Deutschland

Stagnierende Quote – Ärztechef fordert "komplette Neuaufstellung" der Corona-Impfkampagne

Bereits vor Monaten war die Impfkampagne der Bundesregierung angelaufen. Dennoch erreichte die Impfquote bis jetzt nicht die gewünschten Höhen. Nun soll frischer Wind in die stockende Kampagne gebracht werden, um noch unentschlossene Menschen für die Impfung zu gewinnen. Die Zeit dränge, denn es stehe eine "fulminante" vierte Welle bevor.
Stagnierende Quote – Ärztechef  fordert "komplette Neuaufstellung" der Corona-ImpfkampagneQuelle: www.globallookpress.com

Am Mittwoch warnte der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI) Lothar Wieler vor einem "fulminanten" Verlauf der bereits seit Wochen angekündigten sogenannten vierten Welle. Zeitgleich hat die Bundesregierung ein Problem identifiziert: Lediglich 61,7 Prozent der Gesamtbevölkerung haben sich bereits zweimal gegen den Virus SARS-CoV-2 impfen lassen. Damit ist Deutschland immer noch weit entfernt vom mittlerweile selbst sehr hoch gesteckten Ziel einer Impfquote von bis zu 90 Prozent. Denn die Impfkampagne stockt.

Ärztepräsident Klaus Reinhardt fordert deshalb einen völligen Neustart. Viele Ungeimpfte seien gar keine überzeugten Impfverweigerer, erklärte der Präsident der Bundesärztekammer der dpa:  

"Um diese Unentschlossenen zu erreichen, muss die Impfkampagne in Deutschland komplett neu aufgestellt werden."

Die Aufforderung "Ärmel hoch" habe anfangs etwas genützt. Nun sehe die Situation allerdings anders aus. Unter dem Hashtag #ÄrmelHoch hatten nach US-Vorbild Teile der deutschen TV-Elite – die sogenannten "Impfluencer" – für eine Corona-Impfung geworben. Die entsprechende Kampagne begann Ende 2020 mit einem stolzen Budget von insgesamt 25 Millionen Euro.

Nun seien neue kreative Konzepte für die Impf-PR gefragt, um auch den noch ungeimpften Bevölkerungsteils wirklich zu erreichen, meint Reinhardt.

"Jetzt aber brauchen wir viel zielgenauere Kommunikationsmaßnahmen und niedrigschwellige Impfangebote."

Die Impfquote sei in ganz Deutschland zu niedrig, insbesondere gelte dies für die östlichen Bundesländer, präzisiert Reinhardt die Sorgen der Bundesärztekammer. Das sei mit Blick auf den Herbst und Winter bedenklich.

Vom kommenden Montag an will die Bundesregierung nun mit einer bundesweiten Aktionswoche frischen Schwung in die Angelegenheit bringen. Gemeinsam mit den Ländern ruft sie dazu auf, an möglichst vielen Orten leicht wahrnehmbare Angebote zu machen – etwa in Sportvereinen, bei der Freiwilligen Feuerwehr, in Apotheken oder Mehrgenerationenhäusern. Das klare Motto könne sein: "Hier wird geimpft." Durch die Angebote der entsprechenden Internetseite sollen die Bürger schneller ans Ziel kommen.

"Wo finden Impfaktionen statt? Das wollen wir mit #HierWirdGeimpft möglichst breit sichtbar machen. Hier zeigen wir Ihnen eine Auswahl an Impfaktionen, in der Deutschlandkarte weiter unten finden Sie weitere Angebote."

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) zeigt sich jedoch zweifelnd gegenüber dem neuen Ansatz, nun immer noch niedrigschwelligere Angebote zu machen. Man habe doch bereits sehr "viel Aufklärungsarbeit geleistet":

"Ich komme jetzt an einen Punkt, wo ich denke, vielleicht haben wir das, was wir machen können als Politik, auch ausgereizt."

Der Präsident des Deutschen Kinderhilfswerks Thomas Krüger forderte von allen Erwachsenen, sich aus Rücksicht auf die nicht impfbaren Kinder eine schützende Spritze geben zu lassen. Gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung zeigte er sich überzeugt:

"Es ist vollkommen rücksichtslos, sich nicht impfen zu lassen."

Den Kindern sei in den vergangenen Monaten durch die Schließungen von Schulen und Kitas sehr viel abverlangt worden, um die Älteren zu schützen. Jetzt müsse die Rücksichtnahme in die andere Richtung gehen, argumentierte Krüger.

Der Direktor der Virologie am Universitätsklinikum Essen Ulf Dittmer warnte wieder vor einer Überlastung der Intensivstationen. So sagte er gegenüber der Rheinischen Post:

"Wir machen uns langsam das Gesundheitssystem kaputt."

Dittmer meinte damit jedoch nicht den fortschreitenden Abbau intensivmedizinischer Kapazitäten. In seiner Klinik liege die Zahl der "Kranken mit schweren Symptomen bei 23. Davon seien 20 ungeimpft, der Jüngste sei 20 Jahre alt. Dittmer forderte deshalb eine Diskussion über die Impfpflicht: "Darüber müssen wir reden." Schon jetzt gebe es in Nordrhein-Westfalen keinen freien Platz mehr für die Behandlung mit einer Herz-Lungen-Maschine.

Ungeachtet dessen wurden in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder Vorwürfe laut, wonach in Deutschland womöglich mehr Fälle als COVID-19-Patienten auf der Intensivstation behandelt wurden als nötig war. So erklärte etwa der Anästhesist und Palliativmediziner Matthias Thöns Ende Juni gegenüber der Welt am Sonntag, dass von Februar bis Mitte Juni 5.157 Versicherte der DAK-Krankenversicherung wegen COVID-19 auf der Intensivstation behandelt worden wären. Von diesen seien demzufolge 81 Prozent beatmet worden:

"Der sehr hohe Anteil an Beatmung lässt sich nicht allein mit intensivmedizinischer Notwendigkeit erklären."

Bereits Anfang Juni sorgte auch ein interner Bericht des Bundesrechnungshofs (BRH) für Aufsehen. Nach Einschätzung dieser obersten Bundesbehörde als unabhängiges Organ der Finanzkontrolle hätte das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) der Manipulation der Belegungszahlen von Intensivbetten während der vergangenen Monate Tür und Tor geöffnet.

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