Deutschland

Tschetschenen in der Berliner Unterwelt (Teil 1)

Bisher war der Fokus der Öffentlichkeit oft auf kriminelle Clans arabischer Großfamilien in Berlin gerichtet, die ihren Reichtum auch gerne noch öffentlich zur Schau stellen. Doch abseits des Rampenlichts wuchs eine weitere Struktur in der Berliner Unterwelt.
Tschetschenen in der Berliner Unterwelt (Teil 1)Quelle: www.globallookpress.com © Robert Schlesinger/picture alliance

von Daniel Lange

(Teil 2 finden Sie hier)

Rache am Drogenboss

Am Morgen des 15. Oktober 2016 kommt Mesut T. aus einem Café im Berliner Bezirk Wedding. Er steigt in seinen VW Passat Kombi und fährt nach Hause, in Richtung Charlottenburg. Eigentlich dauert die Fahrt sonst vom Café bis zu seiner Wohnung nicht länger als 15 Minuten, aber an diesem Dienstagmorgen ist der Berufsverkehr in der City West besonders zähflüssig.

Als Mesut T. um genau 7.51 Uhr über die Bismarckstraße in Charlottenburg fährt, zerreißt eine Explosion die Fahrerkabine von seinem silbernen Passat: Mitten im morgendlichen Stadtverkehr, an einem dichten Knotenpunkt der Hauptstadt, detoniert eine Autobombe direkt unter dem Motorblock vom Kombi des 43-jährigen Familienvaters. Mesut T. erleidet schwerste Beinverletzungen und verstirbt kurze Zeit später noch am Tatort. Im Jahr 2016 – auf dem damaligen Höhepunkt des islamistischen Terrors in Europa – wurde im ersten Moment sofort in diese Richtung ermittelt. Eine Autobombe in Deutschlands Hauptstadt – das hatte einen gewissen Symbolcharakter und trug daher vermutlich auch die Handschrift von solchen Terroristen.

Aber schon bald zeichnete sich ab, dass wohl eine ganz andere Gruppierung mit der Ermordung von Mesut T. ein Zeichen setzen und sich positionieren wollte: Die sogenannte tschetschenische Mafia. Auch das sind in Clans strukturierte Familienverbände – vergleichbar mit den bekannten arabisch-kurdischen Großfamilien – die in Deutschland seit Jahren führende Rollen in der Unterwelt und der organisierten Kriminalität spielen.

Als die Ermittlungen in diesem spektakulären Kriminalfall dann ziemlich schnell in das Milieu der sogenannten "nordkaukasisch dominierten OK-Bereiche" (der organisierten Kriminalität) führten, wurde klar, dass es sich bei der ferngezündeten Autobombe um einen klassischen Racheakt von Berufsverbrechern handelte. Ein mit "chirurgischer Präzision" ausgeführter Vergeltungsschlag, der jedem klarmachen sollte, mit der entsprechenden Gruppe sei nicht zu spaßen.

Mesut T., offiziell Hartz-IV-Empfänger, war eine in Berlin polizeibekannte Größe im organisierten Kokainhandel. 2008 wurde er mit 33 Kilo dieser Droge im polnischen Danzig (Gdansk) festgenommen und verbüßte eine jahrelange Haftstrafe. Sofort nach seiner Haftentlassung war Mesut T. wieder tief in Berlins organisierte Kriminalität verstrickt, stets unauffällig im Familien-Kombi unterwegs.

Der Anschlag auf ihn – die tödliche Autobombe – war der Höhepunkt einer Auseinandersetzung um einen geplatzten Kokaindeal im zweistelligen Kilobereich. Mesut T. soll einen professionellen Killer beauftragt haben, um seinen Konkurrenten, den "russischen Staatsbürger" Amram M., aus dem Weg räumen zu lassen. Dieser Auftragsmord im Dealer-Milieu scheiterte jedoch. Das Opfer M. wurde lediglich leicht verletzt und der erfolglose Auftragskiller, ein Mann mit kolumbianischem Pass, wurde obendrein einige Tage später in einem spanischen Urlaubsort verhaftet.

