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US-Medienbericht: Deutsche Nonnen "vermieteten" Waisenkinder für Orgien

Das US-Nachrichtenportal "The Daily Beast" behauptet, Auszüge aus dem vom Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki unter Verschluss gehaltenen Untersuchungsbericht zu Missbrauchsfällen in der Erzdiözese Köln zugesandt bekommen zu haben – der mutmaßliche Inhalt lässt erschaudern.
US-Medienbericht: Deutsche Nonnen "vermieteten" Waisenkinder für OrgienQuelle: Gettyimages.ru

Die katholische Erzdiözese in Köln steht schon seit Längerem schwer in der Kritik. 2020 sollte ein Gutachten der Münchner Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl zu Missbrauchsvorwürfen erscheinen, die zum Teil Jahrzehnte zurückreichen. In Auftrag gegeben wurde das Gutachten vom Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki. 

Der Bericht sollte untersuchen, wie Bistumsverantwortliche in der Vergangenheit mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs von Kindern durch Priester umgegangen sind. Doch nach der Fertigstellung des Gutachtens kündigte Woelki plötzlich an, ihn nicht veröffentlichen zu wollen, weil er "erhebliche Mängel aufweist". Das ist jedoch nicht die einzige Auffälligkeit in dieser Geschichte.

Anfang 2021 kam es bei einem von dem Erzbistum geplanten Journalistengespräch zum Thema Missbrauch zu einem Eklat, nachdem die anwesenden Reporter nicht bereit waren, eine von der Kirche geforderte Verschwiegenheitserklärung zu unterschreiben. Das Gespräch wurde daraufhin abgebrochen. Geplant war ursprünglich, dass die Journalisten die Möglichkeit erhalten sollten, ein teilweise geschwärztes Exemplar des Rechtsgutachtens zu lesen.

Nun behauptet das US-Webportal The Daily Beast, dass Auszüge aus dem Gutachten "geleakt" worden seien – unter anderem auch an The Daily Beast. Aus den geleakten Auszügen soll laut dem Webportal auch hervorgehen, dass Nonnen aus einem Kloster in Speyer zwischen den 1960er und 1970er Jahren Waisenkinder an Geschäftsleute und Geistliche "vermieteten", die diese Kinder missbrauchten. So ging es zum Teil wochenlang weiter, bevor die Kinder wieder "zurückgegeben wurden". Ein betroffener Junge soll berichtet haben, dass die Nonnen ihn oft betäubten, bevor sie ihn den Tätern in die "Wohnung lieferten".

Dem Bericht zufolge wurden die Waisenkinder zu den "Orgien" gezwungen und hinterher zudem noch "diszipliniert", wenn ihre Kleidung "zerknittert" oder "mit Sperma bedeckt" war. Das Webportal schreibt weiter, dass das Gutachten herausgefunden habe, dass 175 Kinder, die meisten von ihnen Jungen im Alter zwischen 8 und 14 Jahren, über zwei Jahrzehnte missbraucht worden seien. Bei einigen Kindern soll die Adoption oder auch die Unterbringung in einer Pflegefamilie absichtlich unterbunden worden sein, damit die Nonnen sie weiter "beschäftigen" konnten.

Laut The Daily Beast werden in dem Untersuchungsbericht die Nonnen nicht explizit für ihre Taten verantwortlich gemacht. Stattdessen seien die Missbrauchsfälle das Ergebnis von "systematischen" Managementfehlern und zu viel "Nachsicht" gegenüber den Tätern. Die mutmaßlichen neuen Enthüllungen zu der Missbrauchsaffäre sind ein weiteres hässliches Mosaik in dem fortdauernden Streit um das Gutachten. Der Jurist der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl, Ulrich Wastl, kritisierte die Tatsache, dass der Bericht noch immer unter Verschluss gehalten wird, aufs Schärfste. "Das ist ein Gewaltangriff", sagte der Jurist in einem Interview mit der Zeit-Beilage Christ & Welt. "Ein derartiges Verhalten haben wir noch nicht erlebt."

Er widersprach den Vorwürfen von Kardinal Woelki, wonach der Bericht erhebliche Mängel aufweise. "Wir haben nicht gepfuscht", so Wastl. Den Widerstand gegen die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt sieht der Anwalt auch in der persönlichen Verstrickung von Verantwortungsträgern der katholischen Kirche begründet. "Der Reflex, die Institution schützen zu wollen, und das Bedürfnis nach Selbstschutz gehen oft Hand in Hand."

Was für die Argumentation von Wastl spricht, ist die Tatsache, dass dieselbe Anwaltskanzlei für das Bistum Aachen ein ähnliches Gutachten erstellte und im November problemlos veröffentlichte. Bei den Verantwortlichen in Aachen sei der Wille da gewesen, "die Dinge aufzuarbeiten und das System zu verbessern", sagte Wastl. Der Aachener Bischof Helmut Dieser habe sich völlig aus der Arbeit der Gutachter herausgehalten. "Er akzeptierte, dass die Verantwortung bei uns liegt." Nach seiner Erfahrung sei die katholische Kirche in zwei Lager gespalten, sagte Wastl: "Das eine denkt: Wir müssen den Ruf der Kirche schützen, und dem ist vieles unterzuordnen. Das andere ist überzeugt, dass die einzige Chance der katholischen Kirche darin liegt, reinen Tisch zu machen."

