Deutschland

Das soll Tierschutz sein? NABU lieferte jahrelang gerettete Krähen an Tübinger Tierversuchslabor

Statt sie zu pflegen, lieferte das NABU-Vogelschutzzentrum in Mössingen (BaWü) über Jahre hinweg gerettete Krähen an ein Tierversuchslabor der Uni Tübingen. An den Vögeln wurden zum Teil tödliche Gehirnexperimente durchgeführt. Der NABU will davon nichts gewusst haben und spricht von "Problemvögeln".
Das soll Tierschutz sein? NABU lieferte jahrelang gerettete Krähen an Tübinger TierversuchslaborQuelle: www.globallookpress.com © Markus Scholz / dpa

Recherchen von der Tierschutzorganisation SOKO Tierschutz haben die jahrelange Praxis eines vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) betriebenen Vogelschutzzentrums in Mössingen (Baden-Württemberg) aufgedeckt, das zahme und geschädigte Krähen an ein Tierversuchslabor der Uni Tübingen lieferte. Dort wurden die Tiere zahlreichen invasiven Versuchsmethoden an ihren Gehirnen ausgesetzt – zum Teil auch sogenannten Finalversuchen, die zum Tod der Krähen führten. Das berichtete SOKO Tierschutz in einer Pressemitteilung und einem Bericht im Magazin Spiegel.

Das Tierversuchslabor gehört zum Institut für Neurobiologie der Uni Tübingen und wird von Prof. Dr. Andreas Nieder geleitet. Mit den Krähen wurden in seinem Labor verschiedene neurologische Experimente durchgeführt, wobei einigen Tieren die Schädel aufgebohrt und elektrische Leitungen ins Gehirn verlegt wurden. Den Vögeln wurden so bis zu 16 Elektroden ins Gehirn implantiert, um darüber ihre Reaktion auf optische Reize zu messen. Prof. Nieder führte 2020 Finalversuche durch. Dabei wurden nach Angaben des Spiegels an den Krähen unter Narkose bis zu 20 Stunden dauernde elektrophysiologische Experimente am Gehirn durchgeführt. Nach mehreren solcher Versuchsreihen werden die Vögel eingeschläfert.

Die Genehmigungen für die Tierversuche wurden vom Regierungspräsidium Tübingen erteilt. Eigentlich dürfen dafür gemäß der Tierschutz-Versuchstierverordnung ausschließlich gezüchtete Tiere verwendet werden. Für Wildtiere braucht es eine Ausnahmegenehmigung. Diese wurde Nieder gewährt unter seiner Einwilligung der bereitwilligen Kooperation mit dem NABU. Laut Spiegel gab Nieder Mitte 2015 dort an, jährlich zehn Tiere vom NABU erhalten zu können. Noch 2020 teilte er dem Regierungspräsidium mit, er setze NABU-Krähen für seine Finalversuche ein.

Der Chef der NABU-Einrichtung in Mössingen, Daniel Schmidt-Rothmund, gab an, nichts von den Tierversuchen gewusst zu haben. Man habe zwischen 2011 und 2014 lediglich sechs lebendige und neun tote Krähen an ein Forschungsprojekt geliefert – danach jedoch nicht mehr. Zudem seien die Vögel sogenannte Problemvögel gewesen, die "auf Menschen fehlgeprägt" waren und deswegen nicht wieder ausgewildert werden konnten.

SOKO Tierschutz zweifelt an den Angaben des NABU – aufgrund der Aussagen von Nieder zu seinen Tierversuchen bis 2020 und aufgrund eigener Rechercheaktionen. Mitarbeiter der Tierschutzorganisation hatten sich vergangenes Jahr Zugang zum Labor verschafft und dort mehrere lebendige Krähen vorgefunden. Auf Nachfrage des Spiegels wollte der Laborleiter Nieder keine Kommentare zu den Krähen des NABU und zum Versuchslabor in Mössingen beantworten.

SOKO Tierschutz: "Die Tierversuche sind sofort zu stoppen"

Gegenüber RT DE erklärte Friedrich Mülln von der SOKO Tierschutz, der NABU sei damit in einen "Skandal der bisher seines Gleichen sucht" verwickelt. Eigentlich sei es "die Pflicht einer Natur- und Tierschutzorganisation, ihre Schutzbefohlenen vor Leid zu bewahren":

"Jedes Tierheim schickt Kontrolleure zu Abnehmern von Abgabetieren, um diese zu prüfen und der NABU gibt Tiere an einen berüchtigten Tierexperimentator, der offen mit seinen invasiven Versuchen wirbt und guckt weg. Das ist entweder ein kolossales Versagen oder man versucht, die Öffentlichkeit für dumm zu verkaufen."

