Gesellschaft

UNICEF: Erstmals seit 20 Jahren steigt Kinderarbeit weltweit an

Zum ersten Mal seit 20 Jahren liefert UNICEF besorgniserregende Nachrichten in Bezug auf Kinderarbeit. Die Zahl ausgebeuteter Kinder wächst zum ersten Mal seit zwei Jahrzehnten an. Die Corona-Krise droht weiteren Millionen Jugendlichen zum Verhängnis zu werden.
UNICEF: Erstmals seit 20 Jahren steigt Kinderarbeit weltweit anQuelle: Gettyimages.ru

Fast jedes zehnte Kind weltweit muss Arbeit verrichten, die für die kindliche Entwicklung schädlich ist. Im vergangenen Jahr waren nach Schätzungen weltweit 160 Millionen Menschen zwischen fünf und 17 Jahren hiervon betroffen, wie die Weltarbeitsorganisation ILO und das UN-Kinderhilfswerk UNICEF im Vorfeld des Welttags gegen Kinderarbeit am kommenden Samstag berichten. Somit ist erstmals seit 20 Jahren die Zahl der arbeitenden Minderjährigen gestiegen, um 8,7 Millionen seit dem Jahr 2016. UNICEF-Chefin Henrietta Fore sagte:

"Im zweiten Jahr mit Lockdowns, Schulschließungen, wirtschaftlichen Verwerfungen und schrumpfenden nationalen Budgets stehen manche Familien vor einer herzzerreißenden Wahl."

Fore rief Regierungen und Entwicklungsbanken auf, dafür zu sorgen, dass Kinder von der Arbeit zurück an die Schulbank kommen. ILO-Chef Guy Ryder verlangte Investitionen in Arbeitsplätze, sodass Eltern genügend Geld für die Familien verdienen können. Der Anstieg bei der Kinderarbeit ist nicht auf die Corona-Pandemie zurückzuführen, wie die Autoren betonen. Erste Untersuchungen deuteten vielmehr daraufhin, dass wegen des Konjunktureinbruchs weltweit weniger Minderjährige einer wirtschaftlichen Aktivität nachgingen. Die Daten werden alle vier Jahre erhoben.

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Langfristig dürften die Folgen der Pandemie die Lage verschärfen. Wegen der wachsenden Armut könnten bis Ende 2022 weitere neun Millionen Minderjährige zur Arbeit gezwungen sein, so der Bericht. Manche Familien wüssten sich nicht anders zu helfen, als ihre Kinder zur Mitarbeit heranzuziehen, um nicht hungern zu müssen. Die UNICEF-Chefin betonte in diesem Zusammenhang:

"Wir verlieren den Boden unter den Füßen im Kampf gegen die Kinderarbeit."

Wenn Minderjährige im Haushalt helfen oder sich Taschengeld verdienen, ist dies gemäß UN-Definition keine Kinderarbeit. Laut ILO geht es um Ausbeutung, schwere körperliche Arbeit, die den jungen Menschen ihre Kindheit, ihr Potenzial und ihre Würde stiehlt und für ihre physische und geistige Entwicklung schädlich ist.

Seit dem Jahr 2016 war der Anstieg der Kinderarbeit besonders stark unter den Jüngeren zwischen fünf und elf Jahren. Diese machen jetzt mehr als die Hälfte der Betroffenen aus. Seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2000 bis ins Jahr 2016 war die Zahl arbeitender Kinder weltweit um 94 Millionen gesunken. Jungen sind deutlich häufiger betroffen und machten Anfang 2020 97 der 160 Millionen Kinder aus, die von Kinderarbeit betroffen waren. Der geschlechtsspezifische Unterschied schwindet jedoch um die Hälfte, wenn Hausarbeit mindestens 21 Stunden pro Woche verrichtet wird, heißt es in dem Bericht.

Prekär sei die Lage vor allem in Afrika, während die Zahl in der Region Asien und Pazifik sowie in Lateinamerika und der Karibik zurückgegangen sei. Allein in Afrika südlich der Sahara arbeiten inzwischen mehr Kinder als im Rest der Welt zusammen. Kinderarbeit kommt besonders oft innerhalb der Familien vor, vor allem in der Landwirtschaft. Dieser Anteil liegt bei rund 70 Prozent. In der Dienstleistungsindustrie arbeiten 20 Prozent, in Industriebetrieben zehn Prozent der betroffenen Kinder.

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(rt/dpa)