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Kassenärztechef: "Müssen aufhören, auf Neuinfektionen zu starren wie das Kaninchen auf die Schlange"

Während immer mehr deutsche Städte zu Corona-Risikogebieten erklärt werden und strengere Einschränkungen verfügen, warnt Kassenärztechef Andreas Gassen vor "falschem Alarmismus". Unterdessen will Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann nicht nach Berlin reisen.
Kassenärztechef: "Müssen aufhören, auf Neuinfektionen zu starren wie das Kaninchen auf die Schlange"Quelle: AFP © Sebastien Bozon

Der Unmut über immer neue Regelungen und Maßnahmen im Zuge von gestiegenen Zahlen von positiv auf das Coronavirus getesteter Personen wächst weiter. Nachdem in der Bundeshauptstadt Berlin am Samstag eine nächtliche Sperrstunde mit Alkoholverbot in Kraft getreten war, kritisiert der Chef des Kassenärzte-Verbandes Andreas Gassen diese und weitere Maßnahmen als Reaktion auf die Überschreitung der sogenannten Sieben-Tage-Inzidenz (positiv getestete Corona-Befunde der letzten sieben Tage pro 100.000 Einwohner).

"Diese Regelungswut ist oft eher kontraproduktiv", sagte er der Neuen Osnabrücker Zeitung am Samstag. Insbesondere die nun auftretenden Warnungen vor Reisen innerhalb Deutschlands, stört Gassen. Das sei eine "Pseudo-Gefahr", die von Reisen ausgehe. Sperrstunden und Alkoholverbote wie in Berlin seien "mehr als fragwürdig".

Durch den Wust an nicht nachvollziehbaren Regelungen verlieren wir aber eventuell die Akzeptanz für die Maßnahmen, die wirklich etwas bringen.

Gassen hält auch von den zahlreichen Schreckensszenarien von Politikern nicht viel, die nun wie etwa Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) vor einem Kontrollverlust in der sogenannten Pandemie warnen.

Wir müssen aufhören, auf die Zahl der Neuinfektionen zu starren wie das Kaninchen auf die Schlange, das führt zu falschem Alarmismus. Selbst 10.000 Infektionen täglich wären kein Drama, wenn nur einer von 1.000 schwer erkrankt, wie wir es im Moment beobachten.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Die Grünen) sieht es hingegen wie sein bayerischer Amtskollege. In Interviews mit verschiedenen süddeutschen Zeitungen wie der Heilbronner Stimme, dem Südkurier oder dem Mannheimer Morgen legte er den Menschen nahe, die Herbstferien zu Hause zu verbringen.

Vielleicht sollten die Bürger in den Herbstferien nicht groß in der Gegend herumreisen. Weder im Inland noch im Ausland – und schon gar nicht in Risikogebiete.

Da auch Berlin zu den sogenannten Risikogebieten zählt, reiste Kretschmann am Freitag erst gar nicht zu einer Bundesratssitzung in die Bundeshauptstadt. Er erklärte, dass er sich zwar nicht vor einer Ansteckung fürchte, aber das Risiko so klein wie möglich halte, indem er auf "Risikokontakte" verzichte und sich an die sogenannte AHA-Regel (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske) halte.

Kretschmann dämpfte außerdem die von vielen Menschen gehegten Hoffnungen, dass in der Adventszeit die äußerst beliebten Weihnachtsmärkte stattfinden können. "Wenn die Infektionszahlen weiter so ansteigen, dann wird es sehr schwierig, Weihnachtsmärkte zu veranstalten. Da sollten wir uns mal nichts vormachen", erklärte der Ministerpräsident. Es gelte, die "Kernbereiche der Gesellschaft" wie Bildung, Wirtschaft und Gesundheit nicht durch "verzichtbare Events" zu gefährden, sagte er weiter.

Wir müssen mit Blick auf Restriktionen in den Freizeitbereichen härter und in den Kernbereichen softer sein.

Angesichts der immer größer werdenden Kritik von Teilen der Bevölkerung bezüglich der Regierungsmaßnahmen rief Kretschmann die Bevölkerung auf, sich trotzdem an die empfohlenen und verordneten Corona-Regeln zu halten. Er musste allerdings eingestehen, dass den Menschen die passenden Schreckensbilder fehlen, um das alles auch umzusetzen. "Die Akzeptanz von Regeln ist erst dann stärker, wenn die Menschen schlimme Bilder sehen. Die Bilder aus Bergamo hatten eine abschreckende Wirkung", meinte der Grünen-Politiker.

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