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Bayerischer Elternverband: Wir müssen jetzt das Scheitern dieses Schuljahres annehmen

Mit dem verlängerten Lockdown bleiben die Schulen weiterhin geschlossen. Der Bayerische Elternverband warnt vor den sozialen Folgen: Mit den Schulschließungen breche Kindern "die Hälfte ihres Lebens weg". Die Lernziele seien in diesem Schuljahr nicht mehr zu erreichen.
Bayerischer Elternverband: Wir müssen jetzt das Scheitern dieses Schuljahres annehmenQuelle: www.globallookpress.com © Fotostand / K. Schmitt via www.i Source: www.imago-images.de

Der Bayerische Elternverband setzt sich für die individuelle Förderung von Kindern und Jugendlichen in Bayern ein. Er vertritt den Standpunkt, dass Menschen einen Anspruch auf gleiche Bildungschancen haben – "unabhängig davon, welche Bildungseinrichtung sie besuchen und aus welchem Elternhaus sie kommen". RT DE sprach mit Henrike Paede, der stellvertretenden Vorsitzenden des Bayerischen Elternverbandes.

Der Lockdown wurde vorerst bis Mitte Februar verlängert. Damit bleiben auch die Schulen und Kitas geschlossen. Welche Folgen haben die lang anhaltenden Schließungen für Kinder und Jugendliche?

"Kita und Schule sind im Leben von Kindern das zweite große Zentrum neben der Familie. Mit der Schließung der Bildungseinrichtungen bricht die Hälfte ihres Lebens weg, Entwicklungsanreize entfallen. Hier geht es nicht nur um kognitives, sondern auch um soziales Lernen und um den Aufbau und die Pflege eigener sozialer Kontakte. Ganz viele wichtige Schritte in die Eigenständigkeit und Unabhängigkeit von der Familie werden in den Bildungseinrichtungen geübt."

Welche Rolle spielt die soziale Interaktion in den Schulen für das Lernverhalten von Kindern und Jugendlichen?

"Mit zunehmendem Alter orientieren sich Kinder mehr und mehr an Gleichaltrigen, der Einfluss der Eltern sinkt. Wenn es dann in einer Gruppe als uncool gilt zu lernen (Stichwort Streber), kann sich das auf die einzelnen Mitglieder negativ auswirken. Das Umgekehrte kann aber auch passieren, wenn eine soziale Gruppierung interessiert, fleißig und bildungsorientiert ist. Sie kann weniger motivierte Kinder und Jugendliche regelrecht mitreißen."

Wie schätzen Sie die Online-Angebote ein, die zur Kompensation des ausfallenden Präsenzunterrichtes eingerichtet wurden? Kann durch diese ein vergleichbarer Bildungsstand erreicht werden?

"Es kommt weniger auf die Angebote an als auf das, was die Lehrkräfte damit machen. Gute Angebote gibt es in großer Fülle, allerdings müssen sie sinnvoll eingesetzt werden. Sie müssen in einem sinnvollen Kontext zum gesamten Unterricht stehen. Unverzichtbar ist auch hier die Rückmeldung der Lehrkraft zu dem, was die einzelnen Schüler selbstständig erarbeitet haben. Soziale Interaktionen unter den Schülern verstärken den Lerneffekt und sichern ihn ab – hier muss die Lehrkraft optimale Unterrichtsbedingungen schaffen. Videokonferenzen können dabei helfen."

Wie können die Eltern alternativ zur Schule die kognitive Entwicklung ihrer Kinder fördern?

"Durch alles, was Freude macht und den Horizont weitet: Vorlesen, Gespräche, gemeinsames Beobachten, neugierige Fragen beantworten, Diskussionen, Ratespiele, Kreatives, durch Motivieren, aber auch durch das Erlernen eines Musikinstruments und durch Sport. Kognitive Entwicklung kann nicht isoliert betrachtet werden."

Es gibt Forderungen zum Beispiel vonseiten der GEW, dass es in diesem Schuljahr kein Sitzenbleiben geben sollte und dass die Zensuren den Lerneinschränkungen entsprechend angepasst werden sollen. Wie stehen Sie zu diesen Forderungen?

"Der geltende Standard eines bestimmten Bildungsabschlusses sollte nicht aufgeweicht werden. Das würde zu Bildungsabschlüssen zweiter Klasse führen. Lieber sollte man, analog zu den Universitäten und Hochschulen, auch für Schulabschlüsse die Möglichkeit eines Freischusses schaffen. Allerdings sollte man das Vorrücken in die nächsthöhere Jahrgangsstufe und den Übertritt in die weiterführende Schule nicht nach Noten, sondern nach grundsätzlicher Eignung durchführen. Letztere soll zwischen Eltern und Lehrkräften persönlich beraten und der nächste Schritt einvernehmlich festgelegt werden."

Mit der Verlängerung des Lockdowns geht eine Erweiterung des Homeoffice einher. Wie lassen sich Homeoffice und Homeschooling vereinbaren? Wie wirkt sich die Situation auf Eltern und Kinder aus?

"Viele Eltern sind mit ihrer Leistungsfähigkeit und mit ihren Nerven am Ende. Das wirkt sich auch auf die Beziehung zu den Kindern und den Partnern aus. Wir plädieren deswegen dafür, jetzt Ruhe einkehren zu lassen und nicht mit aller Gewalt schulischen Leistungen hinterherlaufen zu wollen. Seitens der Schulen soll der Unterricht so gestaltet werden, dass die Kinder zu Hause weitestgehend ohne Hilfe der Eltern zurechtkommen. Das würde auch den Kindern entgegenkommen, die zu Hause keine Unterstützung haben.

Auch bei den Unterrichtstechniken ist noch Luft nach oben: Wozu sollen Eltern Dutzende von Blättern ausdrucken, wenn es interaktive PDFs gibt? Der inzwischen festgestellte Leistungsrückstand lässt sich bis zum Ende dieses Schuljahres nicht mehr aufholen. Deswegen sollten sowohl Schulen als auch Familien aufhören, ihm hinterher zu jagen."

Der Lockdown wurde mehrfach verlängert. In der Politik wird eine Fortsetzung bis Ostern diskutiert. Welchen Einfluss nimmt die Verlängerung alle paar Wochen auf Kinder und ihre Familien? Werden dadurch nicht auch immer wieder etwaige Hoffnungen enttäuscht?

"Ja, natürlich. Ein normales Leben verschiebt sich in immer weitere Ferne: Frustration pur! Was dem Virus vollkommen egal ist! Deswegen möchten wir dafür werben, das Scheitern dieses Schuljahres jetzt einfach anzunehmen, Abschlüsse, Übertritte und Vorrücken wie oben zu regeln und im kommenden Schuljahr die Puffer zu nutzen, um das Versäumte nachzuholen. Spätestens im dritten Quartal können wir von einigermaßen kontinuierlichem Präsenzunterricht ausgehen. Wir sind davon überzeugt, dass wir, auf die Dauer der Schulzeit gerechnet, die Versäumnisse gut auffangen können."

Wenn Sie die Bundesregierung direkt beraten könnten – welche Forderungen würden Sie stellen?

"Bezogen auf die Kitas und Schulen wünschen wir uns, dass vor allem für die jüngeren Kinder die Expertise von Pädagogen und Entwicklungspsychologen verstärkt einbezogen wird. Außerdem sollen endlich sämtliche vorliegende Daten zu den Infektionen an Schulen zusammengeführt und ausgewertet werden, um die Einschätzung der Ansteckungen dort zu verbessern. Wir fragen uns, warum dies noch nicht geschehen ist."

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