"Die Nacht vor Weihnachten": Wie ein deutscher Regisseur eine russische Oper vorm Vergessen bewahrte

Ein seltenes Opernwerk, das auch im Land seines Urhebers nur wenig bekannt ist, wird derzeit in Frankfurt am Main ein großer Publikumserfolg. Die Rede ist von der 1895 in Sankt Petersburg uraufgeführten Oper des russischen Komponisten Nikolai Rimski-Korsakow "Die Nacht vor Weihnachten".

von Wladislaw Sankin

Was verbindet das ausgehende und kommende Kulturjahr am besten? Eine gelungene Erstaufführung einer Opernrarität im Dezember, die auch im Januar noch drei weitere Male auf die Bühne zur Aufführung kommt. Umso mehr ist es der Fall, wenn die Premiere wegen der geänderten Corona-Auflagen erst beinahe abgesagt und am Ende doch aufgrund eines Bittbriefes des Intendanten an den Ministerpräsidenten gerettet wurde. Und natürlich erst recht, wenn sie zu einem Publikumserfolg wird.

All das ist derzeit an der Oper in Frankfurt am Main der Fall, wo die fast vergessene Oper des russischen Komponisten Nikolai Rimski-Korsakow "Die Nacht vor Weihnachten" zur Aufführung kommt. Die Kunstkritiker zeigten sich begeistert. So oder ähnlich werteten Musik-Kolumnisten die Premiere:

"Die Premiere in Frankfurt, kurzfristig von voller Platzkapazität auf Schachbrettmuster umgestellt, geriet zu einem riesigen und heftig bejubelten Erfolg. Das Publikum zeigte sich begeistert von dem Werk und seiner fulminanten Realisierung. Besetzung, Inszenierung und musikalische Leistung rückten Rimski-Korsakows Oper ins bestmögliche Bühnenlicht."(Die deutsche Bühne)

Vor allem die Tatsache, dass diese Oper auch den versierteren Musikliebhabern kaum bekannt war, sorgte für Erstaunen. In Deutschland wurde das aus dem Jahr 1895 stammende Werk bislang nur ein einziges Mal aufgeführt – im Jahre 1940 unter dem Titel "Sonnenwendnacht" – was eher einem heidnischen Weihnachtskult in der Nazizeit als wahrer Liebe zur russischen Musik zu verdanken war.

Aber auch in ihrem Urheberland gilt "Die Nacht vor Weihnachten" im besten Fall als Geheimtipp. Immerhin wurde das 177. Geburtsjahr des Komponisten in seiner Heimatstadt Tichwin mit einer Aufführung dieser Oper unter der musikalischen Leitung des Star-Dirigenten Waleri Gergijew gefeiert.

Die Premiere in Frankfurt am Main mag eine Überraschung sein, ein Zufall ist sie aber keineswegs. Die Wiederentdeckung dieses Opern-Erbes des sonst für seine symphonischen Dichtungen und Ouvertüren bekannten Komponisten gehört seit fast einem Jahrzehnt zum Trend auf europäischen Bühnen. Zu verdanken ist das zunächst dem russischen Regisseur Dmitri Tschernjakow, der das Spätwerk Korsakows "Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch und von der Jungfrau Fewronija" in Amsterdam in März 2012 erfolgreich aufführte. Und so, wie es in der kleinen Opernwelt üblich ist, spricht sich das herum. Damals hatte die Oper und diese Aufführung den renommierten deutschen Regisseur Christof Loy tief beindruckt. Doch es dauerte noch Jahre, bis er die alte, von ihm selbst seinerzeit auf dem Flohmarkt erworbene СD "Die Nacht vor Weihnachten" in seiner Sammlung wiederentdeckte.

Verzaubert von dieser Musik, war nun sein Anliegen, auch die Kollegen und allen voran den Musikdirektor in Frankfurt Sebastian Weigle von seiner Wahl für eine nächste Bühneninszenierung zu überzeugen. Das dürfte jedoch nicht allzu schwergefallen sein, denn auch Weigle hat ein Faible für die russische Musik. Die beiden haben auch schon zuvor gemeinsam mit dem weniger bekannten Material russischer Komponisten gearbeitet. Die Musik sei so überwältigend, dass die beiden nach Schilderung Weigles manchmal einander vor Freude und Begeisterung in die Arme gefallen sind. Aus dem Kompagnon wurde ein Weggefährte.