Wastl bot erneut an, das Kölner Gutachten auf der Webseite der Kanzlei zu veröffentlichen und dafür die alleinige Verantwortung zu übernehmen. "Das Erzbistum Köln hätte nach unserer Einschätzung keinerlei Haftungsrisiko." Woelki hat dieses Angebot abgelehnt.

In Köln gibt es derweil vorläufig keine Termine mehr für Kirchenaustritte. Bis Ende April sei alles ausgebucht, und die Termine für Mai würden erst am 1. März freigeschaltet, wie ein Sprecher des Amtsgerichts am Mittwoch sagte. Pro Monat gibt es, abhängig von der Zahl der Werktage, rund 1.000 Online-Termine für einen Austritt aus der katholischen oder evangelischen Kirche. 

Derweil hat sich Woelki nach wochenlangem Schweigen am Donnerstag zu den Vorwürfen gegen ihn und die katholische Kirche geäußert. Zwar räumte er Fehler bei der Aufarbeitung der Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegen katholische Priester ein, indem er gegenüber der Kölnischen Rundschau erklärte: "Wir haben Fehler gemacht, wir haben Vertrauen verspielt, ich verstehe die Ungeduld." Doch gleichzeitig machte er weiterhin die Anwaltskanzlei für die Probleme verantwortlich: "Ein Fehler war, dass wir immer wieder den Zusagen der Münchner Kanzlei vertraut haben, eine rechtssichere Aufarbeitung vorzulegen."

Woelki hatte den Kölner Strafrechtler Björn Gercke damit beauftragt, ein neues Gutachten zu erarbeiten. Dieses soll am 18. März vorgestellt werden. Bis dahin müsse man sich noch gedulden, so Woelki. "Wir klären auf, ich stehe zu meinem Versprechen", versicherte er. Gercke habe 236 Fälle identifiziert und bearbeitet, wohingegen das Gutachten von Westpfahl Spilker Wastl nur 15 Fälle betrachte.

Westpfahl Spilker Wastl begründete die Konzentration auf 15 Fälle damit, dass man bewusst nur 15 besonders schwere und exemplarische Fälle habe herausgreifen wollen. "Wir haben aufgepasst, ob wir sie so abstrahieren können, dass keine Betroffenen erkennbar sind", hatte Wastl in Christ & Welt erklärt. Andernfalls könne dies für die Opfer mit einer Retraumatisierung verbunden sein.

Woelki versicherte nun: "Gerckes Gutachten wird handwerklich sauber sein und es möglich machen, mein Versprechen einzulösen: Wir werden Namen von Verantwortlichen nennen." Doch Gegenwind bekommt Woelki mittlerweile auch aus den eigenen Reihen. Gegenüber dem Kölner Stadt-Anzeiger und dem Express forderte der Kölner Stadtdechant Robert Kleine, sich zu Fehlern zu bekennen und Konsequenzen zu ziehen, und zwar schon vor dem 18. März, wenn das neue Missbrauchsgutachten der Kölner Kanzlei Gercke Wollschläger veröffentlicht wird.

Das Erzbistum habe zwar angekündigt, es werde am 18. März "alles offen legen und Namen nennen", aber "die Namen kennt doch schon heute jeder", so Kleine. "Alle wissen, wer im Erzbistum in verantwortlicher Position war: Erzbischöfe, Generalvikare, Personalchefs." Im bistumseigenen "Domradio" fügte Kleine hinzu, dass er "natürlich nicht" auf Distanz zum Erzbischof habe gehen wollen. Es sei nur eine "Einladung" gewesen, "ganz genau hinzuschauen".

Laut einem Bericht der FAZ zeigt sich der Unmut innerhalb der Kirche über den Umgang des Erzbischofs und seines Generalvikars Markus Hofmann mit der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch auch an zwei Briefen, die von annähernd sechzig Geistlichen unterschrieben worden sein sollen und in denen der Umgang mit der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs scharf kritisiert werde.

Die FAZ schreibt weiter, dass mehrere weitere einzelne Pfarrer ihren Loyalitätskonflikt in persönlichen Schreiben mitgeteilt hätten. "Wir fühlen uns der Kirche zutiefst verbunden, können uns aber nicht mit dem aktuellen Management der gegenwärtigen Vertrauenskrise in unserem Erzbistum identifizieren", soll es in einem der beiden Schreiben heißen, das 34 Priester unterzeichnet haben. "Wir sind nicht bereit, bei dieser Entwicklung still resignierend zuzuschauen." Die katholische Kirche dürfe sich nicht "zur Sekte entwickeln".

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