
Collagen über Jahrhunderte deutsch-russischen Kennenlernens (II)

Von Rainer Rupp
Den ersten Teil der Serie "Collagen über Jahrhunderte deutsch-russischen Kennenlernens" finden Sie hier.
Die im Laufe des 18. Jahrhunderts in Deutschland und in Russland im Entstehen begriffenen Nationalliteraturen sollte sich für die nächsten 200 Jahre und darüber hinaus immer wieder deutlich aufeinander beziehen, sowohl hinsichtlich der Personen und der Formen als auch hinsichtlich der Inhalte. In diesem Zusammenhang verweist der Autor der Collage, Dr. Thomas Hohnerlein, auf das "Handbuch der allgemeinen Geschichte der litterärischen Cultur", erstmals erschienen in Marburg in den Jahren 1804/05.
In diesem Werk verblüffe Ludwig Wachler mit der ersten vollständigen und zusammenhängenden Darstellung der Entwicklung der russischen Literatur, und durch seine Kenntnisse von Lomonossow (der übrigens von 1736–41 in Deutschland studierte), Wassili Trediakowski, Iwan Chemnitzer, Iwan Dmitrijew und Nikolai Karamsin.

In der dritten Ausgabe von 1833 fügt er u. a. Alexander Sergejewitsch Puschkin mit den Worten hinzu: "urwüchsig stark ist A. Puškin".
Laut Dr. Hohnerlein vermittelt uns Puschkin in seiner Poesie einen Eindruck, wie stark der Einfluss aus Deutschland zuweilen war; so sei z. B. der des "Stürmers und Drängers" Johann Wolfgang von Goethe auf Puschkins "Eugen Onegin" "unübersehbar". Gleich am Anfang des Romans finden wir eine Stelle, an der die junge Tatjana in ihrem Helden, Eugen, die Verkörperung einiger literarischer Gestalten, u. a. die des "Werther, dieses Herz in Flammen" sieht. Und in Tatjanas Monolog am Ende des Versromans, der sich an Eugen richtet, könne man ohne Schwierigkeiten weitgehende Übereinstimmungen mit Lottes Einrede von Goethes Werther feststellen.
Zu "Eugen Onegin" sei noch am Rande bemerkt, dass Karl Marx und Friedrich Engels ihr Studium der russischen Sprache mit einer Lektüre ebendieses Werks verbanden.
Aber nicht nur der jugendliche Stürmer und Dränger Goethe habe seine Spuren in Puschkins Werk hinterlassen, sondern auch der reife, späte Goethe und sein Opus Magnum, der "Faust". Der war für Puschkin "die größte Schöpfung dichterischen Geistes", vergleichbar mit der "Ilias" in der klassischen Literatur der Antike.
In vielen Werken Puschkins ließen sich Bezüge zu Goethes Faus finden (z. B. im "Gespräch zwischen Buchhändler und Dichter" bis hin zu den "Szenen aus der Ritterzeit") Unübersehbar ist das in einer 1825 in Michailowskoje entstandenen eigenständigen Schöpfung Puschkins, dem faustischen Gedicht "Der Dämon":
"Als ich noch jung war und mich eben
Des Lebens mächt'ger Ruf erst traf –
Ich oft den Nachtigallen lauschte
Und wie die alte Eiche rauschte.
Ein Mädchenblick ließ mich erbeben
Und raubte nachts mir wohl den Schlaf.
Und als Begeisterung sich regte,
Der Liebe Glut, des Ruhmes Glanz,
Die hohe Freiheit mich bewegte,
Mir Herz und Sinn erfüllten ganz,
Da ward die Hoffnung oft betrogen,
Vergällt ward oft mir der Genuß,
Dann heimlich kam zu mir geflogen
Ein abgrundböser Genius.
Unsre Begegnung war stets traurig,
Sein Lächeln droht mir allerwärts,
Sein Flammenblick umfaßt mich schaurig,
Gift träufelt mir sein Wort ins Herz,
Wenn er den höchsten Gott versuchte,
Mit Lästerworten, maßlos scharf,
Wenn alles Schöne er verfluchte,
Und die Begeisterung verwarf.
An Freiheit wollte er nicht glauben.
Die Liebe höhnte er so wüst.
Die ganze Schöpfung lag im Staube
Und war nicht wert, daß er sie grüßt."
Es fällt schwer, bei diesen Zeilen nicht an Faust und Mephistoteles zu denken, meint Hohnerlein und verweist als Nächstes auf das das Gedicht "Der Dolch", das Puschkin dem radikalen deutschen Burschenschaftler und Mörder von August von Kotzebue, Karl Ludwig Sand, gewidmet hat. Es dürfe vermutet werden, so der Autor, dass dieses Gedicht Puschkins patriotische Kritik an der zunehmend autokratischen Herrschaft des einst eher als liberal angesehenen Zaren Alexander I. zur Grundlage gehabt hatte.
