Deutschland

Sängerin Julia Neigel berichtet über Suizide in der Kulturbranche wegen Corona-Maßnahmen

Die Musik- und Kulturbranche hat es in den zurückliegenden zwei Jahren hart getroffen. Fehlende Auftrittsmöglichkeiten, keine Chance auf Künstlerpromotion, geschlossene Theater und Varietés. Julia Neigel vermittelt einen Eindruck über die massiven Auswirkungen auf die Branche.
Sängerin Julia Neigel berichtet über Suizide in der Kulturbranche wegen Corona-MaßnahmenQuelle: Gettyimages.ru © ullstein bild / Kontributor

Annähernd alle Berufsgruppen leiden unter den Verordnungen und Maßnahme-Regelungen in der Coronakrise. Die Veranstaltungsbranche gilt als sechstgrößter Wirtschaftszweig Deutschlands, mit ungefähr einer Million Beschäftigten. Neben den Künstlern und Musikern müssen auch die im Hintergrund agierenden Bühnen- und Backstage-Mitarbeiter und Angestellte im Veranstaltungswesen dazu gezählt werden. Die Musikerin Julia Neigel erläutert in einem aktuellen Interview mit der Augsburger Allgemeinen, wie die deutsche Corona-Krisenpolitik die Kultur akut bedroht und zusehends nachhaltig zerstört. Die aktuellen Grundrechtseinschränkungen hält sie für unangemessen. Sie gilt als eine der wenigen lauten Stimmen dieser Branche, die sich eindeutig gegen die Maßnahmen positioniert und dies in der Öffentlichkeit auch dementsprechend vertritt.

Zu Beginn des Interviews betont Julia Neigel, dass sie die Diskussion um das Virus ausklammere. Es sei für sie "logisch, dass dagegen etwas getan werden muss. Das ist keine Frage." Sie kritisiert jedoch, dass seit dem Beginn der Maßnahmen seitens der Politik keinerlei Perspektiven für die Kulturbranche benannt wurden. Dadurch hätten sich jegliche Planungssicherheiten, die für diesen Berufszweig elementar sind, als illusorisch herausgestellt:

"Als dann uns aber falsche Versprechungen gemacht wurden, etwa, der Lockdown dauere nur wenige Monate, keiner verlöre seine Arbeit, aber diese Monate für uns Musiker mit wenigen Unterbrechungen immer weiter verlängert wurden und nun quasi zwei Jahre andauern, ohne uns eine Perspektive oder einen angemessenen wirtschaftlichen Ausgleich zuzusichern, ist mein Verständnis aufgebraucht." 

Sie erklärt, dass die künstlerische Arbeit, aber auch die Organisation eines Konzerts oder einer Tournee "nicht mit einem Ladengeschäft" verglichen werden könne, "das an dem einen Tag die Tür zumacht und an dem anderen wieder öffnet." Der Vorlauf für die Organisation von Konzerten betrage über ein Jahr. Dazu benötigten die Agenturen und  die Künstler Planungssicherheit, die jedoch seit März 2020 vollkommen fehlen würde und nach ihrer Einschätzung "für mindestens zwei Jahre noch Probleme machen wird."

Aufgrund der hohen Quote an Freiberuflern und Selbstständigen sei dadurch ein immenser wirtschaftlicher und existentieller Druck in der Szene entstanden, auf den die Politik in den jeweiligen Bundesländern zudem unterschiedlich reagiert habe. Neigel erklärt das Problem am Beispiel ihrer Band:

"Meine Band besteht aus Künstlerkollegen, die in sieben verschiedenen Bundesländern wohnen. Die meisten haben die Kollegen im Regen stehen lassen. Baden-Württemberg hat reagiert. Dort gab es eine Unterstützung. Dann konnten sie damit wenigstens ihre Miete zahlen, aber trotzdem fehlte ihnen Geld zum Leben. Aber in anderen Bundesländern, wie zum Beispiel Rheinland-Pfalz, war es dramatisch. Die haben bis November 2020 Künstlern keinen wirtschaftlichen Schaden bezahlt."

Der Bund, so Neigel, habe sich darauf berufen, dass "Kultur Ländersache sei. Die Länder haben sich darauf berufen, dass der Bund nicht will, dass freischaffende Künstler genauso wie Gewerbetreibende oder Unternehmen wirtschaftlich gleich behandelt werden." Eine fatale Politik für hunderttausende Menschen im Land, da individuelle Biografien dadurch zerstört wurden. Sie allein schon wüsste von zwölf Einzelschicksalen aus ihrer Region, die den Ausweg aus dieser fatalen Situation nur noch im Selbstmord fanden. Neigel befürchtet:

"Es sind sicher noch viele mehr. Menschen, die sich aus purer Verzweiflung das Leben genommen haben, weil sie wirtschaftlich vor dem Aus standen. Ich habe dargelegt, was es für uns Kulturschaffende bedeutet, praktisch einem Berufsverbot ausgesetzt zu sein, wenn es auf der anderen Seite aber keine Entschädigung gibt. Einige Verantwortliche, die jeden Monat eine üppige Diät erhalten, können sich scheinbar nicht vorstellen, wie Menschen ohne Einnahmen ein dreiviertel Jahr überleben sollen. Was ich an dieser Stelle vermisste, war Empathie und Menschlichkeit."

