Deutschland

Gesundheitsminister Spahn: "Bis zu 40 Prozent der Bevölkerung gehören zur Risikogruppe"

Diskussionen über Maßnahmen der Regierung zur Corona-Eindämmung ebben nicht ab. Die steigende Zahl an SARS-CoV-2-Fällen und COVID-19-Patienten auf Intensivstationen stehen stets im Fokus. Laut Gesundheitsminister Spahn gehören Millionen Deutsche zur Risikogruppe.
Gesundheitsminister Spahn: "Bis zu 40 Prozent der Bevölkerung gehören zur Risikogruppe"Quelle: www.globallookpress.com © Kay Nietfeld / dpa

Mit Maßnahmen im Rahmen des sogenannten "Lockdown light" wie Kontaktbeschränkungen, dem Verbot touristischer Übernachtungen und der Schließung von Gastronomiebetrieben sowie Kultureinrichtungen will die Regierung die Zahl der täglich neu bestätigten Corona-Fälle in Deutschland schnell nach unten drücken. Zunächst sollen die neuen Regeln bis Ende November gelten. Auf diese Weise soll etwa verhindert werden, dass die Gesundheitsämter bei der Nachverfolgung von Kontakten der Corona-Fälle scheitern. Zudem soll eine Überlastung des Gesundheitssystems – allen voran der Intensivmedizin – verhindert werden.

Spahn: Wir sind ein Wohlstandsland mit Zivilisationskrankheiten: Diabetes, Bluthochdruck, Übergewichtigkeit – alles Risikofaktoren

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn macht diesbezüglich vor allem die Altersstruktur in Deutschland Sorgen. Ältere Menschen oder jene mit Vorerkrankungen stehen in der Corona-Krise im Fokus und werden zu den Risikogruppen gezählt. So sagte der CDU-Politiker am Sonntagabend im Polittalk Die richtigen Fragen bei Bild live:

Bei uns sind 23 Millionen Deutsche über 60. Wir sind ein Wohlstandsland mit Zivilisationskrankheiten: Diabetes, Bluthochdruck, Übergewichtigkeit. Alles Risikofaktoren für dieses Virus, wie für viele Infektionskrankheiten übrigens auch.

Demnach sei die Bundesrepublik nach Japan das zweitälteste Land der Welt. Laut Spahn gehören bis zu 40 Prozent der Menschen in Deutschland zur Risikogruppe.

Wenn Sie nach der Definition gehen, sind 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung Risikogruppe.

Mit Blick auf die aktuellen Corona-Zahlen und den Anstieg in den vergangenen Wochen erklärte er:

Wenn von 20.000 Neuinfizierten an einem Tag etwa zwei Prozent in die Intensivmedizin müssen, dann sind das 400 am Tag. Wenn die intensivmedizinische Behandlung und Begleitung 15 Tage im Schnitte dauert – sind das 6.000.

Derzeit werden 2.904 COVID-19-Patienten intensivmedizinisch behandelt

Diese Zahl werde Deutschland "im November noch erreichen, das ist im Grunde schon absehbar". Für das Gesundheitswesen sei diese Belastung nur "unter ziemlicher Anspannung" zu bewältigen. Er fügte hinzu: 

Wenn die Intensivmedizin mal zu voll ist, überfüllt ist, überlastet ist, dann ist es zu spät. 

Nach Angaben der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) werden derzeit 2.904 COVID-19-Patienten intensivmedizinisch behandelt. Etwas mehr als die Hälfte von ihnen wird invasiv beatmet.

Uwe Janssens, Präsident der DIVI, sagte der Deutschen Presse-Agentur, dass die Lage in den Kliniken derzeit tatsächlich sogar schlimmer sei als im Frühjahr. Am 18. April war mit 2.933 COVID-19-Patienten auf Intensivstationen der bisherige Höchststand erreicht worden. Jetzt jedoch gebe es wesentlich mehr infizierte Patienten auf den anderen Stationen – von denen ein Teil noch auf den Intensivstationen landen werde.

Die gesamte Infektionslage sei nicht mit der im April vergleichbar, so Janssens. Anders als bei der Spitze am 18. April werde diesmal kein Abflauen folgen, der Anstieg werde sich vielmehr vorerst fortsetzen, sagte Janssens weiter. Der Grund sei, dass sich die jeweilige Zahl an Neuinfektionen erst verzögert in schweren Verläufen und schließlich in der Belegung der Intensivstationen niederschlägt.

In vier Wochen werden wir die Folgen der Spitzenwerte jetzt sehen.

Virologe Stöhr: Pandemie wird so lange laufen, bis alle 83 Millionen Deutsche immun sind

Ob der verhängte Teil-Lockdown den erhofften Rückgang der Infektionszahlen herbeiführt oder ob es zu einer Verschärfung der Maßnahmen kommt, wird sich in den nächsten Tagen zeigen. Kritik an dem Vorgehen der Regierung äußerte zuletzt Klaus Stöhr, Virologe und früherer Leiter des Grippeprogramms der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) sagte er, dass Bund und Länder – gemessen an der gegenwärtigen Auslastung der Intensivbetten und der Neuerkrankungskurve – sehr früh reagieren. Gegenwärtig seien im Durchschnitt etwa zehn Prozent aller Intensivbetten mit COVID-19-Patienten belegt.  

Anfang Dezember werden wir sehen, wie weit man hier über das Ziel gehalten hat. Aber auf jeden Fall muss die Effizienz der Maßnahmen durch begleitende Studien überprüft werden. Nur so können dann datenbasierte Handlungsrichtlinien erarbeitet werden", so Stöhr.

Zwar sei der Ansatz, die Krankenhäuser nicht zu überlasten, "der richtige", doch der Pandemie-Experte fügte hinzu: 

Trotzdem wird es weiterhin selbst in Deutschland schwere Verläufe und Tausende Tote geben. Wer glaubt, wir könnten diese schlimmen Auswirkungen ungeachtet ausreichender Intensivbettenkapazität verhindern, gibt den Ärzten und Pflegern die Schuld. Aber die tun alles Menschenmögliche, um zu helfen.

Laut ihm wird die Pandemie "so lange laufen, bis alle 83 Millionen Deutsche immun sind – hoffentlich durch eine Immunisierung, aber wahrscheinlicher durch eine Infektion". Gegenüber der NOZ ergänzte er: 

Das ist schwierig zu kommunizieren und noch schwieriger zu akzeptieren. Aber so ist es nun mal bei einer Pandemie. Wir leben auf keiner Insel, die sich für immer vom Rest der Welt abkoppeln kann.

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