Deutschland

Mainzer Studie: 42 Prozent der Betroffenen haben ihre Corona-Infektion nicht bemerkt

Das RKI ging bisher von viel zu geringen Corona-Infektionen in Deutschland aus. Eine Studie der Universitätsmedizin Mainz zeigt auf, dass sich bedeutend mehr Menschen unbemerkt mit dem Coronavirus infiziert haben sollen. Dadurch würde sich auch die prozentuale Infektionssterblichkeit verringern.
Mainzer Studie: 42 Prozent der Betroffenen haben ihre Corona-Infektion nicht bemerkt© Julia Cebella

Die Dunkelziffer bei Coronavirus-Infektionen ist offenbar deutlich höher, als es das Robert Koch-Institut (RKI) bisher geschätzt hatte, wie die Welt berichtet. Die am Mittwoch vorgestellte, seit Herbst 2020 laufende "Gutenberg COVID-19 Studie" der Universitätsmedizin Mainz kam zu dem Ergebnis, dass fast die Hälfte aller Infizierten, 42 Prozent der Betroffenen, keine Notiz von ihrer Infektion nahmen. Die Resultate der Wissenschaftler ergaben, dass rund 6,3 Prozent der Bevölkerung im Verlauf der von der WHO ausgerufenen Pandemie mit dem SARS-CoV-2-Virus infiziert waren.

Das RKI hat bis zum Mittwoch über 3,7 Millionen mittels PCR-Test nachgewiesene positiv auf das Coronavirus getestete Menschen registriert. Das entspricht etwa 4,5 Prozent der Bevölkerung. Über 91.000 starben mit oder an dem Virus, das entspricht einer Sterblichkeitsquote von 2,46 Prozent. Nimmt man die Resultate der Gutenberg-Studie zur Kenntnis, würde die Fallsterblichkeit somit deutlich unter 2 Prozent sinken, weil die Dunkelziffer der Infizierten entsprechend höher ist. 

Bereits im Oktober ging eine Studie der Universität Stanford davon aus, dass schon damals zehn Prozent der Weltbevölkerung mit SARS-CoV-2 infiziert waren – und so die Infizierten-Sterblichkeit bei 0,15 bis 0,2 Prozent läge. Auf Deutschland können diese Zahlen u. a. wegen seiner überalterten und somit anfälligeren Bevölkerung aber nicht 1:1 übertragen werden.

Der Studienleiter der Gutenberg COVID-19 Studie, Univ.-Prof. Dr. Philipp Wild, sagte am Mittwoch in Mainz, wo auch der Impfstoff-Hersteller BioNTech seinen Sitz hat:

"Zu zehn Personen, die wissentlich infiziert sind, müssen rund acht Personen hinzugerechnet werden, die unwissentlich infiziert sind."

Das Robert Koch-Institut hatte von Ende Januar 2020 bis einschließlich Dienstag bundesweit bei rund 4,5 Prozent der Menschen mittels PCR-Test SARS-CoV-2-Infektionen archiviert.

Männer sind der Studie zufolge mit 44,2 Prozent im Vergleich zu Frauen (40,6 Prozent) häufiger unwissentlich mit SARS-CoV-2 infiziert, das gilt auch für ältere Menschen. Den höchsten Anteil verzeichneten die Forscher erstaunlicherweise bei den 75- bis 88-Jährigen (63 Prozent). In der Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen bemerkte demnach nur ein Drittel ihre Infektion nicht. 

Es hat sich auch herausgestellt, dass Kinder keine "Treiber" der Pandemie sind. Das treffe eher auf besonders große Haushalte zu. 

Die Studie, die 10.250 Probanden umfasste, betont auch die Wichtigkeit und den Nutzen der "AHA-Regel". Malu Dreyer, Ministerpräsidentin des beteiligten Bundeslands Rheinland-Pfalz, welche die Studie in Mainz vorstellte, sagte dazu:

 "Menschen, die häufiger Maske getragen oder sich häufiger an die Abstandsregeln gehalten haben, haben sich im Rahmen der Studie auffällig seltener infiziert. Das bestätigt auch, dass unser Schwerpunkt in Rheinland-Pfalz mit Maske und Co. eine richtige Entscheidung war und mit Sicherheit zur Reduktion der Infektionszahlen deutlich beigetragen hat."

Weiterhin kommen die Forscher zu dem Schluss, dass Menschen mit "niedrigerem sozioökonomischen Status" auch eine niedrigere Impfquote als der Bevölkerungsdurchschnitt aufweisen. Diese sollen fortan direkt und unbürokratisch erreicht werden, um so die Impfquote weiter zu steigern.

Wild resümierte über die Langzeitstudie:

"Wir verfolgen langfristig das Ziel, mit den Analysen zu den Auswirkungen der SARS-CoV2-Pandemie auf die Bevölkerungsgesundheit Ansätze für die Bekämpfung der Infektion zu identifizieren. Unsere Studie bietet hierzu die besondere Möglichkeit, vielschichtige und tief greifende Auswertungen durchzuführen." 

Die Studie beschäftigt sich auch mit dem Verhalten der Menschen in der Krise. Doch die Ergebnisse zu Sport, Alkoholkonsum und Vereinsamung sind noch nicht veröffentlicht. Wild ließ jedoch bereits durchblicken, dass die Krise vorherige Extreme weiter verstärkt habe. In der Konsequenz haben viele weniger Sport getrieben, aber mehr Alkohol getrunken, geraucht und sich einsamer gefühlt. Parallel hätten sich aber auch viele Menschen mehr sportlich betätigt, sich gesünder ernährt und seien als Familie oder Partnerschaft gewachsen.

Mehr zum Thema - Mit Schnelltests zum Dauerlockdown? Wie sich mit "manipulierten Zahlen" die Kurve hochhalten lässt