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Medienbericht: Gemeldete Fälle von häuslicher Gewalt stiegen 2020 um sechs Prozent

Allein die offiziell gemeldeten Zahlen von Opfern häuslicher Gewalt sind 2020 laut Medienberichten in Deutschland im Vergleich zu 2019 um sechs Prozent gestiegen. Caritas und Diakonie befürchten eine deutlich höhere Dunkelziffer. Als Gründe dafür werden die Corona-Maßnahmen und der Lockdown diskutiert.
Medienbericht: Gemeldete Fälle von häuslicher Gewalt stiegen 2020 um sechs ProzentQuelle: Gettyimages.ru © Romolo Tavani / iStock / Getty Images Plus

Die Zahl der Opfer von häuslicher Gewalt durch den Partner oder Ex-Partner ist in Deutschland während der Corona-Krise deutlich gestiegen. Das ergab eine Umfrage der Welt am Sonntag bei Innenministerien und Landeskriminalämtern in den 16 Bundesländern. Demnach sind im vergangenen Jahr 158.477 Opfer polizeilich registriert worden. Das entspricht einem Anstieg von sechs Prozent gegenüber dem Jahr 2019. Zwei Drittel der erfassten Opfer sind Frauen. Die Dunkelziffer dürfte groß sein, da durch die Corona-Maßnahmen der Kontakt zu Hilfseinrichtungen erschwert ist und viele Opfer es nicht wagen, Anzeige zu erstatten.

Den stärksten Zuwachs verzeichnete der Welt zufolge Brandenburg mit einem Plus von 23,7 Prozent. Dahinter kommen Mecklenburg-Vorpommern (plus 16,4 Prozent), das Land Bremen (plus 13,8 Prozent) und Thüringen (plus 12,6 Prozent). Das Saarland und Sachsen meldeten als einzige Bundesländer keinen Anstieg im Jahr 2020. Die absolut höchsten Zahlen kommen aus den bevölkerungsreichsten Bundesländern Nordrhein-Westfalen (32.705 Opfer), Bayern (20.134 Opfer), Niedersachsen (19.847 Opfer) und Baden-Württemberg (13.833 Opfer).

Die Welt listet folgende absolute Zahlen für die einzelnen Bundesländer auf – in Klammern die Relation zum Jahr 2019:

  • Baden-Württemberg: 13.833 Opfer (+ 5,9 Prozent)
  • Bayern: 20.134 Opfer (+ 0,4 Prozent)
  • Berlin: 16.327 Opfer (+ 4,4 Prozent)
  • Brandenburg: 5.073 Opfer (+ 23,7 Prozent)
  • Bremen: 2.767 Opfer (+ 13,8 Prozent)
  • Hamburg: 5.397 Opfer (+ 9 Prozent)
  • Hessen: 9.719 Opfer (+ 9 Prozent)
  • Mecklenburg-Vorpommern: 1.523 Opfer (+ 16,4 Prozent)
  • Niedersachsen: 19.847 Opfer (+ 6,8 Prozent)
  • Nordrhein-Westfalen: 32.705 Opfer (+ 7,9 Prozent)
  • Rheinland-Pfalz: 8.706 Opfer (+ 3,8 Prozent)
  • Saarland: 2.857 Opfer (- 2 Prozent)
  • Sachsen: 7.483 Opfer (- 1,5 Prozent)
  • Sachsen-Anhalt: 4.439 Opfer (+ 8,7 Prozent)
  • Schleswig-Holstein: 5.065 Opfer (+ 3,7 Prozent)
  • Thüringen: 2.602 Opfer (+ 12,6 Prozent)

Das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen hat erwartungsgemäß die höchste Zahl an Opfern von häuslicher Gewalt. Der Anstieg im Vergleich zum Vorjahr beträgt nach offiziellen Angaben 7,9 Prozent. Landesfamilienminister Joachim Stamp (FDP) sieht aufgrund der Corona-Maßnahmen einen zusätzlichen Handlungsbedarf:

"Wir erleben im Lockdown massiv tatsächliche Schäden an Leib und Seelen in den Familien."

Stamp argumentiert, es wäre verantwortungslos, den Kinder- und Familienschutz zu ignorieren. Darum müssten "Kitas und Schulen so schnell wie möglich wieder für alle Kinder geöffnet werden", fordert Stamp.

Baden-Württemberg weist einen Anstieg von 5,9 Prozent im Vergleich zu 2019 aus. Innenminister Thomas Strobl (CDU), derzeit Vorsitzender der Innenministerkonferenz, sagte gegenüber der Welt:

"Gewalt in der Familie ist weder Privatsache noch ein Kavaliersdelikt, das man einfach unter den Wohnzimmerteppich kehren kann. Die Opfer sind der Gewalt in der häuslichen Umgebung oft schutzlos ausgeliefert."

Die Verbände Caritas und Diakonie blicken mit Sorge auf die Entwicklungen. Der Präsident des Deutschen Caritasverbandes, Peter Neher, sorgt sich vor allem um das Dunkelfeld. Er berichtet, für Opfer sei es angesichts von Corona-Maßnahmen schwieriger, Kontakt mit Behörden aufzunehmen, um Anzeige zu erstatten oder Hilfe zu suchen. Neher argumentiert:

"Der Anstieg um sechs Prozent deutet darauf hin, dass die tatsächlichen Fälle überproportional zugenommen haben."

Auch die Diakonie geht von einer hohen Dunkelziffer aus. Maria Loheide, Diakonie-Vorstand für Sozialpolitik, ist sich sicher, dass die Einschränkungen im Rahmen der Corona-Krise "dazu beigetragen haben, dass seltener Hilfe und Unterstützung gesucht wurden und die Zugänge schwieriger waren".

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