Es war die Zeit unmittelbar nach den Karlsbader Beschlüssen, als die Teilnehmer des Wiener Kongresses die angestrebte Restauration der autoritären, teils noch absolutistischen Feudalherrschaft durch Einschränkung der Pressefreiheit und offene Zensur abzusichern suchten. Auch Puschkin war unmittelbar von Zensurmaßnahmen der Zaren (insbesondere auch von Alexanders Nachfolger Nikolai I.) betroffen, wodurch er sich nicht selten gezwungen sah, seine Werke in Teilen zu verstümmeln, damit er sie überhaupt publizieren konnte, ergänzt Dr. Hohnerlein und fügt als Beispiel einen kurzen Ausschnitt aus Puschkins "Der Dolch" an:
"Der Pöbel rast, entfacht die wilde Rebellion,
Das Blut schäumt, finstere Gewalten
Enthaupten Liberté, verwalten
Wird nun als Schreckensmacht der Henker ihren Thron.
Er ordnet neu die Welt, mit einem Fingerschnippen
Schickt er zum Hades seinen Feind.
Doch ein Jüngling flink erscheint
Und stößt den Dolch ihm in die Rippen.
Oh du vom Schicksal auserwählter junger Held,
Oh Sand, du gabst dein Leben hin.
Dein Körper durch das Richtschwert fällt,
Doch auferstehen wird dein stolzer Sinn.
In deinem deutschen Marterland bleibst du Gefahr,
Als ewger Schatten fürchtet dich die Macht,
Und über deinem Grabe wacht
Des Dolches Schneide unsichtbar."
Deutlich trifft hier laut Hohnerlein Rosa Luxemburgs Aussage von 1918 zu, als sie ausdrücklich auf den gesellschaftlichen Bezug in Puschkins Schaffen hinwies und schrieb, dass die russische Literatur, mit Puschkin und Michail Lermontow beginnend, "in unvergleichlichem Glanz eine sichtbare Fahne vor der Gesellschaft ausgerollt" habe.
Später fanden sozialistische und antifaschistische Schriftsteller während der Hitlerdiktatur in der Emigration verstärkt Zugang zu einem inzwischen vollständigeren und unzensierten Puschkin-Bild.
So schrieb z. B. Erich Weinert 1890–1953), ein deutscher Kommunist, 1937 ein rebellisch-proletarisches Gedicht mit dem Titel "Puschkin in einer regendichten Abenddämmerung am Fenster in seiner dunklen Stube in Michailowskoje":
"Tot ist der Abend.
meiner Seele Segel,
Das heitren Tags von Sonnenwind geblähte,
Hängt schlaff und naß, und morsch bis in die Nähte.
Doch bin ich noch nicht mürb, gekrönter Flegel.
Tief ist die Nebelnacht.
Doch über sie
Wölbt sich mein Himmel, den du nie erflügelt.
Ein süßes Mittel hast du ausgeklügelt:
Ein feines Gift ist die Melancholie.
In deinen Sälen ist nicht Nacht und Nebel.
Dort frißt man sich am Fleisch des Volkes satt.
Das Volk kann noch nicht schreien, da es den Knebel
der Bojarenfaust noch im Rachen hat.
Von tausend Kerzen flammen die Paläste.
Kein Aufruhr stört die Symphonie der Feste.
Schon schloß das Eis der Newa schwarzes Maul.
Und schwarz liegt die Bastille Peter-Paul.
Nun kommt die Nacht mit nassen Leichenhänden.
Was kriechst du unter meinem Fenster hin,
Armseliger Knecht?
Mußt du dich selber schänden?
Du weißt doch, daß auch ich gefangen bin!
Krumm streichst du wie ein scheues Tier ums Haus.
O könnt ich deinen Rücken grademachen!
Ich würde einen Donnerwind entfachen,
Der blies in Petersburg die Kerzen aus.
Rot wird der Nebel,
Wie von fernem Brande –
Da strömt es,
Regiment an Regiment!
Da kommt mein Volk.
Und seine Fahne brennt.
Und wo sie brennt, wird's hell im Vaterlande.
Ich fühl den heißen Brand mir im Gesicht.
Ich seh mein Volk mit stolzen Stirnen schreiten ...
O sklavisches Jahrhundert!
Dieses Licht
In meiner Seele, du erstickst es nicht,
Auch nicht in der Verbannung Dunkelheiten".
Thomas Mann, der weitaus als einer der größten – und oft sogar als der bedeutendste – deutschsprachige Schriftsteller und Literat des 20. Jahrhunderts gilt, schrieb über Puschkin:
"Nach den dichterischen Genien meiner Liebe und Wahl befragt, und sollten es auch nur sechs sein, nur vier, würde ich Puschkins Namen nicht vergessen ... Puschkin, der slawische Lateiner, war volksecht und europäisch wie Goethe, wie Mozart."
