Chef des Fälschers

Die Affäre um den Fälscher Claas Relotius zieht beim Spiegel immer weitere Kreise: Sein Ex-Chef im Ressort "Gesellschaft" wurde entlassen. Gegen die Kündigung reichte Matthias Geyer Klage vor dem Hamburger Arbeitsgericht ein, zog sie aber mittlerweile zurück.
Relotius-Affäre und kein Ende: SPIEGEL feuert den Ex-Chef des FälschersQuelle: www.globallookpress.com

An heutigen Dienstag sollte es dort zur Güteverhandlung kommen. Am gestrigen Montag erreichte die zuständige Kammer das Schreiben von Geyers Anwalt, dass man auf das Verfahren verzichte. Das Nachrichtenmagazin und der langjährige Vorgesetzte von Claas Relotius hätten sich außergerichtlich auf einen Vergleich geeinigt, berichtet die Berliner Morgenpost. Laut Bericht soll der 57-Jährige in den Vorruhestand gehen. Das deutsche Arbeitsrecht sieht bei jeder Kündigungsschutzklage zunächst einen solchen Gütetermin vor, bei dem sich beide Parteien noch vor der eigentlichen Hauptverhandlung auf einen Vergleich einigen können.

Über Geyers Entlassung hatte zuerst ein Medienjournalist der Funke Mediengruppe berichtet. Eine Sprecherin des Spiegel sagte auf Anfrage gegenüber der Süddeutschen Zeitung, dass sich der Verlag zu "vertraulichen Personalfragen nicht öffentlich" äußere. Geyer war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Geyer war von 2006 bis 2019 Leiter des "Gesellschaftsressorts", das aus dem eingestellten Magazin Spiegel Reporter hervorgegangen war, und somit Vorgesetzter von Claas Relotius. Wie im Dezember 2018 bekannt wurde, hatte der Redakteur jahrelang viele seiner Texte gefälscht oder manipuliert. Geyer verzichtete im Zuge der Aufklärung durch eine Kommission auf den Posten des "Blattmachers", für den er ursprünglich unter dem neuen Chefredakteur Steffen Klusmann vorgesehen war. Stattdessen wurde er zum "Redakteur für besondere Aufgaben" ernannt.

Vorwurf an Geyer: Zweifel an den Artikeln von Relotius nicht ernst genug genommen

Die Rolle Geyers und Ulrich Fichtners, ebenfalls ein ehemaliger Leiter des "Gesellschaftsressorts", war Teil des Aufklärungsberichts der dreiköpfigen Untersuchungskommission, der Ende Mai vorgestellt wurde. Geyer war unter anderem vorgeworfen worden, dass er Zweifel an Relotius' Artikeln nicht ernst genug genommen habe. Außerdem habe er trotz zahlreicher Indizien für Fälschungen zu lange an seinem Mitarbeiter festgehalten. Für einige seiner Reportagen war Geyer unter anderem mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis (2004) und dem Henri-Nannen-Preis (2008) ausgezeichnet worden.

In der Spiegel-Redaktion gibt es zurzeit noch eine weitere Baustelle: Die geplante Ernennung des Redakteurs Rafael Buschmann zum Leiter des "Investigativteams" ist im eigenen Haus heftig umstritten. Denn auch über Buschmann schweben Fälschungsvorwürfe. Es geht um einen Artikel Buschmanns, der vor fünf Jahren während der Fußball-WM in Brasilien erschienen war. Ein berüchtigter Wettbetrüger soll ihm im Facebook-Chat den Ausgang des Spiels Kamerun – Kroatien (0:4) richtig vorhergesagt und so Manipulationsvorwürfe untermauert haben. Später dementierte der Betrüger jedoch und behauptete, die Konversation mit Buschmann habe erst nach dem Spiel stattgefunden.

Mehr zum ThemaDer SPIEGEL und der Kampf um die Auflage: Ein historisches Kiosk-Tief jagt das nächste