Deutschland

Finanzminister Scholz findet sich zu "arm für die obere Mittelschicht"

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz äußerte sich gegenüber der ARD zu seiner finanziellen Situation: Er empfinde sich – trotz seiner Jahresbezüge von knapp 200.000 Euro – nicht als reich. In den sozialen Medien erntet er deswegen Unverständnis und heftige Kritik.
Finanzminister Scholz findet sich zu "arm für die obere Mittelschicht"Quelle: www.globallookpress.com © Kay Nietfeld

Der Scholz-Zug kommt langsam ins Rollen: Nach einem Auftritt in der ARD-Sendung "Bericht aus Berlin" löste Bundesfinanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz einen Shitstorm auf Twitter aus. Grund dafür ist seine eher ungewöhnliche Einordnung, die der Finanzminister zu den eigenen finanziellen Verhältnissen vornahm.  Auf die Nachfrage eines Reporters erklärte Scholz nämlich:

Ich verdien' ganz gut, aber als reich würde ich mich nicht empfinden.

Auf die Frage, ob er sich zur oberen Mittelschicht zähle, antwortete er:

Nein, so viel Geld wie derjenige, der das für sich qualifiziert hat, verdiene ich nicht und habe ich auch nicht als Vermögen.

Damit bezog sich Scholz auf den Millionär und CDU-Politiker Friedrich Merz, der sich um den Vorsitz in der CDU bewirbt und vor zwei Jahren in der Kritik stand, weil er sich mit seinem Einkommen als Teil der "gehobenen Mittelschicht in Deutschland" sah. Später gab Merz zu, Einkommensmillionär zu sein, aber nicht gerne darüber zu reden, da man "bei ihm zu Hause Angeber nicht mag".

Scholz, dessen Amtsbezüge knapp 200.000 Euro im Jahr betragen, zog nach dieser Äußerung harsche Kritik auf sich. Nach dem Institut der deutschen Wirtschaft gehören Singles mit einem monatlichen Nettoeinkommen von 3.440 Euro bereits zu den einkommensstärksten zehn Prozent in Deutschland. Paare ohne Kinder gehören mit 62.000 Euro Jahresnettobezügen erst recht dazu.

Da seine Ehefrau Britta Ernst obendrein als Ministerin für Bildung, Jugend und Sport in Brandenburg Bezüge von etwa 14.000 Euro im Monat plus Zuschlägen bekommt, gehören die Beiden zu den einkommensstärksten Haushalten in Deutschland. Die verbale Spitze von Scholz gegen Merz ging also wohl ziemlich nach hinten los: Auf Twitter empörten sich viele Nutzer über die Äußerung, kritisieren seine Realitätsferne und monierten, dass das "krankhafte Understatement von hochprivilegierten Menschen unerträglich sei". Andere Nutzer vergleichen ihn mit Merz und fragen sich, in welcher Welt Scholz lebt und warum "so jemand Finanzentscheidungen treffen darf". FDP-Fraktionsvize Christian Dürr twitterte beispielsweise:

Als Bundesminister gehören Sie, Olaf Scholz, zu den Top-5 Prozent-Spitzenverdienern. Aber reich sind anscheinend immer die anderen...

Interessant ist auch die Einschätzung des Wirtschaftsjournalisten Norbert Häring:

Die obere Mittelklasse wird langsam konkreter. Sie geht offenbar etwa vom fünfthöchsten Prozent der Einkommen zum höchsten, wenn man die Einschätzung von Scholz und Merz zum Maßstab nimmt.

Häring fragt ironisch, ob die Sichtweise von Scholz auch Auswirkungen darauf hat, was die SPD eigentlich meint, wenn sie mittlere Einkommen entlasten will. Scholz, der bereits wegen des Cum-Ex-Finanzskandals und des Wirecard-Skandals derzeit in der Kritik steht, rechnet sich trotz schwacher Umfragewerte Chancen auf einen Sieg bei der Wahl zum Bundeskanzler aus. Seiner Meinung nach sei "diese Bundestagswahl anders", und er "sei bereit, Kanzler zu werden". Umfragen sehen die SPD gegenwärtig auf Platz drei hinter der CDU und den Grünen, laut ARD-Deutschlandtrend kämen sie derzeit auf etwa 15 Prozent der Stimmen.

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