Bei Puschkin, der noch in der Enge des scheinliberalen Zarismus Alexanders I. und der schon wieder offen reaktionären Regentschaft Nikolais I. nach dessen Niederschlagung der Dekabristen lebte und arbeitete, deutete sich in seinem Sand gewidmeten Gedicht "Der Dolch" das neuerliche Aufbrechen der gesellschaftlichen Widersprüche schon an.
Alexander Herzen (Iskander), geboren in Russland im Jahr 1812, wird mitten in diese bedeutungsschwangeren Zeiten hineinwachsen. Als Heranwachsender und Erwachsener unternahm er mehrere Reisen nach Westeuropa. Dort verbrachte er zahlreiche, teils längere Aufenthalte (teilweise durch Exil begründet) u. a. auch in Deutschland und später in England. Diese Begegnungen mit der westeuropäischen Kultur und Politik sollten starken Einfluss auf seine geistige Entwicklung haben.
1837, im Todesjahr Puschkins, und 1838 hielt er sich in Dresden und der Schweiz auf, wo er seine Kenntnisse der deutschen Philosophie intensivierte. Er lernte schon als junger Mann Deutsch und las früh Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Immanuel Kant, Johann Gottlieb Fichte und Ludwig Feuerbach. Hegel blieb seine wichtigste Bezugsperson, und Herzen selbst betrachtete sich später als "linken Hegelianer". 1849/50 hielt er sich in Berlin, Potsdam und Hamburg auf. Nach der Niederschlagung der bürgerlichen Revolution von 1848/49 beobachtete Herzen in Berlin das politische Klima im restaurativen Preußen. 1850 verfolgte er den Kölner Kommunistenprozess.
Aus seiner Zeit in England, wo er 1852 ankam, stammt folgende Charakterisierung der deutschen Emigration, die der Niederschlagung der Revolution 1849 folgte. Mit Witz und Ironie zeichnet er ein Bild der deutschen Anführer der bürgerlichen Revolution. Laut Dr. Hohnerlein, auf dessen in Teil I vorgestellten ausführlichen Recherchen ("Collage") dieser Artikel sich bezieht, würde es sich lohnen ein ganzes Kapitel aus Herzens Beschreibung ausführlich zu zitieren. Denn "man fühlt sich auch hier an aktuelle Charaktere und ihre Auseinandersetzungen in der Linken erinnert", so Hohnerlein:
"Die deutsche Emigration unterschied sich von den anderen durch ihren schwerfälligen, langweiligen und zänkischen Charakter. Es gab bei ihr keine Enthusiasten wie bei den Italienern, es gab weder Hitzköpfe noch rasche Zungen wie bei den Franzosen. Die anderen Emigrationsgruppen zeigten wenig Neigung, mit ihnen in nähere Beziehungen zu treten; der Unterschied in den Manieren, im Habitus, veranlasste sie, eine gewisse Distanz zu wahren; die französische Frechheit hat nichts gemein mit der deutschen Grobheit.
Der Mangel an allgemein üblicher weltmännischer Haltung, der schwerfällige schulmäßige Doktrinarismus, die übermäßige Vertraulichkeit, die überflüssige Offenherzigkeit bei den Deutschen erschwerten für Leute, die daran nicht gewöhnt waren, den Umgang mit ihnen. Aber auch die Deutschen selbst waren nicht sonderlich um Kontakt bemüht, da sie sich einerseits in ihrer wissenschaftlichen Entwicklung für weit höherstehend als anderen betrachteten, anderseits in Gegenwart der übrigen das peinliche Gefühl nicht loswurden, das Provinzler in einem großstädtischen Salon und Beamte in einem aristokratischen Kreis befällt.
Innerhalb der deutschen Emigration herrschte dieselbe Zerfallenheit wie in ihrer Heimat. Einen gemeinsamen Plan hatten die Deutschen nicht, ihre Einheit wurde aufrechterhalten durch gegenseitigen Hass und boshafte gegenseitige Verfolgungen. Die besten unter den deutschen Verbannten fühlten dies. Tatkräftige Menschen, reine Menschen, kluge Menschen wie K. Schurz, wie A. Willich, wie Reichenbach gingen fort nach Amerika. Sanft geartete Menschen schützten ihre Geschäfte vor, entschuldigten sich mit den Londoner Entfernungen, wie es Freiligrath tat. Die übrigen, mit Ausnahme von zwei, drei Anführern, rissen einander in unermüdlichem Ingrimm in Stücke und schonten weder Familiengeheimnisse, noch verschmähten sie die ärgsten kriminellen Anschuldigungen."
Im nachfolgenden Teil III wächst die Zahl der großen russischen und deutschen Dichter und Denker, die einander befruchtet und hoch geschätzt haben exponentiell an, angefangen mit der Freundschaft zwischen Theodor Storm und Iwan Turgenjew.
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