Den Ermittlern im Fall Mesut T. wurde schnell klar, dass sich der Mesut T. "wohl mit dem Falschen angelegt hatte" und nun später selbst zum Opfer von dessen Racheakt wurde, ausgeführt mit besonderer Skrupellosigkeit und bisher in der Berliner Unterwelt eher unbekannter Präzision und Professionalität. Amram M. ist seither irgendwohin ins Ausland verschwunden und für die Behörden nicht greifbar.

Schon Monate vor dem Anschlag auf Mesut T. beobachteten Experten des BKA, dass tschetschenische Gruppen, die besonders durch ihre hohe Gewalt- und Eskalationsbereitschaft auffielen, verstärkt in verschiedene Bereiche der organisierten Kriminalität in Deutschland vordrangen oder sich zumindest den bestehenden kriminellen Strukturen als eine Art Dienstleister anboten. Seither nehmen die tschetschenischen Banden eine besondere Rolle im Bereich der organisierten Kriminalität (OK) ein.

Mit den aktuellen Ereignissen und entsprechenden Pressemeldungen über einen drohenden und gerade noch abgewendeten Bandenkrieg zwischen arabischen Großfamilien und tschetschenischen Clans gelangte diese besondere Facette der Kriminalität in Berlin wieder in den Fokus der Öffentlichkeit. Zwar ist das kein neues Thema, aber eine neue Entwicklung, die momentan von der sonst so unsichtbar agierenden Unterwelt Berlins wieder an die Oberfläche gespült wurde. Es scheint nur so, als wären die kriminellen Tschetschenen jetzt gerade erst in Berlin angekommen und würden sich nun auf der großen Hauptstadtbühne  "ein Stück vom Kuchen" abholen wollen.

Entgegen diesem oberflächlichen Eindruck sieht die Realität ganz anders aus. In den letzten Monaten gibt es in der Hauptstadt hinsichtlich der Kriminalität dem Anschein nach nur zwei ernstzunehmende Straftäter- Gruppierungen: die Rocker und die arabischen Clans. Gegen Letztere wird seit einiger Zeit mit Gesetzesnovellen, mit der Einziehung von Besitztümern und nahezu täglich auch mit diversen Polizeieinsätzen vorgegangen. "Der Kampf gegen die Clans" – jetzt ganz oben auf der Agenda des Berliner Senats – kommt spät, nach Ansicht vieler viel zu spät.

Bushido gegen die Clans?

Über Jahrzehnte waren ungestört Parallelgesellschaften und mittlerweile stark gefestigte kriminelle Strukturen gewachsen, die sich nicht mehr einfach durch ein paar Polizeieinsätze in "der Szene" bekämpfen oder gar beseitigen lassen. Diese organisierte Clan-Kriminalität hat für die Öffentlichkeit sogar ein Gesicht bekommen: Arafat und seine Brüder vom berüchtigten Abou-Chaker-Clan sind seit Monaten im Fokus der Medien und aktuell in einem der größten Gerichtsprozesse der letzten Jahre angeklagt.

Das erweckt den Eindruck, als wäre Deutschland nun auf dem besten Weg, die hochkriminellen arabischen Clans endlich effektiv zu bekämpfen. Doch weit gefehlt: In dem Mega-Clan-Prozess am Berliner Landgericht – mit einem durch Spezialkräfte der Polizei beschützten Kronzeugen, dem bekannten Rapper Bushido  – geht es im Grunde nicht wirklich um einen Schlag gegen die organisierte Kriminalität von arabischen Clans.

Es geht dabei im Detail lediglich um eine Trennung zweier Geschäftspartner, welche mit Sicherheit unschön verlief, wobei auch nicht ausgeschlossen werden kann, dass dabei tatsächlich erhebliche Straftaten zum Nachteil des prominenten Opfers begangen wurden. Vieles von dem, was in diesem medienwirksamen Fall bereits öffentlich behauptet wurde, muss im nun laufenden Gerichtsprozess auch erst einmal bewiesen werden.

Und doch steht dieser Prozess – obwohl er nur an der Oberfläche der Clan-Kriminalität in der Hauptstadt kratzt – als ein Sinnbild für den gesamten mühsam anlaufenden Kampf gegen die ausufernde Kriminalität arabischstämmiger Familienverbände. Vor nicht allzu langer Zeit war die Produktvielfalt in Deutschland noch wesentlich überschaubarer und da stand die Marke "Selters" allgemein für Mineralwasser und "Tempo" für ein Einweg-Papiertaschentuch. Heute steht die Marke "Abou- Chaker" in der Öffentlichkeit für "Mafia" und Clan-Kriminalität, auch wenn das so pauschal überhaupt nicht – weder auf diese und andere Großfamilien noch auf die gesamte Szene der organisierten Kriminalität zutrifft.

