Gesellschaft

Zurück ins "medizinische Mittelalter"? Die unterschätzte Gefahr multiresistenter Keime

Multiresistente Keime sind eine große Bedrohung für die Menschheit. Schon heute sterben jährlich weltweit 700.000 Menschen an Infektionen mit ihnen – 2050 könnten es zehn Millionen sein. Vorangetrieben wird ihre Verbreitung durch massiven Einsatz in der Tierproduktion.
Zurück ins "medizinische Mittelalter"? Die unterschätzte Gefahr multiresistenter KeimeQuelle: www.globallookpress.com © Revierfoto / dpa

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben jedes Jahr weltweit 700.000 Menschen an Infektionen mit multiresistenten Erregern – davon etwa 33.000 in Europa. In einem Interview im Dezember 2020 warnt Caroline Schweizer, medizinische Beraterin des US-Pharmakonzerns Pfizer im Bereich Antiinfektiva, vor einem rasanten Anstieg der Infektionen. Schon jetzt gebe es eine "weit höhere Dunkelziffer". Forscher aus Großbritannien schätzen, dass multiresistente Keime im Jahr 2050 "rund zehn Millionen Menschen weltweit das Leben kosten werden, wenn die Entwicklung im gleichen Tempo voranschreitet". Ein entscheidender Faktor bei der Ausbreitung von Resistenzen ist der massive Einsatz von Antibiotika in der Tierproduktion.

Schweizer warnt, die Verbreitung multiresistenter Keime könne "für die Menschheit perspektivisch zu einer noch größeren Bedrohung werden" als das Coronavirus. Die Entstehung von Resistenzen ist ein natürlicher Prozess. Bei dem Einsatz eines Antibiotikums bleiben immer einzelne Erreger zurück, "die zufällig resistent sind". Diese können die Resistenz an "andere Bakterien weitergegeben", auch dann, "wenn sie einer anderen Art angehören". Die Ausbreitung der Resistenzen kann dazu führen, dass "all unsere verfügbaren Antibiotika nicht mehr wirksam sind".

"Dann wären wir wieder im medizinischen Mittelalter. Wir würden wieder in einer Welt leben, in der jeder Mensch an einer einfachen Wundinfektion oder einer Lungenentzündung sterben kann. In der es für einen 25-Jährigen einem Todesurteil gleichkommt, wenn er beispielsweise nach einem Fahrradunfall eine Wundinfektion entwickelt. Die gesamte moderne Medizin, wie wir sie kennen, wäre in Gefahr."

Vorangetrieben wird die Resistenzbildung durch "den übermäßigen Gebrauch von Antibiotika in Situationen, in denen sie gar nicht nötig sind, etwa bei Virusinfekten". Allerdings ist die beim Menschen eingesetzte Menge gering im Vergleich mit der Tierproduktion.

Im am 6. Januar veröffentlichen "Fleischatlas 2021", der von der Heinrich-Böll-Stiftung, dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der Zeitung Le Monde Diplomatique herausgegeben wird, berichten die Autoren, dass 73 Prozent aller weltweit verkauften Antibiotika für Tiere genutzt werden. Schätzungsweise 160.000 Tonnen Antibiotika wurden im Jahr 2020 in der Tierproduktion eingesetzt – 2010 waren es noch knapp 63.000 Tonnen. Antibiotika werden teilweise an gesamte Viehbestände verfüttert, um enge und elende Haltungsbedingungen zu überstehen und schneller Fett anzusetzen.

"Antibiotika senken die Kosten der Tierproduktion auf vielfältige Weise. Sie können Missstände bei Hygiene, Haltung und Betreuung des Viehs kurzfristig überdecken und verursachen dennoch nur ein bis drei Prozent der gesamten Erzeugungskosten. In einigen Ländern, darunter auch Brasilien, ist ihr Einsatz zur Leistungssteigerung erlaubt. Die Tiere verwerten ihr Futter besser und nehmen schneller zu; in der EU ist diese Anwendung verboten."

