Deutschland

Statistisches Bundesamt: Reallöhne sinken wegen Inflation um 4,4 Prozent

Bereits das dritte Jahr in Folge müssen deutsche Beschäftigte einen Reallohnverlust hinnehmen. Und obwohl die Löhne durchschnittlich um 2,9 Prozent gestiegen sind, fällt das reale Minus infolge der Energiekrise in diesem Jahr noch größer aus. Droht uns nun eine Lohn-Preis-Spirale?
Statistisches Bundesamt: Reallöhne sinken wegen Inflation um 4,4 ProzentQuelle: Gettyimages.ru © NurPhoto

Die anhaltend hohe Inflation in Deutschland hat im zweiten Quartal 2022 trotz der Lohn- und Gehaltssteigerungen erneut zu einem Rückgang der Reallöhne geführt. Das teilte das Statistische Bundesamt am Freitag auf seiner Website mit. Zwar waren die Löhne einschließlich Sonderzahlungen nach Berechnungen der Behörde im zweiten Quartal 2022 um 2,9 Prozent höher als noch ein Jahr zuvor. Allerdings stiegen die Verbraucherpreise in demselben Zeitraum um 7,6 Prozent, was in der Bilanz eine Reallohneinbuße von 4,4 Prozent ergibt.

Bereits im ersten Quartal des laufenden Jahres waren die Reallöhne um 1,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal gesunken. Somit hat die Inflation den Nominallohnanstieg auch im zweiten Quartal mehr als aufgezehrt. So hatten Deutschlands lohnabhängig Beschäftigte in den vergangenen Monaten zwar insgesamt mehr Geld in der Tasche. Im Vergleich zum Vorjahr konnten sie sich damit jedoch weniger Waren kaufen. Das heißt, trotz etwaiger Lohnerhöhungen sind die Lohnabhängigen in Deutschland ärmer geworden. 

Ökonomen fordern deshalb eine Anpassung der Löhne. "Nur höhere Löhne und Sozialleistungen können nachhaltig den Schaden für Menschen mit mittleren und geringen Einkommen kompensieren", sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Marcel Fratzscher im Juni vor einem Treffen mit dem Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD). Daneben bräuchte es mehr steuerliche Entlastungen und höhere soziale Leistungen für Menschen mit mittleren und geringen Einkommen.

Bereits in den beiden gerade erst zurückliegenden Jahren mussten die Beschäftigten in Deutschland angesichts der bereits damals hohen Teuerungsrate empfindliche Reallohnverluste hinnehmen. Zuvor war es über viele Jahre hinweg hingegen zu deutlichen Lohnzuwächsen gekommen. Im ersten Corona-Jahr 2020 aber stand einer positiven Lohnentwicklung vor allem der vermehrte Einsatz von Kurzarbeit im Wege – die Reallöhne sanken somit um 1,1 Prozent. Im folgenden Jahr 2021, dem zweiten Corona-Jahr, sanken die Reallöhne wegen steigender Verbraucherpreise dann erneut leicht. Jedoch lediglich noch um 0,1 Prozent.

Im Juli 2022 lag dann die Inflation in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts trotz etwaiger staatlicher Entlastungen mit 7,5 Prozent weiterhin rekordverdächtig hoch. Im Juni waren die Verbraucherpreise gegenüber dem Vergleichsmonat des Vorjahres sogar um 7,6 Prozent gestiegen und im Mai um 7,9 Prozent. Angeheizt wird die Teuerungsrate in Europas größter Volkswirtschaft derzeit vor allem durch stark steigende Energie- und Lebensmittelpreise, die das Ergebnis der westlichen Sanktionspolitik gegen Russland sind. 

Und ein Ende der Preissteigerungen ist nicht in Sicht: Ökonomen rechnen ab September mit weiter anziehenden Teuerungsraten, auch weil der Tankrabatt und das Neun-Euro-Ticket zum Ende August am Mittwoch auslaufen. Mögliche nachfolgende Entlastungspakete sind bisher noch nicht beschlossen. In diesem Zusammenhang gab der Bundesbank-Chef Joachim Nagel zu Beginn der vergangenen Woche eine düstere Prognose ab: Deutschland drohe im Herbst eine Inflationsrate von mehr als zehn Prozent. "Zweistellige Inflationsraten wurden in Deutschland das letzte Mal vor über siebzig Jahren gemessen."

Das größte Inflationsrisiko sei nach Angaben der Bundesbank die Lage auf dem Arbeitsmarkt. Denn von dort droht durch die bereits angekurbelte Lohn-Preis-Spirale eine "Verfestigung der Inflation" in der gesamten Wirtschaft, warnen die Ökonomen in ihrem Monatsbericht. "Aufgrund der angespannten Arbeitsmarktlage in einigen Industrieländern könnten zudem kräftige Lohnsteigerungen zu unerwünschten Zweitrundeneffekten führen." Die "Zweitrundeneffekte" würden dabei den Start der gefährlichen Lohn-Preis-Spirale markieren.

Doch was ist eine Lohn-Preis-Spirale?  Darunter versteht man eine meist durch Preissteigerungen begründete Lohnsteigerung, die ihrerseits wieder die Inflation verstärken könnte, weil die Unternehmen bei damit einhergehenden Lohnstückkosten zu deren Deckung in Form einer Preiserhöhung wieder an die Verbraucher abgeben. Das wiederum löst neue Gehaltsforderungen und -erhöhungen aus. Die "Spirale" dreht sich.

Dieser Effekt habe laut Bundesbank bereits eingesetzt. Dem Monatsbericht zufolge seien die Tarifabschlüsse im zweiten Quartal 2022 bereits höher ausgefallen als zuvor. Diese blieben aber noch "deutlich hinter der Steigerungsrate der Verbraucherpreise zurück", heißt es in dem Bericht. "Der anhaltende Kaufkraftverlust wegen der hohen Inflation wird in den anstehenden Lohnverhandlungen aber voraussichtlich an Bedeutung gewinnen. Auch aufgrund der zunehmenden Engpässe bei geeigneten Arbeitskräften zeichnet sich ein höherer Lohndruck ab", so die Ökonomen. Für die Bundesbank steht deshalb fest: "Die Gewerkschaften streben mindestens einen Ausgleich für die hohen Inflationsraten an."

Behält die Bundesbank mit ihrer Prognose recht, könnte die Dynamik auf Dauer eine Minderung der Kaufkraft und im schlimmsten Fall gar einen Zusammenbruch der Wirtschaft zur Folge haben.

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