Daneben gibt es noch weitere Akteure am Rande, ebenso aus arabischen Großfamilien, die die spektakulärsten Verbrechen der jüngeren Kriminalgeschichte der Bundesrepublik begangen haben oder unter dringendem Verdacht stehen, die Täter gewesen zu sein.

Die Verbrechen wurden allesamt relativ schnell aufgedeckt und führten stets zu einem "alten Bekannten" oder zumindest zu mehreren in der "öffentlichen Unterwelt" schon renommierten Personen. Ein bisschen so wie in Entenhausen von Disneys Mickey Mouse, wo die Gauner immer die Jungs von den Panzerknackern sind oder Kater Karlo wieder zugeschlagen hat. Der Überfall auf das Pokerturnier im Berliner Hotel Hyatt am Potsdamer Platz, der dann folgende Coup im Kaufhaus KaDeWe, der Einbruch ins Bode-Museum zwecks Diebstahls einer zweizentnerschweren Goldmünze und spektakuläre Banküberfälle.

In allen Fällen führten die Spuren schnell zu Angehörigen arabischer Großfamilien, die auch in der Clan-Kriminalität Berlins Rang und Namen haben. Doch Straftaten der Mafia im engeren Sinne, wie man sie der berüchtigten aus Italien stammenden Verbrecherorganisation zuschreibt, gab es in all den Jahren in Berlin eher nicht.

Neue Clans, neue Gewalt

Das Zünden einer Autobombe am 15. Oktober 2016 auf der Bismarckstraße als ganz öffentlich geführter Vergeltungsschlag der organisierten Kriminalität nähert sich dem Mafia-Niveau schon wesentlich eher. Zwar kannte man innerhalb der Szene organisierter Kriminalität in Deutschland durchaus schwere Gewaltstraftaten, Rohheitsdelikte,  Schusswechsel und – wenn auch sehr selten – Tötungsdelikte. Aber alles blieb größtenteils der Öffentlichkeit verborgen und spielte sich in den Parallelgesellschaften und der Unterwelt ab.

Solche Vergeltungsaktion wie der Einsatz von Sprengstoff und die Skrupellosigkeit, mit der diese Bombe am frühen Morgen im dichten Stadtverkehr gezündet wurde, schnellte die Bewertung einzelner Gruppen auf ein völlig neues Niveau in dem immer größer werdenden Bereich importierter Kriminalität. Zwar waren die Aktivitäten der kriminellen tschetschenischen Clans der Polizei auch vor dem Anschlag auf Mesut T. nicht unbekannt, aber sie standen bei weitem nicht so sehr im Fokus der Strafverfolger wie die der arabischen Clans. Und von der breiten deutschen Öffentlichkeit wurden diese extrem gefährlichen Straftäter aus der Kaukasus-Region kaum wahrgenommen.

Gezielte polizeiliche Ermittlungen in den Parallelgesellschaften ganz bestimmter Straftätergruppen gestalten sich grundsätzlich schwierig. Im Falle der tschetschenischen Clans sind sie fast unmöglich operativ durchzuführen. In Deutschland leben derzeit rund 50.000 Nordkaukasier, etwa 80 Prozent davon kommen aus Tschetschenien. Und der größte Teil von ihnen lebt völlig unauffällig in Deutschland.

Ermittlerkreise sprechen jedoch von mittlerweile etwa bis zu 200 Personen aus ebendiesem Umfeld, die von den Behörden in Deutschland der "nordkaukasisch dominierten" organisierten Kriminalität zugeordnet werden.

Die Tschetschenen fallen keineswegs durch ein sogenanntes "südländisches Temperament" auf: Keine Schlägereien auf den Straßen, keine in die Öffentlichkeit getragenen internen Streitigkeiten, kein Kommentieren von polizeilichen Maßnahmen über die bekannten Messenger-Dienste, keine überbordenden Zahlen Follower in den sozialen Netzwerken. Die Tschetschenen sind eher still, weitestgehend unauffällig, und doch mischen die Clans aus dem Nordkaukasus seit Jahren in der organisierten Kriminalität in Deutschland mit.