Der Import des Fleisches aus Brasilien ist in der EU erlaubt. Aber auch die Fleischproduktion der EU ist beteiligt an der Produktion multiresistenter Keime. Im Fleischatlas wird eine Studie der Organisation Germanwatch aufgegriffen. Darin wurden Hähnchenfleischproben führender europäischer Geflügelkonzerne aus fünf EU-Ländern untersucht. Auf 51 Prozent der Proben fanden die Forscher Krankheitserreger mit Antibiotikaresistenzen – "auf 35 Prozent der Laborproben waren es sogar Erreger, die gegen Reserveantibiotika resistent sind".

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Reserveantibiotika sind die "letzten Mittel", die gegen zunehmende resistente Bakterien eingesetzt werden können. Nach Vorgaben der WHO gelten diese als Notfall-Antibiotika und sind dem Menschen vorbehalten, wenn andere Antibiotika nicht mehr wirken. Studien wie die von Germanwatch belegen, dass die Reserveantibiotika vermehrt in der Tierproduktion eingesetzt werden. Damit gehen der Medizin die Optionen aus, bei einer Ausbreitung der multiresistenten Keime.

"Seit 2007 ist keine neue Antibiotikaklasse gegen Infektionen bei Menschen und Tieren auf den Markt gekommen. Es gibt also keine neuen Wirkungsmechanismen oder Wirkstoffe. Im Gegenteil: Der Patentschutz für viele Antibiotika ist ausgelaufen, und die Medikamente sind für wenig Geld verfügbar."

Die Marktorientierung der Pharmaindustrie behindert zudem die Forschung an neuen Reserveantibiotika. Denn "aus unternehmerischer Sicht" lohnt sich die Medikamentenproduktion nur, "wenn davon möglichst viel verbraucht wird".

"Die Marktlogik widerspricht daher dem Ziel, die Wirksamkeit der vorhandenen Mittel möglichst lange zu erhalten, indem man sie nur im Notfall einsetzt."

Die Pfizer-Beraterin Schweizer betont die Schwierigkeiten bei der Entwicklung neuer Antibiotika. Es gebe bereits verschiedene Angriffspunkte in der Bakterienbekämpfung: "etwa die Proteinsynthese oder den Stoffwechsel des Bakteriums". Allerdings seien die Wirkprinzipien begrenzt.

Heutzutage stelle sich für kleinere Biotech-Unternehmen, die in dem Bereich forschen, oft hohe Kosten-Hürden. Es sei für sie fast unmöglich, ein Produkt auf den Markt zu bringen. Die größeren zögen hingegen lukrativere Produkte vor.

"Rein wirtschaftlich betrachtet ist die Entwicklung eines neuen Antibiotikums in vielen Fällen ein Verlustgeschäft. Die Tagestherapiekosten für ein Krankenhausantibiotikum, das keinen Patentschutz mehr hat, sind sehr niedrig, liegen zum Teil sogar im einstelligen Bereich. Zudem sollen neue Antibiotika, die auch bei multiresistenten Erregern noch wirksam sind, ja möglichst selten eingesetzt werden, damit sie lange als Therapieoption erhalten bleiben. Es liegt somit auf der Hand, dass die Ausgangsbedingungen, um in die Entwicklung neuer Antibiotika zu investieren, nicht unbedingt optimal sind."

Schweizer schlägt diesbezüglich besondere Förderprogramme für forschende Unternehmen vor sowie "neue Erstattungssysteme für Antibiotika in der Klinik, da der Einsatz innovativer, teurerer Reserveantibiotika genauso wenig wie eine umfangreiche Resistenztestung in den DRG-Fallpauschalen ausreichend abgedeckt ist". Die Autoren des Fleischatlas fordern hingegen

"bessere Tierschutzgesetze, ein Verbot der Reserveantibiotika im Stall und hohe Abgaben auf andere Antibiotika, damit Tierschutz mit möglichst wenig Antibiotika für die Landwirtschaft attraktiver wird".

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