Deutschland

"Kein Lakritzbonbon": STIKO-Vorsitzender kritisiert Debatte um Corona-Impfung für Kinder

In der Debatte um die Corona-Impfungen für Kinder und Jugendliche in Deutschland läuft manches falsch, findet der Chef der Ständigen Impfkommission, Thomas Mertens. Manche Logik findet er "grenzwertig", manche thematische Verquickung "einen Irrweg".
"Kein Lakritzbonbon": STIKO-Vorsitzender kritisiert Debatte um Corona-Impfung für KinderQuelle: www.globallookpress.com © Jürgen Heinrich via www.imago-images.de

In Sachsen können sich bereits ab dieser Woche Jugendliche ab 14 Jahren um einen Impftermin bemühen. Der SPD-Politiker Karl Lauterbach hatte jüngst gewarnt, dass Deutschland sein Impfziel in der Corona-Krise nur mit einer konsequenten Impfung von Kindern und Jugendlichen erreichen kann. Man schaffe das Ziel von 80 Prozent nicht, "ohne auch die 12- bis 18-Jährigen zu impfen", sagte Lauterbach der Bild am Sonntag. Bei den Jugendlichen sei eine Impfquote von 65 Prozent anzustreben.

Nach einer entsprechenden Empfehlung der Arzneimittel-Agentur EMA erteilte die EU-Kommission am Montag offiziell die Zulassung für die Impfung von Kindern ab zwölf Jahren mit dem Impfstoff von BioNTech/Pfizer. Doch mehrere Mitglieder der Ständigen Impfkommission (STIKO) reagierten bislang zurückhaltend bezüglich dieses Themas. Eine generelle Empfehlung gab es bislang nicht.

Vor wenigen Tagen sagte STIKO-Mitglied Christian Bogdan in den Nürnberger Nachrichten, dass eine Impfempfehlung nicht einfach deswegen ausgesprochen werden könne, "weil es gerade gesellschaftlich oder politisch opportun erscheint". Der Erlanger Immunologe verwies darauf, dass ja die Wirksamkeit zwar nachgewiesen sei, aber "in Sachen Nebenwirkungen fehlen noch ausreichend Daten". Er fügte hinzu: "Die Immunantwort eines Kindes kann anders verlaufen als bei einem Erwachsenen. Deswegen braucht man da mehr Daten."

Vor wenigen Tagen hatte ein weiterer Kommissionsmitglied, der Jugendmediziner Rüdiger von Kries, gegenüber rbb betont, dass STIKO ein autonomes Organ sei. Man arbeite nicht "auf Zuruf des Ministeriums", sondern treffe "Entscheidungen nach Bewertungen der Risiken und des Nutzens".

Nun äußerte sich auch der STIKO-Vorsitzende, Thomas Mertens am Dienstag zum Thema. Mahnende Worte richtete er an die Politik: 

"Den Kindern bietet man ja kein Lakritzbonbon an, das ist ein medizinischer Eingriff, und der muss eben entsprechend indiziert sein."

Entscheidung, ob die STIKO empfehle, alle Kinder zwischen zwölf und 16 Jahren gegen das Coronavirus zu impfen, müsse "auf der besten verfügbaren Evidenzbasis getroffen werden". Die Daten aus der Zulassungsstudie des Herstellers reichten dafür nicht aus. Martens war Gast beim NDR-Podcast "Das Coronavirus-Update" und sprach über das Thema mit der Virologin Sandra Ciesek. Der STIKO-Chef erklärte: 

"Die Zahl der in der Studie geimpften Kinder ist einfach zu gering, um eine belastbare Aussage über die Sicherheit in dieser Altersgruppe zu machen."

Immerhin 1,3 Prozent der 1.100 in der Studie geimpften Kinder hätten schwere Reaktionen gezeigt, fügte Mertens hinzu, der selbst Virologe ist.

Bei der Entscheidung für oder gegen eine Empfehlung müssten aber auch andere Faktoren berücksichtigt werden, etwa das Krankheitsrisiko oder die Frage der Herdenimmunität. Dass Kinder schwer an COVID-19 erkranken, sei "wirklich eine ausgesprochene Rarität", so Mertens weiter. Strittig sei nur die Frage, ob es eine generelle Empfehlung gebe. Dass die STIKO empfehlen werde, Kinder mit Vorerkrankungen zu impfen, "daran kann eigentlich kein vernünftiger Zweifel bestehen".

In der Debatte um die Kinderimpfungen würden viele Argumente "leichthin" ins Feld geführt, kritisierte Mertens. So sei es "nicht besonders sinnvoll", das Thema Schule mit der Impfdebatte zu verknüpfen. Martens erklärte weiter: 

"Die STIKO – und ich glaube auch viele andere vernünftige Leute – halten diese sprachliche Verbindung von Impfung als Voraussetzung für das normale Leben der Kinder für einen Irrweg."

Auch der Nutzen für die Herdenimmunität sei gering: "Man sollte die Hoffnung auf den epidemiologischen Effekt nicht übertreiben." So lange der Impfstoff knapp sei, müsse man sich entscheiden, ob man lieber Jugendliche oder Erwachsene impfe. Die Idee einer großen Schulimpfkampagne nannte Mertens "wirklich von der Logik her meines Erachtens grenzwertig".

Mehr zum Thema - Berliner Corona-Krankenhaus wird geschlossen – mangels Patienten