Deutschland

Protest in Corona-Hotspot Hildburghausen – Polizei setzt Pfefferspray ein

Der Landkreis Hildburghausen in Thüringen gilt derzeit als Deutschlands Corona-Hotspot mit den höchsten Fallzahlen. Dennoch protestierten dort am Mittwochabend Hunderte gegen die neuen Infektionsschutzregeln. Die Polizei setzte Pfefferspray ein, um die Versammlung aufzulösen.
Protest in Corona-Hotspot Hildburghausen – Polizei setzt Pfefferspray einQuelle: www.globallookpress.com © Steffen Ittig / dpa

Nach Angaben des Robert Koch-Instituts gilt der Landkreis Hildburghausen derzeit als schwierigster Corona-Hotspot Deutschlands. Inzwischen seien dort 603 positiv getestete Fälle je 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen verzeichnet worden. Damit hat der Kreis derzeit bundesweit "das größte Infektionsgeschehen" bei neuen Corona-Befunden. Seit Mittwoch gilt dort ein regionaler Lockdown mit Ausgangsbeschränkungen sowie geschlossenen Schulen und Kindergärten.

Am Mittwochabend gegen 19 Uhr versammelten sich in der Innenstadt von Hildburghausen dennoch rund 400 Menschen, um gegen die neuen Bestimmungen zu protestieren. Anschließend zogen sie durch die Stadt. Die Polizei setzte Pfefferspray ein, um die Protestkundgebung aufzulösen. Nach Angaben der Polizei gab es zahlreiche Verstöße: 

So wurden Mindestabstände nicht gewahrt, Masken nicht getragen und die eigene Wohnung ohne triftigen Grund verlassen.

Demnach haben die Beamten vor Ort mehrfach "kommunikative Versuche" unternommen, um die Teilnehmer "zum Verlassen der Örtlichkeit zu bewegen". Diese seien jedoch fehlgeschlagen.

Erst der Einsatz von Pfefferspray durch eingesetzte Polizeibeamte führte zum Zerstreuen der Teilnehmer. 

Es sollen etwa 30 Polizisten im Einsatz gewesen sein. Das Pfefferspray wurde demnach punktuell eingesetzt, um zu verhindern, dass die Protestierenden auf eine Bundesstraße im Ort ziehen. Nach Polizeiangaben gab es keine Verletzten beim Einsatz. Behörden zufolge wurden mehr als 30 Anzeigen erstattet. 

Tilo Kummer, Bürgermeister der Kreisstadt mit rund 12.000 Einwohnern, zeigte sich bestürzt über die Aktion und die "Spaziergänge" seiner Mitbürger. So schrieb der Linken-Politiker unter anderem auf seiner Facebook-Seite:

Ich bin fassungslos! Der Markt in Hildburghausen ist voller Menschen! Etliche tragen keine Masken! Was muss denn noch passieren, bis manche den Ernst der Lage begreifen? Ganze Kitas, Schulen, Rettungswachen, Feuerwehren mussten bereits in den letzten 2 Wochen in Quarantäne. Etliche Menschen, vor allem aus betroffenen Pflegeheimen, kämpfen aktuell in unserem Kreis um ihr Leben. Kann man da nicht mal 2 Wochen Abstand halten?

Ich bin fassungslos! Der Markt in Hildburghausen ist voller Menschen! Etliche tragen keine Masken! Was muss denn noch...

Gepostet von Tilo Kummer am Mittwoch, 25. November 2020

Laut einem Bericht von insuedthueringen.de soll über die sozialen Medien anonym zu diesem nicht angemeldeten Treffen auf dem Markplatz aufgerufen worden sein. Das Motto der Kundgebung soll demnach gewesen sein: "Du trägst die Verantwortung für die Zukunft deiner Kinder – Unternimm was".

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) appellierte an die Menschen im Landkreis, sich an die neuen Regeln zu halten. Es gebe ein großes Bemühen, mit strengeren Maßnahmen "Leib und Leben von Menschen zu schützen", sagte er am Mittwoch nach der Schalte der Ministerpräsidenten mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Er habe aber Bilder gesehen, die zeigten, dass sich mehrere Hundert Menschen auf dem Marktplatz versammelt hätten.

Sie sind zwar in dem Landkreis, in dem die höchste Infektionsrate in ganz Deutschland ist, aber sie signalisieren, dass sie die Maßnahmen zur Unterbindung der Infektionen wohl eher ablehnen", sagte Ramelow.

Thüringens Ministerpräsident appellierte an die Bürger in Hildburghausen, solidarisch zu sein, "sich gegenseitig zu helfen und sich zu unterstützen". Gerade im Raum Südthüringen sei die Situation in den Intensivstationen der Krankenhäuser angespannt.

Wenn man dann auch noch mit einer größeren Form von Missachtung und Leugnung glaubt, darauf reagieren zu können, erweist man seinen Mitbürgern einen Bärendienst", ergänzte Ramelow.

In den sozialen Medien reagierten einige Mitbürger ebenfalls mit Unverständnis auf den Protestmarsch. So schrieb eine Nutzerin, die nach eigenen Angaben im Landesvorstand der Grünen tätig ist, auf dem Kurznachrichtendienst Twitter:

Kann sich jemand vorstellen, wie wütend ich bin? Video von der heutigen Demonstration im Hotspot Hildburghausen. Von solchen 'besorgten Eltern' habe ich morgen vielleicht die Kinder in der Notbetreuung sitzen.

Ein anderer Nutzer schrieb:

Hildburghausen in Thüringen ist gerade der Corona-Hotspot nummer 1 in Deutschland und die Leute singen 'Oh, wie ist das schön' ...

Seit Beginn der Pandemie wurden 15.248 positiv getestete Fälle in ganz Thüringen registriert. Als genesen gelten 10.260 Menschen, die Zahl der an oder mit dem Coronavirus Verstorbenen beträgt 327. Laut der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmediziner waren am Donnerstag 74 Patienten wegen einer COVID-19-Erkrankung in Behandlung, 33 davon müssen künstlich beatmet werden.

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