In der Unterwelt gelten die kriminellen tschetschenischen Clans hingegen als die "Leute fürs Grobe", und sie sind dabei in erster Linie als Unterstützer anderer krimineller Gruppierungen aktiv, besonders im Bereich des Eintreibens von Schutzgeld, Erpressung, auch als Söldner bei der gewalttätigen Verteidigung oder Durchsetzung von Gebietsansprüchen für ihre Auftraggeber. Viele dieser kriminellen Tschetschenen in Deutschland sind auch militärisch ausgebildet und durch zwei nicht lange zurückliegende Kriege zuhause oft sogar kampferprobt.

Eine Schnittmenge, in der arabische und nordkaukasische Clans zusammenkommen, ist die gemeinsame Religion. Tschetschenen sind ebenfalls fast ausschließlich muslimischen Glaubens und können daraus resultierend häufig auch in arabischer Schrift und Sprache kommunizieren.  Ebenso ähneln sich – bedingt durch die gemeinsame Religion – kulturelle Abläufe und Gepflogenheiten der beiden ethnischen Gruppen stark, was auch eine Kooperation in bestimmten Kriminalitätsbereichen durchaus noch vereinfacht.

Kampferprobte Soldaten aus dem Nordkaukasus

Mit dem Zerfall der Sowjetunion begann die noch stärkere Islamisierung der Regionen im Nordkaukasus, was letztlich in zwei Kriegen mündete, die islamistische Separatisten gegen die russische Zentralregierung führten. Mit Beginn des zweiten Tschetschenienkrieg (1999) kam der größte Teil der bis heute nach Deutschland ausgewanderten Menschen aus der Kaukasus-Region als Kriegsflüchtlinge ins Land und erhielt hier Asyl. Auch nach dem Ende des Konflikts im Jahr 2009  kehrten viele Tschetschenen nicht wieder in ihre Heimat zurück und blieben in Deutschland. Zwischen 2002 und 2017 beantragen rund 36.000 Tschetschenen Asyl in Deutschland.

In der Zwischenzeit waren neben den anfänglich aus behördlicher Sicht als unauffällig eingestuften tschetschenischen Kriegsflüchtlingen auch Zehntausende nach Deutschland gekommen, die nicht mehr vor direkter kriegerischer Auseinandersetzung oder wegen Verfolgung geflohen waren, sondern etliche, die im Westen einfach nur ein besseres Leben führen wollten. Darunter waren auch viele, die schon in ihrer Heimat kriminell wurden und auf ein gut funktionierendes Netzwerk eines Verbrecher-Milieus mit weitreichenden Kontakten zurückgreifen konnten, entstanden aus der sozialen Verrohung eines schrecklichen Krieges.

Die seit Jahrhunderten bestehenden Clan-Strukturen der tschetschenischen Großfamilien sowie die tiefen Bindungen zu erst kürzlich aufgelösten militärischen Verbänden zahlten sich bei der Etablierung in der mitteleuropäischen Szene der organisierten Kriminalität in sehr kurzer Zeit aus.

Ähnlich wie die kriminellen arabischen Clans agieren auch die tschetschenischen Clans nach außen praktisch abgeschottet. Die Familie und die Ehre haben einen hoch über allem anderen stehenden Wert. Unterschiede gibt es sehr deutliche jedoch in der Mentalität zum Umgang mit der Kriminalität nach außen. Während sich die Häupter der arabischen Clan-Szene gern auch mal in Luxuswagen illegale Autorennen liefern oder sich sogar prahlend und protzend – begleitet von einem TV-Kamerateam – durch Berlin fahren lassen und dabei noch behaupten, die "Paten der Hauptstadt" zu sein, gibt es im Täterfeld aus dem Nordkaukasus so gut wie keine nachvollziehbaren Auftritte in der Öffentlichkeit oder den sozialen Netzwerken, keine Interviews. Ebenso aber auch niemanden, der umgekehrt einen wirklichen Einblick in die Parallelgesellschaft tschetschenischer Clans bekommt.