"Wir wollen dieses Stück der Welt zeigen und für die Nachwelt retten", sagte Weigle in einem Interview.

Was ist aber an dieser mit Folklore gefüllten, mehr als zweistündigen Oper so besonders? Da sie nach einer Erzählung des aus der Ukraine stammenden russischen Schriftsteller Nikolai Gogol als Vorlage komponiert wurde, ist sie eigentlich am besten mit etwas Vorkenntnis der russisch-ukrainischen Kultur zu verstehen. Doch in der Musik des russischen Komponisten gibt es viele Schlüsselelemente, die sie universell machen. Dazu gehört die musikalische Vorstellung des nächtlichen Himmels, für "Die Nacht vor Weihnachten" von den ersten Akkorden an eines der musikalischen Hauptmotive.

"Die Sterne Rimski-Korsakows sind ein Wunderwerk. Wer einmal gehört hat, wie diese Sterne aufblinken, wie sie fallen und wie sie strahlen, der wird das nicht vergessen", schrieb die Musikkritikerin Sigrid Neef.

Der Regisseur Christoph Loy ist auch von der "kosmischen" Ouvertüre angetan:

"Schon beim ersten Hören der Ouvertüre faszinierte mich, dass sich dort im wahrsten Sinne des Wortes ein Kosmos eröffnet, den ich nahezu magnetisch finde. Neben dem musikalischen Zauber machten mich insbesondere die surreal fantastischen, grotesken und komödiantischen Elemente neugierig, zudem ich immer auf der Suche nach Stoffen bin, in denen gelacht werden kann", sagt er im Gespräch mit dem Dramaturgen Max Enderle.

Der Dirigent Sebastian Weigle, der das Stück mit seinem Orchester zum ersten Mal komplett einstudieren musste, beschrieb auch den Zauber der Ouvertüre ausführlich:

"Man hört in der Musik, wie der Vorhang aufgeht, der Kontrabass stampft, mit kurzen Akkorden ein, dann zeichnen die Klarinetten und die Flöten mit Glissandi eine Schneeböe, die Streicher wabern – fast wir beim Rheingold. Das Horn beschreibt die Weite des Horizonts. Jetzt setzt das Glockenspiel ein: Die Sterne gehen auf. Das ist so feinsinnig gemacht, so plastisch. Ein Meister der Instrumentationskunst ist dieser Rimski-Korsakow – ich bin ein so großer Fan von diesem Stück geworden", sagte er im Gespräch mit der Frankfurter Neuen Presse.

In Frankfurt am Main sorgten nicht nur Loy und Weigle dafür, dass sich das Publikum volle acht Minuten lang nach dem letzten Akkord beim Ensemble mit frenetischen Applaus bedankte. Das aufgeräumt-fantastische, "himmlische" Bühnenbild, die aufwendigen Tanzeinlagen, Stunt-Choreographien, Chöre und natürlich die zahlreichen Sänger trugen genauso zum Erfolg bei wie die beiden "Urväter" dieser Aufführung.

Da "Die Nacht vor Weihnachten" wie auch eine Reihe anderer Opernwerke dieses herausragenden Komponisten so unverdient in Vergessenheit geraten sind, sieht sich Loy heute in einer Vermittlerrolle – etwa wie damals Rimski-Korsakow selbst, der als "Großrusse" verschiedentlich "kleinrussische" ukrainische folkloristische Motive aufgegriffen hat und mit christlich-orthodoxen und heidnischen Traditionen zu verbinden verstand.

Der Erfolg in der Mainmetropole spricht sich mittlerweile schon in der Opernwelt herum – und wie der Autor dieser Zeilen aus Gesprächen mit einschlägigen Experten bei der Premiere erfahren hat, könnte in Österreich bald schon die nächste Inszenierung einer Oper von Rimski-Korsakow beginnen. Auch eine Reproduktion der Aufführung in der Frankfurter Oper als DVD-Aufnahme ist zu erwarten. Bereits jetzt verfügbar ist ein sehenswertes 7-minütiges Video des Hauses über das Stück und seine Geschichte.

Die nächsten (ausverkauften!) Aufführungen in Frankfurt am Main finden am 1., am 2. und am 8. Januar statt. 

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