Julia Neigel kämpft seit zwei Jahren für ihre Branche, auch direkt bei der Politik spricht sie vor. So schrieb sie mit Kollegen offene Briefe an zuständige Ministerien, aber "auch an alle Kulturminister und alle Wirtschaftsminister aller Bundesländer", um die  kritische Situation darzulegen.

Die Branche startete im Jahre 2020 das Projekt #SangUndKlanglos im Rahmen der Initiative "Alarmstufe Rot". Unter dem Hashtag gingen über 30.000 Künstler in den Ausstand und versuchten über Livestreams auf unterschiedlichen Social-Media-Plattformen ein Notsignal in Richtung der Bundesregierung zu übermitteln.

Von Beginn der sich formierenden Protestbewegung in Deutschland an betonte ein Großteil der deutschen Künstler und Aktivisten, wenig Probleme mit den Maßnahmenkatalogen der Bundesregierung zu haben, auch in Verbindung mit der fortdauernden Impfpflicht-Diskussion. Erinnert sei demgegenüber an die vehemente Diskussion zur Person Nena oder Xavier Naidoo, die sich von Beginn an eindeutig regierungskritisch positionierten. So initiierte im August 2021 die Band Die Ärzte die Kampagne #impfenschützt, der sich auch umgehend Die Toten Hosen, Beatsteaks, Tocotronic, Element of Crime und Silbermond anschlossen. Die Gründe für diese Aktion finden sich auch weiterhin auf der Webseite der Band Die Ärzte:

"Ein kleiner Schritt für jeden von uns, ein großer Schritt für die Gesellschaft – damit es nicht mehr so lange dauert, bis auch wieder Konzerte, Club- und Theaterbesuche unter normalen Bedingungen möglich sind. Damit wir uns endlich wieder entspannt umarmen und miteinander feiern können. Damit das Leben weitergeht."

Neigel sagt über die wenigen Reaktionen auf ihre Aktivitäten, die seitens der Politik erfolgten:

"Der Staatssekretär von Herrn Altmaier hat als Einziger sinngemäß geantwortet: Wir müssten jetzt alle solidarisch zusammenhalten und wir müssten jetzt unser Deutschland schützen. Darüber war ich wütend. Solidarität ist ja keine Einbahnstraße und heißt auch, dass man eine ganze Berufsgruppe vor der Existenzvernichtung schützen muss. Ich habe mich auf Artikel 15, Absatz 1, 2 und 3 des Kulturpaktes 1 berufen, die menschenrechtlich gesicherte kulturelle Teilhabe aus dem Völkerrecht. Der Staat hat dafür zu sorgen, dass die materiellen und immateriellen Interessen von Künstlern durchgesetzt und gefördert werden. Zugleich stellt aber die Kultur auch eine Daseinsvorsorge dar, die zum Grundrecht der Menschen gehört."

Daraufhin wurde sie zumindest als Sachverständige im Sommer 2020 in den Kulturausschuss im Bundestag eingeladen. 

Nach den Diskussionen und der erhöhten Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, habe es immerhin bundesweit flächendeckende November- und Dezemberhilfen finanzieller Art gegeben, und später die Möglichkeit für Veranstalter, Zuschüsse zu beantragen, um die Verluste durch reduzierte Zuschauergrößen auszugleichen. Das aktuelle Problem schaue aber so aus, dass nun die Finanzämter von Kulturschaffenden genau diese Entschädigungen wieder zurückfordern. Und das, obwohl sich die Situation nur geringfügig verbessert habe. "Das geht so nicht", erklärt Neigel in dem Interview.

Auf eine persönliche Einschätzung zu der gesamten Corona-Krisenpolitik angesprochen, erwidert die Künstlerin, dass  sie diese medizinisch für "nicht logisch" halte und diese Politik zudem viele Menschen "benachteiligen" würde. Sie bezeichnet die aktuellen Grundrechtseinschränkungen als "widersprüchlich und unangemessen", gerade auch mit Blick nach Dänemark, Schweiz, Finnland und England. Neigel stellt fest:

"In diesen Ländern gibt es auch demokratisch legitimierte Regierungen, die ihre Bevölkerung schützen. Trotzdem lassen sie das kulturelle Leben am Leben. Es geht wohl eher um politisch motivierten Impfzwang und nicht mehr um vernünftige Entscheidungen zum Wohl der Gesellschaft."

Corona werde ihrer Meinung nach "beinahe fanatisch politisiert" und dabei mit "dialektischer Eristik agiert." Sachlich über Grundrechte, Menschenrechte oder die Fakten zu reden sei inzwischen beinahe unmöglich. Sobald sich jemand ansatzweise kritisch geäußert oder Fragen gestellt habe, sei diese Person diffamiert worden, "obwohl sie die Wahrheit sagte." Ihr Fazit:

"Die Kultur ist ein wichtiger, ausgleichender Faktor für die mentale Gesundheit einer Gesellschaft, sowohl psychologisch als auch sozialgesellschaftlich. Sie hat eine wichtige Reflexionsaufgabe innerhalb der Gesellschaft und vereint Menschen. Was da in den vergangenen beiden Jahren an Kollateralschaden unter massiver Einschränkung unser aller Grundrechte für Wirtschaft und Gesellschaft erzeugt wurde – vor allem im Vergleich zu anderen europäischen Ländern –, diese Restriktionen sind nicht tragbar und müssen beendet werden. Ich hätte nie gedacht, dass uns Künstlern, aber auch der Gesellschaft in Deutschland in einer Demokratie so etwas passieren könnte." 

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