Mülln zählt auf, dass der NABU "eine lange Vorgeschichte von Tierschutzskandalen" habe, so etwa verhungerte Konik-Pferde, ertrunkene Wasserbüffel und die Unterstützung der Fallenjagd. Und auch jetzt leiste der NABU kaum Arbeit zur Aufklärung des Falls. SOKO Tierschutz hinterfragt zum Beispiel, warum der NABU keine "rechtlichen Konsequenzen gegenüber der Universität Tübingen" erhoben habe, wo sie doch nach eigenen Aussagen von den Tierversuchen nichts gewusst haben und somit getäuscht wurden. SOKO Tierschutz impliziert, der NABU müsste einen Vertrag mit der Universität geschlossen haben, "in dem der Schutz und die Fürsorge der Tiere festgelegt wurden". Auch eine öffentliche Entschuldigung des NABU gäbe es nach wie vor nicht.

SOKO Tierschutz lehnt generell Tierversuche "als eine schlechte, veraltete und grausame Methode ab", die zudem keinerlei Nutzen bringe und eine Verschwendung medizinischer wie finanzieller Ressourcen sei, so Mülln. Der Fall der Krähen aus Mösslingen sei exemplarisch für viele. Die "grausamen" "invasiven Versuche", bei denen "in die Schädel der Tiere gebohrt und Elektroden eingeführt" würden, brächten "keinen nennenswerten Erkenntnisgewinn". Mülln macht deutlich:

"Es gibt gute und noninvasive Verfahren, um die Intelligenz von Krähen zu erforschen. Zudem ist deren kognitive Fähigkeit schon gut belegt. Darum hätten die Versuche ohnehin nicht genehmigt werden dürfen. Dazu ist nämlich ein hervorragender Erkenntnisgewinn nötig."

Darüber hinaus sei es "rechtswidrig, Tiere ohne vernünftigen Grund zu töten" und ein solcher sei "speziell bei den gesunden, aber zahmen Krähen nicht gegeben". Die Argumentation des NABU über die "Problemvögel" sei hinfällig, da "das Tierschutzgesetz keine Problemvögel vorsieht, die weniger Rechte hätten".

Die SOKO Tierschutz fordert, dass die noch lebenden Vögel im Tierversuchslabor "echten Tierschützern übergeben werden". Ihre Herkunft müsse ermittelt werden – auch um zu klären, ob diese womöglich vom NABU stammen, wie Nieder dem Tübinger Regierungspräsidium mitgeteilt hatte. Für den Tierschützer Mülln steht fest:

"Die Tierversuche sind sofort zu stoppen."

PETA: Diese Vorgänge dürfen sich beim NABU nicht wiederholen

Die Tierrechtsorganisation PETA zeigte sich auf Anfrage von RT DE bestürzt über die Geschehnisse im NABU-Vogelschutzzentrum in Mössingen. Die PETA-Fachreferentin für den Bereich Tierversuche, Sabrina Engel, betonte die Ablehnung der Tierrechtsorganisation gegenüber Tierversuchen. Diese seien "grausam, ethisch nicht vertretbar und schlichtweg schlechte Wissenschaft", da ihre Ergebnisse zum großen Teil "nicht auf den Menschen übertragbar" seien. Engel konkretisiert:

"Wenn nicht mehr an völlig falschen Organismen versucht wird, Lösungen für komplexe Krankheiten beim Menschen zu finden, hat die moderne Forschung das Potenzial, wichtige Erkenntnisse schneller und zuverlässiger zu erlangen."

Auch die Corona-Pandemie rechtfertige keine Forschung über Tierversuche – zumal diese weder effektiv noch kostengünstig seien. Die Krankheit COVID-19 lasse sich viel zielführender über "3-D-Modelle der menschlichen Atemwege untersuchen".

Hinsichtlich des zukünftigen Umganges mit dem NABU äußerte die PETA-Fachreferentin Engel:

"Wir bedauern es sehr, dass der NABU der Universität Tübingen Tiere ausgehändigt hat, die letztendlich für Tierversuche missbraucht wurden. Wir gehen davon aus, dass der NABU aus diesem Fall seine Lehren gezogen hat und diese und ähnliche Vorgänge in Zukunft nicht mehr geschehen werden."

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