Deutschland

Gefühlte Unsicherheit: Traut sich Berlins Polizeipräsidentin nicht zum Joggen aufs Tempelhofer Feld?

Die Berliner Polizeipräsidentin lobte in einem Interview die Sicherheitslage in der Stadt. Ihr Ziel sei es, nun auch die "gefühlte Sicherheit" zu verbessern. Polizisten warfen ihr daraufhin vor, sich selbst nicht zum Joggen aufs Tempelhofer Feld zu trauen.
Gefühlte Unsicherheit: Traut sich Berlins Polizeipräsidentin nicht zum Joggen aufs Tempelhofer Feld?Quelle: Reuters © Fabrizio Bensch

Die Berliner Polizeipräsidentin Barbara Slowik hat Zeit Online ein selbstbewusstes, manche würden sagen, selbstgefälliges Interview gegeben. Darin beschreibt sie die objektive Sicherheitslage in Berlin als sehr gut:

Die Kriminalitätszahlen von 2017 sind im Zehnjahresvergleich hervorragend. Wir haben ganz erstaunliche Rückgänge in Bereichen, die die Bevölkerung direkt betreffen, Wohnungseinbruch und Taschendiebstahl etwa. Die Wahrscheinlichkeit, in Berlin Opfer einer Straftat zu werden, ist so niedrig wie zuletzt 1998. 

Slowik berichtet von Verbesserungen in vielen Bereichen. Auch bei der Aufarbeitung des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz sieht die Präsidentin ihre Behörde auf einem guten Weg:

Ich bin der Auffassung, dass wir umfassend aufarbeiten, auch in den Untersuchungsausschüssen. 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus meiner Behörde sind nach wie vor ausschließlich mit der Aufarbeitung beschäftigt.

Auf den Einwand der Interviewenden, dass das Landeskriminalamt erst zwei Jahre nach dem Anschlag eingeräumt habe, V-Leute im Umfeld des Attentäters gehabt zu haben und in der Öffentlichkeit der Eindruck entstehe, die Polizei folge einer Salamitaktik, legt Slowik nach:

Ich bin wirklich der Ansicht, dass wir umfassend aufklären. Aus meiner Sicht ist jetzt alles auf dem Tisch.

Als verbleibendes Problemfeld benennt Slowik den Kfz-Diebstahl, als Problemgebiete den Görlitzer Park und die Warschauer Brücke. Die Polizeipräsidentin lobt ausdrücklich die Öffentlichkeitsarbeit der Berliner Polizei. Diese sei Vorreiter in den sozialen Medien und "wir sind wahrscheinlich die ersten, die Influencer-Marketing einsetzen". Ein Youtuber mit vielen Fans stelle auf seinem Kanal den Polizeiberuf vor:

Er verkauft, wie cool und lässig es ist, bei der Polizei Berlin zu arbeiten. Diese drei Videos hatten zusammen drei Millionen Klicks. 

Slowik kritisiert in dem Gespräch die Medien. Diese berichteten immer gerne und ausführlich über Gewalt, nicht aber über das erfolgreiche Vorgehen der Polizei dagegen. Als Beispiel nennt sie den Alexanderplatz, wo man "durch die neue Polizeiwache und eine Ermittlungsgruppe" einen "beeindruckenden Wandel" erreicht habe, über den aber kaum berichtet werde.

Als ihre Hauptaufgabe nennt Slowik in dem Interview die Herstellung "gefühlter Sicherheit". Die von ihr beklagte "gefühlte Unsicherheit" entspreche nicht der tatsächlichen Bedrohungslage, sondern sei Folge der verzerrenden Berichterstattung und den Veränderungen in der Stadt. Am Hardenbergplatz, laut Slowik kein besonders kriminalitätsbelasteter Ort, habe sie eine mobile Wache stationiert, die den Menschen das Gefühl von Sicherheit vermittle.

Slowiks Interview hat ein Nachspiel in den sozialen Netzwerken gefunden. Die Personalvertretung "Unabhängige in der Polizei" kritisierte Slowik in einem inzwischen gelöschten Tweet. Diese schwadroniere öffentlich von gefühlter Sicherheit, habe aber Angst, auf dem Tempelhofer Feld, direkt neben dem Präsidium, joggen zu gehen. Über den Twitter-Account der Berliner Polizei ließ die Polizeipräsidentin diese Behauptungen als "Schwachsinn" dementieren. 

"Unabhängige in der Polizei" wies wiederum dieses Dementi zurück.

Doch der Checkpoint-Newsletter des Tagesspiegel bestätigt die Behauptung der Personalvertretung und berichtet unter Berufung auf Polizisten, dass Slowik in kleiner Runde geäußert habe, dass ihr das Tempelhofer Feld zu unsicher sei und sie Angst habe, ihr passiere dort etwas.

Entweder hat Berlin also doch ein gravierendes Sicherheitsproblem oder aber die Polizeipräsidentin sollte mit der Herstellung der "gefühlten Sicherheit" bei sich selbst anfangen.

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